Der Vorsitzende des Wissenschaftsrats hofft, dass die Regierung bei der Kürzung des Uni-Budgets noch einmal umdenkt
Österreichs Universitäten müssen sparen. Anstelle von Investitionen werden die staatlichen Mitteln voraussichtlich eingefroren. Der Vorsitzende des Wissenschaftrates, Jürgen Mittelstraß, stellt klar, dass "man alles zurückfahren kann, nur nicht Investitionen in die Zukunft; Bildung ist die wichtigste dieser Investitionen". Im Gespräch mit derStandard.at erklärt er, warum Studiengebühren notwendig sind, er dennoch Verständnis für die Studentenproteste hat, und warum man sich bei den privaten Mitteln "etwas vormacht".
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derStandard.at: Sie haben unlängst im Wissenschaftsausschuss gesagt, dass Österreich bis 2025 mindestens drei Universitäten unter den Top 20 bis Top 30 in Europa haben sollte. Ist dieses Ziel angesichts der derzeitigen Sparmaßnahmen nicht in sehr weiter Ferne?
Jürgen Mittelstraß: Ich glaube, das Ziel ist erreichbar. Die Entwicklung im europäischen Hochschul- und Wissenschaftsraum wird derart sein, dass es in absehbarer Zeit 20 oder 30 Universitäten geben wird, die das Niveau der Hochschulausbildung bestimmen werden. Da wäre es wünschenswert, wenn Österreich mit mehreren Universitäten darunter wäre. Die Voraussetzungen sind gut, gespart werden muss überall, aber Österreich muss sich gleichwohl gewaltig anstrengen, wenn es dieses Ziel erreichen will.
derStandard.at: Die deutsche Regierung investiert trotz eines Riesen-Sparpakets 12 Milliarden in Wissenschaft und Forschung, während die österreichischen Regierung das nicht vor hat.
Mittelstraß: Ich hoffe, dass man da in Österreich noch umdenken wird, weil es eine richtige Entscheidung ist, die in Deutschland und in anderen Ländern getroffen wurde. Man kann alles zurückfahren, nur nicht die Investitionen in die Zukunft. Bildung ist die wichtigste dieser Investitionen.
derStandard.at: Anstelle steigender staatlicher Mittel mahnt die Regierung private Mittel ein.
Mittelstraß: Da macht man sich etwas vor. Man weiß auch in Österreich, dass die privaten Mittel, die Universitäten bekämen, außerordentlich begrenzt sind. Es gibt in Österreich wie in Deutschland keine Tradition, die private Investitionen im Bildungsbereich zur Normalität machen würde. Hier gibt es wenig Erfahrung und wenig Erfolge in der Vergangenheit. Es wird deshalb auch darauf ankommen, dass in Zukunft erheblich mehr staatliche Mittel für den tertiären Bereich bereitgestellt werden. Darum wird man nicht herumkommen, wenn man das 2-Prozent-Ziel und die skizzierte Perspektive nicht verpassen will.
derStandard.at: Sie haben in Ihren wissenschaftlichen Arbeiten die Einheit von Wissenschaft und Forschung betont, jedoch auch festgestellt, dass jene Studien, die keine forschungsgeleitete Lehre brauchen, auch anderswo unterrichtet werden können. Muss man die Universitäten in diesem Gesichtspunkt nicht radikal straffen?
Mittelstraß: Die Universitäten sind gut beraten, darauf zu schauen, ob ihr Angebot nicht auch in einer anderen Weise gestrafft werden kann. In dem zum Beispiel Dinge, die in Fachhochschulen sehr kompetent erledigt werden können, dorthin verlagert werden. Das setzt allerdings voraus, dass das Fachhochschulsystem erheblich wächst. In Zukunft muss deshalb auch in einem sehr viel stärkeren Maße in die Fachhochschulen investiert werden.
derStandard.at: Im Zuge der Bologna-Reform entstanden jedoch gerade sehr viele spezifisierte, nicht vergleichbare Masterstudiengänge.
Mittelstraß: Das widerspricht in vielen Fällen dem Geist von Bologna. Hier müssen sich die Universitäten überlegen, ob nicht ein allzu hoher Grad der Spezialisierung der Curricula den hehren Zielen der Mobilität und Vergleichbarkeit widerspricht. Das ist in einer derzeit laufenden Revision der Bologna-Wirklichkeit erkannt, sollte aber noch eine wesentlich stärkere Rolle spielen als bisher.
derStandard.at: Am Mittwoch wurde der Hochschuldialog-Endbericht präsentiert. Wie beurteilen Sie den Prozess?
