STANDARD-INTERVIEW

"Wir haben ein Nasenring-Parlament"

2. Juli 2010, 19:00
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    foto: der standard/cremer

    Bescheidenheit ist eine Zier, doch Peter Pilz lebt ohne ihr: "Ich weiß wenigstens, was der Mittelpunkt meines Lebens ist" , sagt er. Pilz möchte die Welt, das Parlament und die Grünen verbessern.

Der Grüne Peter Pilz hat keine hohe Meinung von den Abgeordneten im Parlament, ihr Gehalt sei ein Hilflosenzuschuss

Standard: Wie lange sind Sie schon im Parlament?

Pilz: 24 Jahre, allerdings inklusive Wiener Landtag.

Standard: Und geht es noch?

Pilz: Immer besser. Langsam habe ich den Eindruck, dass ich den Beruf erlernt habe.

Standard: Ist das Parlament tatsächlich ein Ort, an dem man langfristig Zeit verbringen möchte?

Pilz: Es ist der Ort, an dem entschieden wird, ob sich Österreich endlich zu einer echten parlamentarischen Demokratie und zu einem demokratischen Rechtsstaat entwickelt. Das österreichische Parlament ist noch immer so etwas wie der Blinddarm der Regierung, der ab und zu ein bissl juckt und wo sich der Kanzler dann überlegt, wie man mit einer leichten Blinddarmreizung umgeht.

Standard: Was kann ein einzelner Abgeordneter da bewegen?

Pilz: Das Parlament hat drei Hauptfunktionen: Gesetzgebung, Budget und die Kontrolle. In der Kontrolle bewirken wir sehr viel. Wir können natürlich nicht so etwas wie eine politische Verantwortungskultur durchsetzen. Die hat in Österreich keine Tradition, die gibt es nicht. Bevor ein Minister in Österreich nicht eingesperrt wird, tritt er nicht zurück. Das ist ein Missstand, an dem wir nichts ändern können. Aber wir können dafür sorgen, dass kontrolliert wird, dass es U-Ausschüsse gibt und dass Minister wissen: Wenn sie ihr Amt systematisch missbrauchen, müssen sie sich zumindest in einem Ausschuss verantworten. Das waren grüne Abgeordnete, die für diese Kontrolle gesorgt haben. Ein nennenswerter Gesetzgebungsprozess ist eine viel größere Herausforderung.

Standard: Stimmt das Klischee, dass die von der Regierung vorbereiteten Gesetze im Parlament von den Abgeordneten nur durchgewinkt werden?

Pilz: Dieses Klischee stimmt. Das Parlament ist eine Gesetzesdurchreiche. Die Regierungsvorlage kommt oben rein und hinten unverdaut heraus. Es gab Ausschüsse, wo Regierungsabgeordnete nicht einmal wussten, welches Gesetz gerade verhandelt wird. Viele Abgeordnete haben aufgrund ihrer totalen Entmündigung jedes Interesse an ihrer gesetzgeberischen Tätigkeit verloren. Ihr Gehalt ist der höchste Hilflosenzuschuss Österreichs.

Standard: Liegt das an den Abgeordneten oder den Parteien?

Pilz: An beiden. Wir haben ein Nasenring-Parlament, wo zum Teil hochqualifizierte, in ihrem sonstigen Leben selbstständige Abgeordnete auf den kleinsten Leinenzug des Klubobmanns reagieren. Das liegt nicht nur am Nasenring und an der Leine, das liegt auch an den Nasen selbst. So lange diese Abgeordneten der Regierung nicht anhand konkreter Konflikte signalisieren, da gibt es ein Parlament, das etwas auf sich hält, so lange wird der Parlamentarismus bei uns nicht funktionieren.

Standard: Woran machen Sie das konkret fest?

