Eine Begegnung mit recht rüder Geschichte – und deshalb gut einsetzbar für wechselseitige Sticheleien
Kapstadt - Deutschland vs. England mag ein Klassiker sein (zu dem Deutschland vs. Österreich wahrscheinlich die Parodie ist). Deutschland vs. Argentinien ist dagegen eine Nervenschlacht, und so eine beginnt - wie bei jedem Boxkampf - traditionell bei der Abwaage, wenn die testoste-ronprallen Kontrahenten erst einmal so richtig den Maulhelden heraushängen lassen.
Da sagt dann zum Beispiel Bastian Schweinsteiger, die Raufszenen nach dem WM-Viertelfinale 2006, das die Argentinier im Elferschießen verloren, als Stichelwaffe nutzend: "Sie versuchen immer zu provozieren, im Spiel und schon davor. So wie sie gestikulieren! Das gehört sich nicht, das ist respektlos." Diego Maradona lehnt sich zurück, tut fast gelangweilt und meint: "Bist du nervös, Schweinsteiger? Wir haben keine Zeit, uns über dich Gedanken zu machen."
Und so weiter und so weiter. Das würde wohl endlos so hin und her gehen, aber das Viertelfinale 2010 ist eben für den Samstag um 16 Uhr angesetzt. Ab diesem Zeitpunkt werden diesbezüglich der 32-jährige Usbeke Rawschan Irmatow und seine Assistenten im Mittelpunkt stehen. Und der möchte den Kontrahenten jedenfalls die außerballesterische Schneid abkaufen: "Wir pfeifen ja nicht zum ersten Mal. Wir sind eine solche Atmosphäre gewöhnt und werden einfach unseren Job erledigen."
Ruppige Brisanz
Mittlerweile hat sich die ruppige Brisanz des Duells längst in die internationale Fußballgeschichte hinein verfestigt. Alle fünf bisherigen WM-Begegnungen waren von ordentlichen Holzereien geprägt. Nicht zuletzt das Vorrunden-0:0 1966 führte zur Einführung gelber und roter Karten bei der nächsten WM.
Zweimal bestritten die beiden Kontrahenten ein WM-Finale gegeneinander. 1986 holte Diego Maradona den zweiten und bislang letzten Titel für Argentinien. Vier Jahre später verlor er ihn mittels Elfmeterschießens, Deutschland wurde zum dritten und bislang letzten Mal Weltmeister. Der nunmehrige argentinische Coach weinte darob bitterlich.
Und zwar deshalb: "Ich hatte meiner Tochter Dalma versprochen, dass ich mit dem Pokal heimkomme. Am Ende musste ich ihr etwas Schwieriges, Hässliches und Schmerzvolles erklären, nämlich dass es im Fußball eine Mafia gibt."
Es steckt also einige emotionale Würze in diesem Viertelfinale, auf das sich vor allem die Deutschen mit Akribie vorbereiten. Maradona vertraut, sagt er jedenfalls, auf das Maradonahafte von Lionel Messi. Der nämlich sei "so gut, dass er mit einer Krone auf das Spielfeld gehen könnte" . Ja, Messi habe zwar noch nicht getroffen in Südafrika, aber: "Man darf nicht vergessen, dass auch ich 1986 erst im Viertelfinale richtig in Erscheinung trat."
Messi hat übrigens zuletzt beim Training pausieren müssen. Ihn plage eine Verkühlung. Aber so was gehört genauso zur Nervenschlacht wie die deutsche Meldung, Mesut Özil und Lukas Podolski seien etwas angeschlagen.
De facto werden die Trainer, Maradona und Joachim Löw, ihre stärkste Formation aufs Feld schicken. Argentinien (Maradona: "Bei unseren Spielern wäre es eine Sünde, daran etwas zu ändern." ) im bewährten 4-3-3, Deutschland im nicht minder bewährten 4-2-3-1, das ihnen leicht zum 4-2-4 gerät.
Löw und sein Team haben die Spieler mit umfangreichen Gegnerdossiers vorbereitet, allein 50 Seiten und ein eigener Film beschäftigen sich mit Messi. Chefspion ist der Schweizer Urs Siegenthaler.
"Das Scouting" , sagt Löw, "ist von großer Wichtigkeit für uns. Urs Siegenthaler sammelt in Zusammenarbeit mit der Sporthochschule Köln unheimlich viele Informationen." Vor vier Jahren dienten diese auch dazu, für Tormann Jens Lehmann einen sehr hilfreichen Spickzettel zusammenzustellen. Fürs Elferschießen. Gegen Argentinien.
Für das will Argentinien Revanche. Verteidiger Martín Demichelis: "Wir gewinnen, weil wir besser sind." Das sehen die Deutschen natürlich anders. Und wir, wir werden sehen. (sid, wei, DER STANDARD Printausgabe 03.07.2010)