Abschiedstanz eines Direktors

30. Juni 2010, 19:22
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Eine Marathongala für Ballettchef Gyula Harangozó in der Wiener Volksoper

Wien - Mit einer üppigen Gala verabschiedete sich Gyula Harangozó nach fünf Jahren Amtszeit als Direktor des Wiener Balletts. Nach rekordverdächtigen dreiundzwanzig Nummern in dreieinhalb Stunden endete seine kommerziell erfolgreiche und künstlerisch umstrittene Ballettleitung. Am Schluss der Gala gab es viel Applaus für das Ensemble, vereinzeltes Buh für den pragmatischen Ungarn und wenige Vorhänge.

Das Programm erinnerte, nicht ohne teilweise ein zartes Schaudern zu erzeugen, an das verflossene halbe Ballettjahrzehnt in der Staats- und Volksoper. So zeigte Harangozó aus der beliebt gewesenen Tanzhommage an Queen von Ben van Cauwenberg just jenen Moment, in dem ein Tänzer seinen Rücken entblättert, auf den ein Frauengesicht gemalt ist, und dann sein Gesäß mit den dazu gehörenden nackten Brüsten. Ja, auch das Ballett hat seine Schenkelklopfer.

Anrührend war dann zu erfahren, dass Harangozó erstmals in seinem Leben die Lieblingsnummer seiner Mutter auf der Bühne sehen durfte: Péter Lászlós Solo "Es geht alles einmal zu Ende". Zwei Szenen aus dem Stück Platzkonzert von Harangozós Vater, einer Budapester Ballettlegende, ertrug das Publikum mit Gelassenheit. Und die Kostprobe aus dem Ferenc Barbays und Michael Kropfs "Max und Moritz" erinnerte an die doch ein wenig traumatisierende Erfahrung des gesamten Stücks.

Zu den Entschädigungen dafür zählten Aliya Tanikpaevas coole Interpretation im "Dornröschen"-Pas-de-deux. Oder Olga Esinas provokant frostige Auslegung des weiblichen Parts von William Forsythes "Slingerland Pas de deux" im Stil der krachharten St.Petersburger Vaganova-Schule.

Unvergleichlich war ja auch einst Esinas Debut als spinnenhaft abgründige Odile in "Schwanensee". Mit seinen guten Verbindungen hätte Harangozó seine Wiener Compagnie ohne weiteres zur Versuchsstation für ein neues russisches Ballett machen können. Im hiesigen historischen Kontext von Nurejev bis Malakhov wäre dies eine aufgelegte Sache gewesen.

2009 blendete er das HundertJahr-Jubiläum der bahnbrechenden "Ballets Russes", dem im Wiener Theatermuseum eine sehr gelungene Ausstellung gewidmet war, restlos aus - und gab stattdessen in diesem Jahr eine "Fledermaus"- und eine "Carmen"-Premiere.

Mit seiner Ballettleiterpersonalpolitik ist Ioan Holender gescheitert. Harangozós Vorgänger Renato Zanella, der nicht wenig unter Holenders Autorität litt, ging in Unfrieden. Und den darauf folgenden Populismus mit dessen kommerziellem Erfolg zu rechtfertigen, funktioniert auch nicht. Holender konnte dem Ballett einfach nicht jenen Raum geben, den es braucht, um sich beim Publikum besser zu verankern.

Vielleicht kann das neue Gespann Dominique Meyer und Manuel Legris die Folgen dieser Tanzpolitik ausbügeln. Legris kommt aus der Struktur der resoluten Leiterin des Pariser Opernballetts, Brigitte Lefèvre. Er wird eine ähnliche Konsequenz wie seine einstige Chefin mitbringen müssen, um das Wiener Ballett zu einem internationalen Faktor zu machen. Das geht. Man muss es nur wirklich wollen. (Helmut Ploebst / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.7.2010)

 

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    Schweben für den scheidenden Ballett-Chef – Denis Cherevychko in der Volksoper

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