Manchmal ist zuhören schöner als plappern. Diesmal kommt Ricardo zu Wort, weil er was zu sagen hat
Die überraschendste Begegnung der ersten drei WM-Wochen war mit Ricardo in Umtentweni, eine Stunde südlich von Durban. Der 19-Jährige schiebt im The Spot Backpackers direkt am Strand die Nachtschicht. An jenem Mittwoch könnte er kurz nach Mitternacht locker die Bar zusperren, weil nur mehr drei Gäste an der Theke lungern. Aber der freundliche, motivierte Bursche lässt noch eine Runde Black Label herüberwandern. Artur aus Polen und sein schottischer Fußballfreund, der im Bafana Bafana-T-Shirt unterwegs ist und dessen Namen ich vergessen habe, haben nach der Zitterrochenschmach von Südafrika gegen Uruguay nun ein wenig die Schnauze voll von Fußball. Ich sage was von „mit acht defensiven Mittelfeldspielern, fünf davon kleiner als 1,75 Meter, kann man kein Match gewinnen, außer man ist Spanien." Die zwei WM-Touristen sind auch deswegen „pissed", weil sie ein ganzes Paket an Tickets durch Südafrika schleppen und mittlerweile froh sind, wenn sie diese überhaupt noch zum „face value" (Kaufpreis) loswerden. Z.B. vier Stück zweite Kategorie Brasilien gegen Elfenbeinküste in der Soccer City für je 120 US-Dollar. „Es ist unglaublich, wie wenig hier los ist", jammert Artur. „Bei der EURO 2008 sind wir einfach in einen Backpacker hin, haben Tickets getauscht oder mit gutem Gewinn verkauft. Aber hier tut sich gar nix." Viele Fans hätten sich durch die negative Berichterstattung abschrecken lassen, dabei sei es ein wunderbares Land zum Reisen.
Als sich Artur verabschiedet und der Schotte mit einer Freundin telefonieren geht, sind nur Ricardo und ich übrig. Ob er schließen will? Wie ich wolle. Also noch ein Black Label, Ricardo bleibt bei Soft Drinks und schwadroniert sich plötzlich recht vife Lehrsätze von der Seele, die manchmal redundant und besserwisserisch klingen, aber mit einer derartig positiven Überzeugung formuliert sind, dass sie viel Optimismus versprühen. Zu Politik: „Du musst deine Leute zufrieden stellen. Du musst auf die kleinen Dinge schauen und nicht auf die immer größeren. Ich glaube, unsere Leader sehen das nicht - das ist traurig, weil du von deinen Leuten viel lernen kannst. Es geht nicht immer nur um dich. Es gibt so viel zu genießen auf der Welt und man kann von allem lernen. Aber die Leader müssen auch Risiken eingehen. Mandela hörte seinen Leuten zu, sie glaubten ihm, dass er Veränderung bringen kann. Und Veränderung ist tatsächlich etwas Gutes - besonders in Amerika. Schau dir diese Leute an - wie heißt er? Bush. Führte sein Land in einen Krieg um Öl. Was soll das?"
Zur Gesellschaft in Südafrika: „Es gibt immer noch Rassismus in diesem Land. Die Leute müssen endlich erwachsen werden und aufhören, an die alten Dinge zu glauben. Wir müssen als Ganzes vorankommen. Wir müssen aufhören, faul zu sein. Die Leute sind zu faul zum Arbeiten. Kriegst du aber deinen Arsch hoch und beginnst zu arbeiten, bekommst du auch `das` Geld. Viele können das nicht, weil sie faul sind. Und kommst du einmal mit Stehlen davon, machst du das weiter. Aber viele Länder haben Kriminalität, große, große Kriminalität. Wie viele Gangs gibt es in den USA - oder alleine in L.A.? Oft konzentrieren wir uns auf ein Land anstatt auf die ganze Welt. Ich möchte jedes einzelne Land der Welt besuchen."
Zu Bafana Bafana nach der 0:3-Schlappe gegen die Urus: „Wo sind die Schwächen? Wo muss man aufbauen? Viele Spieler spielen nur mehr wegen des Geldes, nicht wegen des Landes. Dabei ist das Geld nur ein Bonus. Zeig´ deinen Stolz, dass du dieses Trikot trägst! Südafrikanischer Fußball hat noch viel aufzuholen. Die europäischen Ligen haben brillante Spieler. Wir müssen aufhören, ängstlich zu sein, wir müssen Risiken eingehen, wir sind Studenten des Lebens, wir lernen vom Leben." Da glaubt man fast, das Nationalteam habe zugehört, wenn man danach den 2:1-Sieg über Frankreich mitverfolgt hat. Einen feinen Ricardo-Spruch noch zum Schluss: „Warum ein Kind in eine schlechte Welt bringen und ihm Schlechtigkeit erfahren lassen? Why not make it better?"