Pilz: Am schlimmsten war in jüngster Vergangenheit das Glücksspielgesetz. Das war die schlimmste Erfahrung, dass es dem organisierten Glücksspiel gelingt, sich ein Gesetz zu kaufen, während fast alle Abgeordneten sagen, eigentlich ist das Gesetz falsch und verantwortungslos. Es missachtet die Interessen der Spielsüchtigen und deren Familien, es vertritt nur die Interessen des organisierten Glücksspiels.

Standard: Und es hat eine Mehrheit gefunden.

Pilz: Die Abgeordneten der Regierungsparteien haben sich der Reihe nach zu Wort gemeldet und unsere Position vertreten. Sie haben ein unglaublich schlechtes Gewissen gehabt, das hat aber nicht gereicht, zu einem politischen Gewissen zu werden. Aus dem Parlament wird erst dann ein Vollparlament, wenn wir Abgeordnete der Regierungsparteien davon überzeugen, dass sie sich zumindest in solchen Fällen gegen die Regierung stellen. So lange wir ein Befehlsparlament sind, werden die Menschen zu Recht keinen Respekt vor der Politik haben.

Standard: Da hat die ewige Oppositionspartei leicht reden. Die Grünen sind ja immer nur dagegen.

Pilz: Wir sind nicht immer nur dagegen. Wir versuchen auch zu zeigen, wie es anders geht, vom Glücksspielgesetz bis hin zur Energiepolitik. Das ist typisch für die österreichische Situation: Von der Bildung bis zur Sicherheitspolitik haben wir außerhalb des Parlaments immer öfter Mehrheiten der Vernunft. Würde man die Menschen abstimmen lassen, ob es eine gemeinsame Schule geben soll, hätten wir sie längst. Von der Energiepolitik bis zur Schulpolitik und zur Einwanderungspolitik - das sind längst grüne Themen.

Standard: Die sich die Grünen aus der Hand nehmen lassen.

Pilz: Weil es mit Kommentieren nicht genug ist. Wir müssen in die Konflikte reingehen, sie durchkämpfen und einen Konflikt nach dem anderen gewinnen. Wenn es eine grüne Schwäche gibt, ist es unsere Konfliktschwäche. Wir müssen uns entscheiden, ob wir an der Outlinie stehen und reinkeppeln oder ob wir aufs Spielfeld gehen, um jeden Ball kämpfen und Tore schießen. Die Regierung ist automatisch auf dem Spielfeld. Wir müssen rein, von der Gerechtigkeit, der Besteuerung der Reichen bis hin zu einer großen ökologischen Wende.

Standard: Die Grünen haben vom Ausbruch der Ölkatastrophe an zwei Monate gebraucht, ehe sie ein Transparent beim Fenster rausgehängt haben. Bis die Grünen auf dem Spielfeld sind, ist das Match doch längst vorbei.

Pilz: Das ist zu langsam, und das ist vielen bei uns auch nicht recht. Es ist ein schönes Stück Arbeit, uns Grüne umzustellen auf eine Partei, die um jede Frage, jede Antwort und jede Entscheidung kämpft. Wir müssen wieder streiten und kämpfen lernen.

Standard: Auf der anderen Seite wollen Sie unbedingt regieren. Das ist doch ein Widerspruch.

Pilz: Wir müssen um eine politische Wende kämpfen, die neue Ideen und neue Politik in die Köpfe bringt und sich auf der Straße Unterstützung holt - und dann regieren. Am Beispiel Wien: Nicht um Rot-Grün bitten, sondern das System Häupl mit einem grünen Wahlerfolg beenden und der SPÖ dann aus einer Position der Stärke heraus ein Angebot machen.

Standard: Die Grünen streiten in wenigstens drei von 23 Bezirken. Ist das eine Position der Stärke?

