Contador und der Rest, Röntgen und Räder

30. Juni 2010, 17:54
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97. Tour de France: Dem Titelverteidiger ist fast nur mit dem E-Bike beizukommen

Rotterdam/Wien - Am Samstag hebt in Rotterdam mit dem Prolog, einem 8,9 Kilometer langen Einzelzeitfahren, eine gleichsam maßgeschneiderte Tour de France an - maßgeschneidert für Vorjahressieger Alberto Contador. Der 27-jährige Madrilene in Diensten des kasachischen Teams Astana, unbestritten der beste Kletterer im Feld, freut sich auf sechs Hochgebirgsetappen mit drei Bergankünften. Das einzige lange Zeitfahren am Tag vor der Zielankunft in Paris (25. Juli) könnte für Contador schon zur Via Triumphalis über 52 Kilometer zwischen Bordeaux und Pauillac werden.

Nicht nur die Streckenführung spricht für den dritten Triumph für Contador nach 2007 und 2009 sowie dem vierten spanischen in Serie. Auch der Zustand der Konkurrenz. Lance Armstrong, der seine 13. und letzte Tour im eigenen Team RadioShack in Angriff nimmt, hat zwar mit Rang zwei bei der Tour de Suisse ansteigende Form bewiesen, ist aber mit seinen 38 Jahren nicht einmal mehr gegen die Uhr unangreifbar. An seinen achten Toursieg glaubt der Texaner selbst nicht.

Die Luxemburger Schleck-Brüder - Fränk (30), der Sieger der Tour de Suisse, und Andy (25), der Tour-Zweite des Vorjahres - liegen mit ihrem Saxo-Bank-Teamchef Bjarne Riis im Streit und können sich nicht der bedingungslosen Unterstützung der Mannschaft sicher sein, die sie mit Saisonende verlassen. Als weitere Mitfavoriten werden der australische Weltmeister Cadel Evans von BMC Racing, Giro-Gewinner Ivan Basso von Liquigas und der im Vorjahr von Landsmann Contador entthronte Carlos Sastre genannt, obwohl der 35-jährige Kapitän von Cervélo wegen Rückenproblemen eine Absage erwogen hat.

Contador ist klug genug, niemanden zu unterschätzen. "Es gibt nichts Schwierigeres, als ein Rennen als Favorit zu gewinnen. Du weißt, dass jeder Moment der Schwäche von deinen Konkurrenten ausgenutzt wird" , sagte er der Sportzeitung Marca.

Übermenschliche Leistungssteigerungen sind wie stets im Radsport nicht auszuschließen. Auf dass die Tour wie im Vorjahr vom großen Skandal verschont bleibe, haben sich der Weltverband (UCI), die Internationale Anti-Doping-Agentur (Wada) und die französischen Dopingjäger der AFLD zu einer Art Triumvirat zusammengeschlossen, anstatt sich zu bekämpfen. Die UCI testet die Sportler, die Wada überprüft die Tester und die AFLD sorgt für die Kontakte zu Polizei und Zoll.

Besonderes Augenmerk wird diesmal auf das über die Jahre hinweg kontrollmäßig eher vernachlässigte Material gelegt. Gerüchte über die Verwendung von elektrischen Zusatzmotoren haben die UCI aufgeschreckt, weshalb zum ersten Mal vor einem Tourstart alle Räder zum Röntgen geschickt werden. Diese Möglichkeit, Contadors vorhergesagten Sieg zu gefährden, fällt damit flach. (sid, lü, DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 1. Juli 2010)

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    Mit Vorjahressieger Alberto Contador ist auch 2010 zu rechnen.

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