Himmlischer Beistand für WM-Kicker

2. Juli 2010, 19:23
19 Postings

Seltsam: Obwohl so viele Ballkünstler flehend oder dankend nach oben deuten, gibt es noch immer keinen Schutzpatron für ihre Profession - Vorschläge, diesem unerhörten Defizit abzuhelfen

Maradona (in Argentinien selbst schon als Gott verehrt) schlägt gerne das Kreuz vier- bis fünfmal über die Brust. Viele seiner Spieler folgen ihm darin, und die blau-weiße Truppe gilt als WM-Favorit. Aber reichen solche Gesten tatsächlich aus, um wirklich himmlische Unterstützung zu erhalten?

Ich sage: Sicher ist sicher und schlage daher - ungeachtet des von der Fifa erlassenen Verbots für religiöse Gesten und Symbole, an das sich sowieso keiner hält - vor, zumindest bei den katholischen Spielern (die bei den verbliebenen Mannschaften inzwischen die konfessionelle Mehrheit stellen) die gute alte Heiligenanrufung zu reaktivieren.

Kaum zu glauben, aber wahr: Während sich Isidor von Sevilla als Heiliger des Internet durchgesetzt hat, während Fernsehen (Clara v. Assisi), Weltraumfahrt (Joseph von Copertino) und Telekommunikation (Erzengel Gabriel) längst ihre offiziellen Patrone besitzen, fehlt bis dato ausgerechnet dem Fußball ein allgemein anerkannter Patron.

Dennoch muss kein Suchender verzweifeln.An sinnvollen Behelfsheiligen herrscht kein Mangel: Als Schutzheiliger der Athleten gilt etwa der hl. Sebastian, wenngleich das Erdulden mannigfacher Pfeilwunden nicht präzise zur Arbeitsbeschreibung unserer Rasenmillionäre gehört.

Stoßgebete zum jeweiligen Nationalheiligen? Die Engländer haben versäumt, den Hl. Georg anzurufen, der zudem als Patron der Artisten fungiert, Frankreich schied früh trotz Jeanne d'Arc aus, und zu Italien passte der sanfte hl. Franz aus Assisi sowieso überhaupt nicht. Die sich ebenfalls eifrig bekreuzigenden siegreichen Slowaken hatten zwar den Schutz des hl. Martin, aber er versagte gegen die hedonistisch-libertären Niederländer. Deutschland könnte immerhin den auch bei Muslimen und Evangelischen bekannten Erzengel Michael aufbieten (dessen übernommene Militanz allerdings käme bei den FIFA-Schiedsrichtern schlecht an) oder den hl. Bonifaz. Der wäre ein falsches Signal: Das berühmte Umhauen der Donarseiche läßt an Holzhackerkicken denken, nicht an die angestrebte höhere Ballkunst, der sich das junge deutsche Multikulti-Team verschrieben hat.

Elfmeter-Spezialist 

Gehen wir einmal induktiv vor: Wer hilft in zwei der schwierigsten Situationen - Elfmeter und Seitenstechen?

Der ideale Elfmeterheilige ist der hl. Dionys (Denis) von Paris. Er trägt eine Kugel in seinen Händen. Als er im 3. Jh. sein Martyrium erlitt - Enthauptung - , erhob er sich wieder und trug seinen Kopf noch zwei Stunden weit weg. Dies qualifizierte ihn zum Patron gegen Kopfweh im wörtlichen wie im übertragenen Sinn - gegen die Seelenleiden der Prüfungsangst. Ein Übel das sich insbesondere Schützen überhaupt nicht leisten können - weshalb er auch zu deren Patron wurde.

Wegen Seitenstechen, das etwa ab der 76. Minute vor allen bei temporeichen Begegnungen grassiert, musste schon manches Idol ausgewechselt werden. Hier bietet sich der Erzmärtyrer Stephan als Ansprechpartner an. Er wurde unter der Beschuldigung, Moses beleidigt zu haben, zu Tode gesteinigt. Dies qualifizierte ihn zum Patronat gegen Steinleiden (Galle, Niere) und das in den Symptomen ähnliche Seitenstechen.