Pilz: Dass es auf Bezirksratsebene Stichwahlen gibt und einzelne unzufrieden sind, regt mich nicht besonders auf. Das Entscheidende ist die Herausforderung des Systems Häupl und der Wettlauf zwischen Grün und Schwarz in Wien. Es wird keinen Bürgermeister Strache geben, aber es wird auch keine absolute Mehrheit der SPÖ geben. Wien wird schwarz-rot oder grün-rot regiert. Das müssen wir Grüne viel deutlicher machen.

Standard: Werden Sie sich in Wien engagieren?

Pilz: Na selbstverständlich. Und zwar auf der Straße, wo wir Grünen wieder hingehören.

Standard: Nach Van der Bellen die nächste Nachwuchshoffung?

Pilz: Ich helfe, wo ich kann. (Michael Völker, DER STANDARD, Printausgabe, 3.7.2010)

Zur Person: Peter Pilz (56) ist Sicherheitssprecher der Grünen, er ist ihr Gründungsmitglied, zog 1986 ins Parlament ein, war Bundessprecher und Klubobmann in Wien.

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also dann ...
35
kórrektur : WIR haben eine nasenring-bevölkerung...

es fgibt ja kein land in europa...
wo ZIVILCOURAGE so wenig unter der bevölkerung ausgeprägt ist, als im ösi-land ! ! !

allein die studierenden ... sind ein kleiner lichtblick.