Mittelstraß: In diesem Prozess ist nicht furchtbar viel herausgekommen. Dazu muss man allerdings auch sagen: Wer von einem Dialog dieser Art mehr erwartet hätte, kennt die hochschulpolitische Wirklichkeit nicht. Dass ein solcher Dialog überhaupt stattfand, bei dem alle am tertiären System Beteiligten und Interessierten mitgewirkt haben, ist für sich selbst genommen schon ein Erfolg. Insofern war dieser - zum Teil mühsame - Dialogprozess ein sinnvoller Prozess. Bedauerlich war nur, dass die Studierenden aus dem Prozess ausgestiegen sind, dergleichen die Universitäten, weil mit diesen die wichtigsten Stimmen im Bereich von Forschung und Lehre fehlte. Bedauerlich ist auch, dass die Empfehlungen des Wissenschaftsrates, die sehr konkret sind, im Dialog keine stärkere Berücksichtigung fanden.
derStandard.at: Haben sie Verständnis für die Proteste der Studierenden - die den Hochschuldialog erst ermöglichten?
Mittelstraß: Ja, selbstverständlich. Der Bologna-Prozess ist nicht optimal gelaufen. Die Studierenden haben unter diesem Prozess mehr gelitten, als sie gewonnen haben. Es wird darauf ankommen, die Lehren aus diesen Erfahrungen für die weitere Entwicklung zu ziehen. Der Wissenschaftsrat hat selbst einen Vorschlag gemacht wie eine Expertenkommission aussehen könnte, die nun weiterarbeitet. Hierbei ist vorgesehen, dass den Studierenden eine wesentliche Rolle zukommt.
derStandard.at: Zur Finanzierung: Sollten die Studierenden mehr eingebunden werden?
Mittelstraß: Ja, ich halte das für selbstverständlich, denn die Studierenden erfahren eine Ausbildung, die ihnen ungleich günstigere Startpositionen im beruflichen Leben gibt, als das in anderen Bereichen der Fall ist. Ich halte Studiengebühren für gerechtfertigt. Dort, wo man gegen sie argumentiert, oder dort, wo sie schon existieren, sie wieder abzuschaffen versucht, geschieht das häufig aus einer sehr opportunistischen Haltung. Wichtig ist allerdings, dass Studiengebühren begleitet werden durch ein leistungsfähiges Stipendiensystem. Es muss die oberste Maxime sein, dass allen, die studieren wollen und dazu in der Lage sind, dies auch möglich ist. Hier darf es keine finanzielle Hürden geben.
derStandard.at: Das setzt voraus, dass man Studierende anders auswählt, als das heute der Fall ist.
Mittelstraß: Das ist wahr; es muss vernünftige Zugangsregelungen geben. Gibt es diese nicht, haben die Universitäten ein wesentliches Element der allerorts verlangten Qualitätssicherung nicht in der Hand. Auch das gehört zu einer neuen Ehrlichkeit, die in der Debatte um das zukünftige tertiäre System eine entscheidende Rolle spielen sollte.
derStandard.at: Werden dann nicht Fächer auch benachteiligt, die gesellschaftlich als weniger notwendig angesehen werden ?
Mittelstraß: Das wäre unstatthaft. Zu den Aufgaben der Universitäten gehört die Pflege der Fächer und Disziplinen. Das hat zunächst einmal mit ökonomischen Überlegungen oder Analysen nichts zu tun. Zudem muss man sich klarmachen, über wieviel Studienplätze Österreich überhaupt verfügt bzw. wieviele man finanzieren möchte. Beliebig viele Plätze, die man nach der Maxime freier Zugang haben müßte, ist darauf keine Antwort. Ich habe den Verdacht, dass Österreich im Moment gar nicht weiß, wieviele ausfinanzierte Studienplätze es wirklich hat. (seb, derStandard.at, 5. Juli 2010)
Zur Person:
Jürgen Mittelstraß, Professor für Philosophie, ist seit 2005 der Vorsitzende des Wissenschaftsrates. Der Wissenschaftsrat hat im Herbst 2009 umfassende Empfehlungen für das Hochschul- und Forschungssystem in Österreich bis zum Jahr 2025 veröffentlicht.