Wer aber könnte das allgemeine Patronat über den Fußball halten? Viele Experten halten den hl. Johannes (Giovanni) Don Bosco für die geeignetste Besetzung. Fußball spielen alles in allem junge Leute, auch wenn man gelegentlich schon mit 27 als "altes Eisen" verhöhnt wird. Fußball soll ein unsichtbares Freundesband der Völker stiften, jedenfalls hätte Schiller das so formuliert. Stichworte: Jugend, Freundschaft, Freude, Ballkunst, Feste. Wer könnte bei solchen wunderbaren Zielen mehr helfen als Don Bosco?

Er ist am 16. August 1815 in Becchi bei Turin geboren und starb am 31. Januar 1888 in Turin (Gedenktag). Als junger Priester holte er die verwahrlosten Jungen von der Straße und schenkte ihnen das Gefühl der Zugehörigkeit. Dem ersten folgten andere, tausende im Laufe der Jahre. Als Don Bosco schließlich wegen seiner Rangen die Pfarrstelle verlor, verlegte er seine Tätigkeit auf eine Wiese. Dort setzte er sich auf einen Hügel, erzählte fesselnde Geschichten, verblüffte sein Publikum mit der Vervielfältigung von Eiern oder der Verwandlung von Wasser in Wein. Er spielte mit ihnen Ball und Verstecken, ging auf den Händen und konnte kunstvoll pfeifen. Die Jungen vergötterten ihn und liefen ihm bis zu sechzig Kilometer entgegen.

Don Bosco, wer sonst? 

Da er sich als armer Bauernjunge sein Priesterstudium selbst verdient hatte, verfügte er über die erstaunlichsten Kenntnisse. Er konnte mit Schreinerhobel und Säge umgehen, Schuhwerk flicken, schmieden, Hosen nähen und Pasteten backen, zaubern, Geige und Orgel spielen, am Seil tanzen und Salto mortale springen. Den Stellenlosen besorgte er Arbeit und hungernden Waisen Freiplätze in frommen Familien. Er stiftete die Kongregation der Salesianer (http://www.sdb.org/) und bis zu seinem Tode empfingen über 200.000 Zöglinge die Wohltaten seiner Genossenschaft.

Wunderbar wäre es, wenn Fußballspieler Don Boscos Gabe der Bilokation nutzen könnten. Folgende Begebenheit ist in seinem Heiligsprechungsprozess bezeugt: Einem Pater in Barcelona erschien er nachts im dortigen Jugendheim, weckte ihn und führte in in den großen Schlafsaal. Dort deutete er auf einen Musiklehrer, in dessen Nähe zwei Knaben schliefen: "Statt seine Kunst und die Tugend zu lehren, verführt er diese Jungen, treibt mit ihnen Unkeuschheit, manchmal in seinem Zimmer, manchmal im Musiksaal. Und alle drei verbreiten gemeine Reden." Als er sich verabschiedet hatte, ging der Pater den Vorwürfen nach und fand sie alle bestätigt. Der Lehrer wurde entfernt und die beiden Jungen zu ihren Familien zurückgeschickt. Don Bosco aber weilte zu dieser Zeit nachweislich in Turin ...

1934 wurde der Pater heiliggesprochen. Papst Johannes Paul II. bestätigte ihn als "Vater und Lehrer der Jugend". Benedikt XVI. hätte nun die Chance, sich um den Weltfußball verdient zu machen, indem er Don Bosco zum Patron des Fußballspiels ernennt.

Albert Sellner , ein früher publizistischer Weggefährte Daniel Cohn-Bendits, und ehemals Herausgeber des Eichborn-Verlags ist u. a. Autor des eben dort erschienenen "Immerwährenden Heiligenkalenders" und lebt in Frankfurt. (Kommentar der anderen von Albert Christian Sellner, DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, 3. Juli 2010)

  • Der Papst könnte sich um den Weltfußball verdient machen: Wie wäre es z. B. mit einer WM im Zeichen des heiligen Don Bosco (li.)? - Motiv aus einer spanischen Huldigungswebsite.
    foto: eichborn, bearbeitung standard

    Der Papst könnte sich um den Weltfußball verdient machen: Wie wäre es z. B. mit einer WM im Zeichen des heiligen Don Bosco (li.)? - Motiv aus einer spanischen Huldigungswebsite.

Share if you care.