Spezielle Mutationen ermöglichten der Population das Überleben in der relativ sauerstoffarmen Region
Washington - Die tibetische Bevölkerung hat ihr Erbgut in
Rekordzeit an das Leben in extremer Höhe angepasst. Genanalysen zeigen, dass
sich die Gruppe der späteren Tibeter erst vor rund 2.750 Jahren von den
Han-Chinesen abspaltete und in die Himalaya-Region wanderte. Auf dem Dach der
Welt entwickelten sie dann spezielle Erbmutationen, die der Population das
Überleben in dieser relativ sauerstoffarmen Region ermöglichten.
"Das ist die schnellste genetische Veränderung, die je bei Menschen
beobachtet wurde", sagt Studienleiter Rasmus Nielsen von der Universität von
Kalifornien in Berkeley. "Während dieser Anpassung mussten viele Menschen
sterben, bloß weil sie die falsche Version eines Gens trugen."
Vergleich
Die Forscher analysierten das Erbgut von 50 Tibetern, die seit mindestens
drei Generationen in mehr als 4.000 Metern Höhe lebten. Das Genom verglichen sie
dann mit dem von 40 Han-Chinesen aus Peking und dem von 100 Dänen. Im Vergleich
zu den Chinesen trugen die Hochland-Bewohnern 30 auffällige Genmutationen. Fast
die Hälfte davon betraf den Sauerstoff-Stoffwechsel. Offenbar ermöglichten diese
Veränderungen den Tibetern das Überleben in einer Höhe, deren
Sauerstoffkonzentration um 40 Prozent niedriger liegt als auf Meeresniveau.
Auffällig ist, dass das Blut der Hochland-Bewohner im Vergleich zu dem der
Chinesen weit weniger Hämoglobin enthält. Dieses Protein transportiert und
verteilt Sauerstoff im Körper. Trotz der geringen Hämoglobinwerte haben
auffällig viele Tibeter normale Sauerstoffkonzentrationen im Blut. Das
vermeintliche Paradox erklären die Forscher im Magazin "Science" mit dem Gen
EPAS1: Diese Erbanlage fand die Studie bei nur neun Prozent der Chinesen, aber
bei 87 Prozent der Tibeter. Das Gen reguliert offenbar die Bildung roter
Blutkörperchen und sorgt dafür, dass der Körper bei geringer
Sauerstoffkonzentration nicht vermehrt Hämoglobin bildet. (APA/apn)