Zeit der einfachen Ölgewinnung ist vorbei

30. Juni 2010, 18:09
2 Postings

Anfang des 20. Jahrhunderts galt zehn Meter unter Wasser schon als Tiefseebohrung - 100 Jahre später spricht man ab einer Tiefe von 1500 Metern davon

Die US-Behörden holen sich im Kampf gegen die Ölpest im Golf von Mexiko internationale Hilfe. "Die USA werden 22 Hilfsangebote von zwölf Ländern und internationalen Organisationen annehmen", erklärte das US-Außenministerium am Dienstag in Washington. Dazu zählten Schnellboote für das Aufsammeln von Öl an der Meeresoberfläche sowie schwimmende Brandschutzbarrieren. Zunächst würden die Modalitäten der Hilfslieferungen abgestimmt, hieß es.

Hurrikansaison startet

Auch der Beginn der Hurrikansaison macht den Helfern in dem Gebiet derzeit zu schaffen. Der Tropensturm „Alex" wurde am Dienstag zum Hurrikan hinaufgestuft. Auch wenn er nicht direkt über das Gebiet, wo die Aufräumarbeiten laufen, hinwegziehen soll, setzten die Schiffe, die das ausgetretene Öl abschöpfen, ihre Arbeit wegen rauer See aus. 

Zeit der einfachen Ölgewinnung ist vorbei

Die Ölkatastrophe passierte 1500 Metern unter der Wasseroberfläche. Einer Wassertiefe, die derzeit als Standard für Tiefseebohrungen gilt, wie erklärt Catalin Teodoriu, Bohrtechnikspezialist am Institut für Erdöl- und Erdgastechnik der Technischen Universität Clausthal, erklärt. Die Zeit des einfacher gewinnbaren Öls ist vorbei, wie die Die ASPO International (Association for the Study of Peak Oil and Gas) schon vor Jahren feststellte. Zur Erschließung neuer Quellen drängt es Ölkonzerne in immer größere Wassertiefen.

Mehr Erdgas in größerer Tiefe

Dabei treten im Wesentlichen zwei Probleme auf: Erstens befindet sich in den meisten Fällen in größerer Tiefe mehr Erdgas. Der durch Gas entstehende Überdruck ist zwar erwünscht, da er kostspieliges Pumpen erspart. Er existiert in fast allen Lagerstätten. Eine große Gasmenge kann aber zu sehr starkem Überdruck und schlussendlich zu einem sogenannten Blowout führen, wie es im Golf von Mexiko passiert ist.

Das zweite Problem ist, dass eine Gasblase unter Wasser erst mit Verzögerung erkannt werden kann. Bei Bohrungen an Land kann schneller reagiert werden.

Sicherheitsstandards in der Nordsee strenger

Bis zu 15,9 Millionen Liter Öl am Tag sollen seit der Explosion der Ölplattform „Deepwater Horizon" von BP ins Meer geflossen sein. Laut Teodoriu wurde im Golf von Mexiko mit den technischen Standards entsprechender Ausrüstung gearbeitet. Die Sicherheitsstandards für die Ölplattformen in der Nordsee seien wegen des rauen Wetters aber strenger.

Konzerne bohren bereits bis zu 2000 Meter unter Wasser

Anfang des 20. Jahrhunderts galten Bohrungen zehn Meter unter der Wasseroberfläche noch als Arbeit im Tiefseebereich. 100 Jahre später spricht man ab einer Tiefe von 1500 Metern davon. Brasilien plant, in doppelt so großer Tiefe nach Öl zu bohren. Im Golf von Mexiko zapfen Ölkonzerne laut Teodoriu bereits bis zu 2000 Meter unter der Wasseroberfläche Öl ab. Vor Brasilien werde sogar um 300 Meter tiefer Öl gewonnen. Das vor wenigen Tagen gefundene Ölfeld vor Schottland weist vergleichsweise günstige Bedingungen auf: 90 Meter unter Wasser soll dort gebohrt werden.

Erdöl- und Erdgasverbrauch muss dringend gedrosselt werden

Die Erträge aus den Tiefseebohrungen machen heute erst einen kleinen Teil des Gesamtvolumens der geförderten Erdölmenge aus. Dabei werde es aber nicht bleiben, meint Klaus Bitzer, Leiter der Abteilung Geologie mit Schwerpunkt Hydrogeologie an der Universität Bayreuth. „Die Industrie ist zunehmend auf unkonventionell gewonnenes Öl angewiesen", sagt der Geologe.
Nach Bitzers Ansicht muss der Erdöl- und Erdgasverbrauch dringend gedrosselt werden. Bei Tiefwasserbohrungen fehlten einfach die Möglichkeiten, den Ölaustritt zu stoppen. Das zeigen zahlreiche fehlgeschlagene Versuche, das Öl nach der Explosion der „Deepwater Horizon" aufzufangen. Sowohl Teodoriu als auch Bitzer hoffen angesichts der Katastrophe, dass die Sicherheitsstandards für den Ölabbau in Meerestiefen verschärft werden.

Ölindustrie hofft auf Arktis-Öl

Ölabbaualternativen zu derzeit üblichen Tiefseebohrungen gestalten sich auch schwierig, etwa die Ölgewinnung aus Teersanden. „Das ist eine sehr teure und sehr schmutzige Angelegenheit", sagt Bitzer. In dem Abbaugebiet bei Fort McMurray in der kanadischen Provinz Alberta sei zum Beispiel völlig unklar, was mit dem dabei anfallenden Abwasser passieren soll. Eine weitere Zukunftshoffnung der Ölindustrie ist die Arktis. Laut Teodoriu könnte die Technik in zehn bis 20 Jahren so weit ausgereift sein, um dort weitere Öllagerstätten zu erschließen. Bitzer warnt, schwimmende Eisberge könnten den Plattformen gefährlich werden.

Problem Energieversorgung

Außerdem stellt der Abbau von Öl und Gas in schwer zugänglichen Gebieten die Konzerne vor neue Herausforderungen. Woher zum Beispiel notwendige Energie nehmen? Ein Problem, dem die Gazprom im Fall der Stockmann-Felder in der Barentssee vor Norwegen, mit einem kühnen Plan begegnete. Dort sollte direkt vor Ort, 800 Kilometer von der Küste entfernt, ein eigener Atomreaktor gebaut werden. Dieser Plan ist nach Protesten zwar vom Tisch, Bitzer erwartet aber, dass er wieder hervorgeholt werden könnte. (Gudrun Springer, DER STANDARD Printausgabe 1.7.2010)

  • Artikelbild
    grafik:standard
Share if you care.