"Ich hatte einfach Sehnsucht nach Schönheit"

30. Juni 2010, 18:57
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Karin Bergmann, Ko-Direktorin des Burgtheaters, geht so, wie sie 18 Jahre an der Burg gewirkt hat: unaufgeregt, versöhnlich, ohne Aufhebens

Mit Andrea Schurian sprach sie zum Abschied über ihre Theaterleidenschaft.

Standard: Der Operndirektor geht unüberhör- und -sehbar in Pension. Sie verabschieden sich nach 18 Jahren still und leise.

Bergmann: Es hat für mich ein schönes Fest gegeben. Wir haben so Abschied genommen, wie es uns entspricht: ohne Seitenblicke.

Standard: Kommt nun am letzten Tag im Büro Wehmut auf?

Bergmann: Nein. Theater hat immer auch mit Abschied zu tun. Ich habe noch viel vor, aber zunächst freue ich mich nach insgeamt 30 Theaterjahren darauf, dass mich sonntags niemand beim Frühstück anruft, um zu sagen, dass jemand krank geworden und eine Umbesetzung nötig sei.

Standard: Sie sind nicht wegen Unstimmigkeiten mit Matthias Hartmann gegangen?

Bergmann: Nein. Ich habe Matthias Hartmann schon im Vorfeld gesagt, dass ich nicht lange bleiben möchte. Er ist mit einem tollen Team gekommen, aber ich denke, es war wichtig, dass er anfangs Unterstützung hatte. Ich wollte das Haus gut übergeben, das ist mir, wie ich glaube, auch gelungen. Hartmann hatte einen fulminanten Start mit einem Feuerwerk an Produktionen. Das war das Gegenmodell zu Klaus Bachlers Antritt. Denn Peymann residierte in seiner Gnadenlosigkeit bis zuletzt hier im Büro, wir mussten uns in einem Kammerl im Bundestheaterverband einarbeiten. (lacht) Die Großzügigkeit habe ich dann doch eher von Bachler gelernt.

Standard: Mit Claus Peymann, Klaus Bachler und zuletzt Matthias Hartmann hatten Sie mit sehr unterschiedlichen Direktoren zu tun. Mit wem konnten Sie am besten?

Bergmann: Ich möchte das mit einem Zitat aus Thomas Bernhards Holzfällen beantworten: "Es hat immer Lieblingsburgschauspieler gegeben, aber nie Lieblingsburgtheaterdirektoren." Claus Peymann ist ein wunderbarer Geschichtenerzähler. Für ihn gibt es keinen Unterschied zwischen Leben und Theater. Er ist Theater und Theater ist sein Leben. Unter Bachler gab es einen Umbruch am Haus. Es fand ein Generationswechsel unter den Regisseuren statt. Plötzlich waren viele junge da und auch ein halbes Dutzend Regisseurinnen. Hartmann ist wieder Regie führender Direktor und hat eine ganz andere Art von Besessenheit. Und er hat etwas, was Peymann nicht hatte: eine große Familie, drei Kinder. Ich glaube, Matthias Hartmann würde das Theater auch gern als Familienoberhaupt führen.

Standard: Apropos Familie: Sind Sie in einem theateraffinen Haushalt aufgewachsen?

Bergmann: Ganz und gar nicht. Ich komme aus einer Bergarbeiterfamilie im Ruhrgebiet. Mithilfe der Literatur habe ich mich schon ganz früh woanders hingesehnt. Nicht weg von meiner Familie. Aber ich bin durch die Stadt gegangen und dachte: Warum ist das alles so hässlich? Ich hatte einfach Sehnsucht nach Schönheit. Ich war, glaube ich, eine ziemliche Belastungsprobe für die Eltern. Durch die ersten Theatererlebnisse bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen - Kunst für Kohle, Kohle für Kunst - habe ich gemerkt: Am Theater werden jene Themen öffentlich verhandelt, mit denen ich mich - auch mit meinen Büchern - doch allein gefühlt habe. Ich bin früh, mit 13, 14 Jahren, regelmäßig ins Theater gegangen, bin zu Peter Stein nach Berlin und Peter Zadek nach Bochum gefahren und wusste immer: Das ist es, wo ich hin will.

Standard: Als Schauspielerin? Regisseurin?

Bergmann: Meine ganze Liebe gehört den Menschen, die jeden Abend auf die Bühne müssen - mich selber hat es nie dorthin gedrängt. Und ich bewundere all jene Menschen ungemein, die einen Text beim Lesen bereits so durchdringen, dass sie davon eine Vision haben. Davon gibt es nicht viele. Auch diese Begabung fehlt mir. Mich hat anfangs immer Dramaturgie interessiert.

Standard: Haben Sie Germanistik studiert?

