Cockpits für die U-Bahn statt Preisfrisieren

30. Juni 2010, 18:42
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Die meisten Mädchen werden immer noch Friseurin, Verkäuferin oder Sekretärin. Conny Sloup ist eine von ihnen - und trotzdem glücklich. Jasmin Fiala hingegen hat als Blechtechnikerin ihren Traumjob gefunden

Wien - "Finde deinen eigenen Weg", rät das rothaarige Supergirl, mit dem die Frauenministerin und der Arbeitsminister auf der gleichnamigen Website Mädchen jene Lehrberufe schmackhaft machen wollen, die typischerweise nicht zu den weiblichen Top-Ten-Favoriten gehören.

Geht es nach den Mädchen, sind die Berufsfelder für die sie sich entscheiden, nämlich seit Jahren die gleichen: Sie werden Verkäuferin (24,3 Prozent), Sekretärin (12,2 Prozent), oder Friseurin (11,6 Prozent). Sehr beliebt ist auch die Ausbildung zur Restaurantfachfrau (4,7 Prozent) oder Köchin (4,1 Prozent). Kurz: 69,9 Prozent der jungen Frauen wählen aus zehn Lehrberufen aus. Und das will Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) nun ändern.

Conny Sloup hat ihren Weg bereits gefunden. Die 19-Jährige hat die Handelsschule abgeschlossen und hätte sich eigentlich "im Büro oder Hotel" gesehen. Wobei: Einen Traumberuf hat sie "eigentlich nie gehabt". Dann war da ihre Cousine, die mit 21 Jahren bereits ein Friseurgeschäft eröffnete. Und diesen Beruf kannte Conny schon von zu Hause, die Mama ist ja auch Friseurin. Also probierte sie die Sache einmal aus - und fand doch ihren Traumberuf.

500 Euro im dritten Lehrjahr

Dass die Verdienstmöglichkeiten begrenzt sind, schreckt das junge Mädchen nicht ab. Derzeit verdient sie 500 Euro netto im dritten Lehrjahr , was sich im ersten Berufsjahr ihrer Auskunft nach auf rund 900 Euro netto steigert. Aber Conny will sich weiterbilden, die Kosmetik-, Nägeldesign- und Fußpflegeprüfung ablegen und ihr Einkommen dann mit Trinkgeld aufbessern. Am Sonntag hat sie außerdem an einem Preisfrisieren teilgenommen: "Man muss einfach immer einen Kopf drüber sein über der Masse", ist sie überzeugt.

Jasmin Fiala hat sich auch einmal als Friseurin versucht. Allerdings "nur ein paar Wochen". Die 19-Jährige war auch schon Verkäuferin bei einer großen Lebensmittelkette und in der Modebranche. Aber: "Das war urlangweilig." Dann wurde ihr vom Arbeitsmarktservice ein Kurs für Mädchen in Handwerk und Technik empfohlen. Und das hat die junge Frau "immer schon gerne gemacht".

Heute steht sie als einzig weiblicher Lehrling an der Flexmaschine der Blechbearbeitungsfirma Gebrüder Bach oder schweißt, bohrt und fräst, was im Betrieb so anfällt. Das Tolle für Jasmin: "Ich mache immer eine andere Arbeit!" Derzeit fertigt sie etwa Teile an, die die Wiener Linien in ihre U-Bahn-Cockpits einbauen. Dafür bekommt sie rund 440 Euro im ersten Lehrjahr, bis zum dritten Lehrjahr wird ihr Gehalt aber auf rund 900 Euro ansteigen - das entspricht dem Betrag, den Friseurlehrling Conny erst dann erhält, wenn sie bereits ausgelernt ist.

Die Frauenministerin will jungen Mädchen diese Gehaltsunterschiede schon frühzeitig mittels Kampagne bewusst machen. Es ist nicht die erste dieser Art. Darüber hinaus soll laut Nationalem Aktionsplan (siehe unten) die Berufsorientierung künftig verpflichtend in den Lehrplänen verankert werden und die Lehrerausbildung um geschlechtersensible Unterrichtsmethoden erweitert werden.

Nichtwissen und Vorurteile

Dann müssen aber immer noch die geeigneten Lehrstellen gefunden werden, wirft Gerlinde Hauer, Arbeitsmarktexpertin in der Abteilung Frauen und Familie der Arbeiterkammer Wien, ein. Noch immer würden "Nichtwissen und Vorurteile" in Bezug auf weibliche Arbeitskräfte bei vielen Betrieben vorherrschen.

Das kann Susanne Gugrel vom Verein "Sprungbrett" nur bestätigen. "Sprungbrett" berät nicht nur junge Mädchen bei ihrer Berufs- und Lebensplanung, sondern auch Unternehmen, die bereits Frauen ausbilden oder ausbilden wollen. Was sie von den Betrieben hört, lässt sich auf drei Argumente reduzieren: "Da gibt es den innovativen Betrieb, der sagt, ich würde ja Mädchen nehmen, aber sie melden sich ja nicht" (was oft auch zutrifft), dann gibt es jene die sich auf die sanitären Voraussetzungen berufen (ein Problem, dass sich de facto erst ab fünf Frauen im Betrieb stellt) und jene, die schlicht glauben "Frauen können das nicht".

Der frühere Lehrlingsbeauftragte der schwarz-blauen Regierung, Egon Blum, sieht noch einen weiteren Hemmschuh: "Viele Eltern wollen nicht, dass ihre Mädchen einen Technikberuf ergreifen."
Das bemerkt auch Leo Hödl, Leiter des Berufsinformationszentrums Wien: "Alle setzen sich auf die Jugendlichen drauf. Beeinflusst werden die aber von ihren Eltern und Lehrern." Da gäbe es einen klaren Informationsbedarf. Umgekehrt würden die vielen Kampagnen auf die Jugendlichen oft "Druck" machen - und von einem ist Hödl überzeugt: "Ein interessiertes, begabtes Mädchen wird es immer leichter haben, als eine, die überredet wurde."

Eine ist jedenfalls überzeugt: Krimiautorin Eva Rossman will eine Technikerin zu ihrer nächsten Romanheldin machen. (Karin Moser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.7. 2010)

  • Friseurlehrling Conny Sloup macht sich mit der Bürste an die
Hochsteckfrisur ...
    foto: matthias cremer

    Friseurlehrling Conny Sloup macht sich mit der Bürste an die Hochsteckfrisur ...

  • ... Blechtechnikerin Jasmin Fiala fertigt mit dem
Bohrer U-Bahn-Teile.
    foto: heribert corn

    ... Blechtechnikerin Jasmin Fiala fertigt mit dem Bohrer U-Bahn-Teile.

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