Donau-Boom auf dem Papier?

30. Juni 2010, 18:52
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Die Stunde der Wahrheit schlägt spätestens während des ungarischen EU-Ratsvorsitze

Große Dichter und Schriftsteller, Historiker und Publizisten haben schon öfter über die Donau geschrieben: "Die Donau ist das deutsch-ungarisch-slawisch-romanisch-jüdische Mitteleuropa, das dem germanischen Reich polemisch entgegengesetzt wird." (Claudio Magris). Der österreichische EU-Kommissar für Regionalpolitik, Johannes Hahn, ortete nun beim Europa Forum Wachau in Göttweig sogar eine "Donau-Euphorie" , einen "Donau-Boom" .

Das gesteigerte Interesse für das Entwicklungspotenzial der Donau geht auf den im Juni 2009 gefassten Beschluss des Europäischen Rates zurück, einen Auftrag der Europäischen Kommission zur Ausarbeitung einer transnationalen Strategie für die Entwicklung des Donauraums zu erteilen. Diese maßgeblich von der österreichischen und rumänischen Regierung vorgeschlagene "Strategie für die Donau-Region" (EUSDR) soll in Anlehnung an die nach mehrjährigen Vorarbeiten beschlossene Strategie für den Ostseeraum gemeinsam vor allem mit den zehn Anrainerstaaten erarbeitet werden.

Die Donau, als zweitgrößter Fluss in Europa verbindet unmittelbar acht Staaten, vier Hauptstädte (Wien, Bratislava, Budapest, Belgrad) und bedient 40 wichtige Häfen. Sie ist in wirtschaftlicher und energiepolitischer, ökologischer und kultureller Hinsicht direkt und indirekt für mehr als 100 Millionen Menschen von entscheidender Bedeutung. Seit eh und je verbindet und trennt die Donau die angrenzenden Staaten. Sie ist sinngemäß, so wie Mitteleuropa insgesamt, mit den Worten des französischen Kulturhistorikers, Jacques Le Rider "das Beste und das Übelste in einem, es ist zugleich mehr oder minder sublimierter Chauvinismus und Rassenkampf ... und auf Pragmatik angewiesene, permanent neu belebende Utopie" . Es genügt an die jüngsten slowakisch-ungarischen Kontroversen über die Minderheitenpolitik, die kroatisch-serbischen Konflikte oder an die Spannungen zwischen Rumänien und Moldau hinzuweisen.

Bei den Bestrebungen, vom Gegeneinander zum Miteinander zu gelangen, können überregionale Projekte im Kulturbereich, beim Ausbau der Schiffbarkeit oder bei der Verbesserung der Abwasser-Situation viel bewirken. Die Expertenpapiere weisen etwa darauf hin, dass auf der Donau zehnmal weniger Schiffe registriert sind als am Rhein und dass nur ein geringer Teil der tatsächlichen Transportkapazität der Donau genutzt wird. Die Folgen der Jugoslawienkriege und der damit verbundenen Unterbrechungen sind auch heute noch spürbar. So ist der Verkehr auf der Donau, verglichen mit 1980, um etwa die Hälfte zurückgegangen! Die von der EU finanzierten überregionalen Projekte in Bereichen wie Umweltschutz, Fremdenverkehr, Forschung, Katastrophenschutz, Kultur und Bildung sind zugleich die besten Mittel, um Nationalismus und Provinzialismus zu bekämpfen. Bisher ist allerdings die transnationale Zusammenarbeit eher auf Konferenzen und Expertenpapiere beschränkt geblieben. Eine "Donau-Euphorie" nur auf dem Papier wäre aber zutiefst kontraproduktiv. Die Stunde der Wahrheit schlägt spätestens während des ungarischen EU-Ratsvorsitzes im ersten Halbjahr 2011. (Paul Lendvai/DER STANDARD, Printausgabe, 1.7.2010)

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