Bergmann: Nein. Ich habe das Abitur im zweiten Bildungsweg gemacht und stand kurz vor Studienbeginn, bekam dann aber ein relativ attraktives Jobangebot. Lange Zeit war das meine wunde Stelle, ich dachte immer, es würde einmal ein Problem sein, dass ich keine Akademikerin bin. Aber am Theater erfordert es ganz bestimmte Eigenschaften.

Standard: Welche?

Bergmann: Anfangs dachte ich, ich würde Disponentin oder im künstlerischen Betriebsbüro arbeiten. Doch es hat sich recht schnell herausgestellt, dass ich sehr gut am Außendeck platziert bin. Ich kann Menschen gut motivieren, ihnen das Gefühl geben, dass ihre Arbeit geschützt und gefördert ist.

Standard: Worauf sind Sie stolz?

Bergmann: Besonders beglückend war der Austausch mit den jungen Leuten: Ich habe fast alle Regieassistenten eingestellt und die Plattform Spieltriebe erfunden, wo sie ihre ersten Fingerabdrücke hinterlassen konnten.

Standard: 1979 holte Sie Peymann nach Bochum: in welcher Rolle?

Bergmann: Als Assistentin der Direktion und des Dramaturgie-Büros. Bochum war ja wie eine Puppenstube: da haben zwei Menschen das gemacht, was hier Pressesprecher, Marketingleute, Assistenten tun. In Bochum habe ich Theater wirklich von der Pieke auf gelernt: Morgens hat man Produktionssitzungen protokolliert, nachmittags mit Hermann Beil Texte fürs Programm erstellt und abends war man im Notfall Beleuchtungskomparse. Nach vier Jahren wechselte ich ins Pressebüro am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Und dann fragte mich Peymann, ob ich als Pressesprecherin mit ihm nach Wien kommen würde. Das war 1986.

Standard: Nach sieben Jahren haben Sie Peymann und die Burg verlassen. Warum?

Bergmann: Es war anfangs keine leichte Zeit, Heldenplatz, Ensemblestreit, die großen Störfeuer und Bewährungsproben: Da gab es als Pressesprecherin viel zu tun. Es war für mich auch in Ordnung, dass man bei Peymann rund um die Uhr für's Theater da sein musste. Aber in dem Sommer, in dem ich vierzig wurde, wollte ich doch noch einmal anders leben.

Standard: Nach einem Ausflug ins Musical sind Sie mit Bachler an die Volksoper und dann als stellvertretende Direktorin an die Burg zurückgekehrt.

Bergmann: Bachler hat mich zur Rückkehr verführt. Er war Österreicher ...

Standard: ... und das heißt was?

Bergmann: Das Österreichische, also das, was mich an Wien gefesselt hat, ist eine Leichtigkeit, eine andere Art von Fantasie, eine gewisse Chuzpe. Die Konstellationen, die Bachler geschaffen, welche unterschiedlichen Menschen er zusammengebracht hat, ist für einen nicht Regie führenden Direktor die halbe Miete. Bachlers spielerische Art der Gesprächsführung ist für mich typisch österreichisch. Wir Deutschen sind da oft sehr straight und bringen uns manchmal um Girlanden, die uns weiterhelfen könnten. Ich hatte es ab einem gewissen Moment leichter, weil ich privat jemand hatte, der mir Nachhilfeunterricht gab.

Standard: Ihren Mann, den Architekten Luigi Blau, kannten Sie schon 21 Jahre, aber erst vor zwei Jahren haben Sie geheiratet.

Bergmann: Ich habe nicht daran geglaubt, dass Beziehungen so lange halten. Aber keiner von uns beiden hatte das Bestreben, den Individualismus des anderen zu verändern. Die letzten 23 Jahre haben wir uns nicht so oft gesehen, jetzt beginnt ein neuer Abschnitt. (lacht) Aber wir sind beide optimistisch.

Standard: Wissen Sie schon, was Sie am ersten freien Tag machen?

Bergmann: Das, was ich immer tu, wenn ich zu Hause bin: Ich werde Sachen sortieren, Bücher, Briefe, Sachen, die ich gesammelt habe. Und lesen. Da habe ich viel nachzuholen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.7.2010)

  • Karin Bergmann, langjährige Ko-Direktorin des Wiener Burgtheaters, ist frei für neue Herausforderungen.Zur Person:Karin Bergmann (57), geboren in Recklinghausen im Ruhrpott, lebt seit 1986 in Wien und arbeitete mit siebenjähriger Unterbrechung am Burgtheater: zunächst als Pressesprecherin, seit 1999 als Ko-Direktorin.
    foto: burgtheater


    Karin Bergmann, langjährige Ko-Direktorin des Wiener Burgtheaters, ist frei für neue Herausforderungen.

    Zur Person:
    Karin Bergmann (57), geboren in Recklinghausen im Ruhrpott, lebt seit 1986 in Wien und arbeitete mit siebenjähriger Unterbrechung am Burgtheater: zunächst als Pressesprecherin, seit 1999 als Ko-Direktorin.

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