die repräsentative demokratie ist umzubenennen in :
permanente v o l k s v e r a r ... .
(deren proponenten inklusive).

~~~xOx~~~
11

sie haben bereits in sämtlichen Ländern Europas gelebt um das zu beurteilen nehm ich an

also dann ...
00
hmhm... nennen sie mir nur 1 land - wo die bevölkerung devoter und obrigkeitshöriger ... ist,

und sie ... haben gewonnen !

Igor Gassner
00
Österreich ist eines der am wenigsten

Obrigkeitshörigen Ländern in Europa da bei uns Parteien wie die Grünen, BZÖ oder FPÖ relativ stark sind was beweist dass die Demokratie gar nicht so schlecht funktioniert im vergleich zu anderen Ländern wo alle Parteien bei banken und Industrie nachfragen gehen was sie dürfen statt nur zwei wie in Österreich.

also dann ...
01
15.7.2010, 00:21
nun - in F..gehen mehr al 1 mio

- auf die strasse um gegen die a-sozialenm einschnitte zu demonstrieren
- in den USA brennen studierende in berkeley,cal.
häusr nieder, weil sie mit einsparungen um mehr als 30% - völlig zu recht - nicht´einig sind
- in GR findet sich halb athen im ausnahmenstzustand, weil es nicht sein kann, dass 95 % der bevölkerung dahindarbt - und sich der "geldadel... schön eingerichtet hat und mrd.
aus dem land...in die CH z.b. abzieht
usw
usw.

und im ösi-land ?
da regen sich die polit-nieten ... auf, weil die studierenden das audimax ( ? ) besetzen und ein paar tausend sich - völlig zurecht ( ! ) - über ihe stud.bedingungen aufregen ?

wieviel an "unterwürfrigkeit"...
verträgt ein land - e i g e n t l i c h ! ! !

mistvieh666
 
00

okay. nordkorea.
muessen solche sinnfreien aussagen eigentlich sein?

Tinker0815
00

Autsch ned ganz der gleiche Kontinent

SchneeFee
00

Nordkorea,...Europa,....hmm?

mikromalist
 
35
Das gilt auch ein wenig für Sie Herr P.

Stalinismus und Demokratie gehen nicht zusammen.

kaiza1
20

gähn

Herbert Mach Was!
11

Ich finde die Parabel von der Leine, der Nase und dem Nasenring, als Beschreibung des Herzstücks der Korruption als durchaus gelungen. Immerhin werden unsere Gesetze zu 84% aus Richtlinien, die aus Brüssel kommen, gemacht - eine im Artikel nicht erwähnte Verlängerung der Hundeleinen. In Wahrheit sind unsere Abgeordneten, Befehlsempfänger von Brüssel - von dort kommt auch die große Kohle. Folgen sie den Spuren des Geldes!

tt7
00
Hallo!!

für die die es noch nicht kapiert haben: WIR sind Europa. WIR schicken UNSERE Abgeordnete dort hin. Diese Suderei ist echt nicht mehr auszuhalten!

Sam Polani
01

Schon einmal nachgedacht wer in Brüssel im Parlament sitzt? Das sind Leute aus Österreich, Deutschland, England, etc. und keine absonderlichen "Brüssler" vom Mars oder Venus.

Violett
13
Bitte nicht immer den Unsinn "Befehlsempfänger aus Brüssel" schreiben

Das Europäische Parlament ist NICHT mit unserem zu vergleichen. Die dortigen Abgeordneten sind wesentlich einflussreicher bei der europäischen Gesetzgebung als die österreichischen Parlamentarier im "Hohen Haus". Die überwiegende Zahl der Gesetzesvorschläge der Kommission werden in der Regel in zwei Lesungen zwischen Rat und Parlament diskutiert und beschlossen, eine nicht unwesentliche Anzahl davon geht noch in einen Vermittlungsausschuss (die 3.Lesung). Sehr oft scheitern dann auch Gesetzesvorschläge, weil das Parlament sehr eigenständige Meinungen einbringt. Also Gesetze kommenin Brüssel viel kritischer zustande als in Österreich. Und die Umsetzung dieser europäischen Gesetze ins nationale Recht ließe genug Spielraum für Palamentarier.

bernd guggenberge
01
Die Analyse ist durchaus richtig

Ich frage mich aber wie eine Regierung von den Journalisten beschrieben würde wenn deren Gesetzervorhaben im Parlament von den Abgeordneten der Regierubgsparteien wiederholt abgelehnt würden. Ich glaube man würde in den Zeitungen nicht von lebendiger Demokratie lesen sondern eher von Führungsschwäche, Chaos etc.

http://www.zpa.at
04

Pilz ist ja doch ein g'scheiter Bursche, jetzt hat er auch erkannt, wie es um unser Parlament steht,

- aber wie hat er damals gewettert, als KHG das Parlament eine Quasselbude genannt hat ;)

xay
01
was hat schüssel immer gesagt

leistung muß sich lohnen.
http://www.oe24.at/oesterrei... 492271.ece

Der große Mann
85

Kann man ungefähr abschätzen, wievielen hoffnungsvollen, hochmotivierten jungen Menschen dieser Pilz ihren politischen Lebenstraum zerstört hat, indem er sesselgeklebt hat und sie keine Chance mehr auf ein Abgeordnetenmandat hatten?



galiontariaho
24
hmm.

warum eigentlich, sollte ein parlamentarier seinen sessel räumen? erfahrene parlamentarier, noch dazu im falle von pilz einer, der seit jeher als einer der fleißigeren zu zählen ist, sind ja wohl auch ein wenig wertvoll.

warum er hoffnungen raubt, das müssen sie erst mal erklären...

Buntspecht12
00
Auf jedem Fall

wesentlich weniger, als all die anderen Abgeordneten

Der große Mann
51

... es ist entsetzlich wenn alte Politiker wie Pilz den jungen Menschen alle Hoffnungen raubt!



A Voice
00
O-kaaaay

Sie haben es noch einmal geschrieben, das beherrschen Sie also wirklich. Gut so.

daemeth
02

der herr pilz ist ein grüner von einem schlage der heutzutage doch gar nicht mehr nachkommt. da kann er bis 100 nationalratsabgeordneter sein und ist in der funktion besser als alles was derzeit an nachwuchs bei den grünen da ist.

galiontariaho
00
er raubt hoffnungen? *tzz*

egon edi ohne strachwitz
00
das parlament

wieviel % der abgehobenen vertreten den bürger
wieviel% der abgehobenen vertreten lobbies

gibts noch abgeordnete des volkes?


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