"Natürlich ist es eine komplizierte Sache mit uns"

30. Juni 2010, 17:46
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Van der Bellen will Finanzstadtrat werden, nähme aber auch die Ressorts Integration oder Bildung

Standard: Dass die Wiener Grünen eine streitlustige Truppe sind, wissen Sie ja aus Ihrer Zeit als Bundesparteichef. Nun gibt es in einigen Bezirken massive parteiinterne Wickel. Wie viel Leidensfähigkeit braucht man, um den Grünen im Wiener Wahlkampf zu helfen?

Van der Bellen: Ich finde, Pragmatismus reicht. Über einzelne Punkte war ich mit einzelnen Mitgliedern der Wiener Landesgruppe unterschiedlicher Meinung. Wäre ja noch schöner, wenn man immer der gleichen Meinung wäre.

Standard: Mehr Pragmatismus kann jedenfalls nicht schaden - bevor noch mehr erfolgreiche Bezirkspolitiker abgesägt werden. Wie bringen Sie mehr Bodenhaftung in den grünen Wahlkampf?

Van der Bellen: Indem man auch mich wählen kann. Und indem ich sage, Wien ist reif für Rot-Grün.

Standard: Was würde sich da ändern?

Van der Bellen: Wien würde lebhafter werden. Kulturell und wirtschaftlich. Das Liebenswerte sollte mit mehr Vibration der Großstadt verbunden werden. Die ewige Neuauflage von Rot und Schwarz verkörpert das nicht.

Standard: Wie wollen Sie die SPÖ davon überzeugen, dass die Grünen als verlässlicher Regierungspartner taugen?

Van der Bellen: Ich teile ihnen öffentlich mit, wie stinklangweilig sie geworden sind. Die Grünen sind keine Beamtenriege - ich bin selbst Beamter, deshalb trau ich mich, das zu sagen. Natürlich ist es eine komplizierte Sache mit uns - na und?

Standard: Die SPÖ soll sich also freiwillig den komplizierteren Partner aussuchen?

Van der Bellen: Die SPÖ kann ihre Optionen ja nicht ewig auf die ÖVP beschränken - und Rot-Grün von Haus aus ausschließen. Die ÖVP nähert sich uns immer wieder relativ vorurteilsfrei - etwa in Graz, Oberösterreich und Bregenz. Die SPÖ macht das Gegenteil. Beschwert sich aber gleichzeitig, wie schwer ihr die ÖVP das Leben macht. Da muss man sagen: Dann machts einmal auf, was ist los mit euch?

Standard: Sie versuchen, über ein Direktmandat in den Landtag zu kommen. Wenn die SPÖ die Absolute halten kann, bleiben Sie im Nationalrat?

Van der Bellen: Sollte ich so viele Vorzugsstimmen bekommen und ist es offensichtlich, dass die SPÖ wieder mit der ÖVP zusammengeht, dann werde ich mit Eva Glawischnig und Maria Vassilakou sprechen.

Standard: Letztlich hängt es also von der SPÖ ab, ob Sie in Wien Politik machen werden?

Van der Bellen: Wenn die SPÖ nicht bereit ist, unser Angebot anzunehmen, dann müssen wir das zur Kenntnis nehmen.

Standard: Sie wollen Stadtrat werden. Das Finanzressort wird die SPÖ wohl nicht hergeben, mit welchem würden Sie sich zur Not auch zufriedengeben?

Van der Bellen: Wien hat eine Reihe von Themengebieten, die wichtig für die Stadtentwicklung sind. Das sind etwa Kindergärten und Schulen, die Frage der Sprachausbildung. Das ist in einer Stadt, in der fast die Hälfte der Bewohner einen sogenannten Migrationshintergrund hat, von enormer Bedeutung.

Standard: Also wenn nicht Finanzen, dann Integration oder Bildung?

Van der Bellen: Beides sind wichtige Ressorts. Denn wenn Frau Marek vom Plakat lächelt und "Sprechen wir über die Schule, am besten auf Deutsch" sagt, dann sage ich: "Ja, aber da fehlt die Hälfte." Denn was ist mit der Muttersprache? Kinder, die ihre Muttersprache nicht beherrschen, tun sich auch mit Deutsch schwer. Deshalb muss die Chance der Mehrsprachigkeit bereits in der Pflichtschule genutzt werden. Das ist ja auch ein Wirtschaftsfaktor. Die Türkei ist ein riesiger Markt.

Standard: Apropos Wirtschaft: Am Sparen wird auch Wien in den nächsten Jahren nicht vorbeikommen. Da können Sie eigentlich froh sein, wenn Sie nicht Finanzstadtrat werden - sonst müssten Sie den Wienern das erklären.

Van der Bellen: Die nächsten Jahre werden sicher schwierig. Auch Wien ist davon abhängig, was die Bundesregierung macht, sprich: Welche Leistungen werden gekürzt, und wo muss die Gemeinde substitutiv einspringen? Wenn man sich das Leben einfach machen will, dann spricht das natürlich nicht für eine Regierungsbeteiligung.

Standard: Wann und wie werden Sie sich in den Wiener Wahlkampf einbringen?

Van der Bellen: Ende August. Ich fahre schon noch ein bisschen nach Tirol und ins Burgenland. Wie ich höre, gibt es für die Rathaus-Sozis eine Urlaubssperre ab Mitte August. Also das sind auch Menschen.

Standard: Die machen aber auch schon ein wenig länger Kommunalpolitik als Sie.

Van der Bellen: Es ist schon klar, dass ich bisher Bundespolitiker war. Deswegen werde ich mich jetzt auch nicht plötzlich als typischer Kommunalpolitiker gebärden. Aber Wien als Groß- und Hauptstadt passt auch gar nicht in das Provinzschema. Es ist mehr. Deshalb werde ich weiterhin die Financial Times lesen. Das werde ich nicht an den Nagel hängen.

Standard: Wann waren Sie das letzte Mal im Gemeinderat?

Van der Bellen: Das ist schon länger her.

Standard: Heute, Donnerstag, ist die letzte Chance, die Stadtparlamentarier im Plenum anzutreffen. Dann ist die Legislaturperiode vorbei.

Van der Bellen: Das wäre eine gute Idee, wenn ich nicht so extrem beschäftigt wäre. (Martina Stemmer, DER STANDARD, Printausgabe, 1.7.2010)

Zur Person: Alexander Van der Bellen (66) war von 1997 bis 2008 Bundessprecher der Grünen. Der Wirtschaftsprofessor sitzt im Nationalrat und will es am 10. Oktober über ein Vorzugsstimmenmandat in den Wiener Landtag schaffen.

  •  "Ich werde weiterhin die Financial Times lesen. Das werde ich nicht an den 
Nagel hängen."
    foto: heribert corn

    "Ich werde weiterhin die Financial Times lesen. Das werde ich nicht an den Nagel hängen."

  • "Wenn Frau Marek vom Plakat lächelt und 'Sprechen wir über die Schule, am
 besten auf Deutsch'  sagt, dann sage ich: 'Ja, aber da fehlt die 
Hälfte.'"
    foto: heribert corn

    "Wenn Frau Marek vom Plakat lächelt und 'Sprechen wir über die Schule, am besten auf Deutsch' sagt, dann sage ich: 'Ja, aber da fehlt die Hälfte.'"

  • Alexander van der Bellen möchte kein typischer Kommunalpolitiker werden.
    foto: standard/corn
    Foto: Standard/Corn

    Alexander van der Bellen möchte kein typischer Kommunalpolitiker werden.

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