Federer kann einpacken

30. Juni 2010, 20:03
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Titelverteidiger verlor im Viertelfinale gegen Berdych in vier Sätzen - Nadal hat Söderling im Griff - Melzer im Doppel im Halbfinale

London - Tennis-Star Roger Federer hat zum zweiten Mal en suite bei einem Major-Turnier schon nach dem Viertelfinale die Koffer packen müssen. Ausgerechnet in seinem "Wohnzimmer", dem Center Court des All England Clubs in Wimbledon, musste sich der sechsfache Sieger des Traditionsturniers am Mittwoch schon vorzeitig verabschieden. Der 28-jährige Schweizer, im Achtelfinale noch klarer Sieger über Jürgen Melzer, musste sich dem als Nummer 12 gesetzten Tschechen Tomas Berdych nach 2:35 Stunden mit 4:6,6:3,1:6,4:6 geschlagen geben.

Während Berdych, der auch bei den French Open schon im Halbfinale gestanden war, nun auf Novak Djokovic trifft, muss Federer vorerst seinen Traum vom siebenten Wimbledon-Titel auf 2011 vertagen. In Paris war der 28-Jährige erstmals nach sechs Jahren bzw. 23 Grand-Slam-Halbfinali en suite schon in der Runde der letzten acht (gegen Robin Söderling/SWE) ausgeschieden. Der 16-fache Major-Sieger hat heuer bisher "nur" die Australian Open für sich entschieden.

Großer Moment für Berdych

Für Berdych war der Sieg über Federer wohl der größte seiner Karriere. Der 24-Jährige besiegelte nicht nur die früheste Federer-Niederlage in Wimbledon seit 2002, er ist auch der erste Tscheche im Wimbledon-Halbfinale seit dem legendären Ivan Lendl 1990. "Es ist so aufregend, in diesem Stadion gegen so einen großartigen Spieler wie Roger zu spielen", sagte der Tscheche, der übrigens auch auf der Wunschliste von Herwig Straka für die BA-Trophy in Wien steht.

"Das war das schwierigste Match meiner Karriere - das auszuservieren - ich bin sehr glücklich", meinte Berdych beim Abgang in die Kabine. Nach nur 34 Minuten hatte er den Auftakt-Satz in der Tasche. Federer schaffte ein frühes Break zur 2:0-Führung und mit einem lauten "Come on" feuerte er sich nach dem Satzausgleich an. Doch Berdych vermochte sich im dritten Durchgang weiter zu steigern und nahm einem Roger Federer Satz drei mit 6:1 ab.

Insgesamt 51 Winner zeugen von den Qualitäten des Tschechen, der im vierten Satz bei 2:3 und 0:40 bei eigenem Aufschlag auch Nervenstärke bewies und doch noch das 3:3 schaffte. In der Folge gelang ihm das Break zum 4:3. Federer wehrte zwar bei 4:5 noch einen Matchball ab und hatte eine Breakchance zum 5:5, aber sein Gegner war an diesem Tag einfach stärker. Übrigens in elf Begegnungen immerhin schon das dritte Mal. Vor Wimbledon hatte Berdych auch heuer in Miami knapp in drei Sätzen gewonnen.

"Das war ein frustrierendes Match", sagte Federer. Als Berdych seinen zweiten Matchball mit einem zentimetergenauen Passierball vollendete, senkte er den Kopf, gratulierte kurz und verabschiedete sich mit einem kurzen Gruß an die 14.971 Zuschauer so früh wie zuletzt 2002 vom "heiligen Rasen". "Ich konnte nicht so spielen, wie ich wollte. Der Rücken hat geschmerzt und auch die Beine taten weh. Ich brauche dringend eine Pause", meinte Federer später.

Keine Paris-Revanche

Während Roger Federer nicht nur seine Wimbledon-Dominanz verlor und zur Kenntnis nehmen muss, dass er damit auch in der Weltrangliste hinter Djokovic auf Platz drei zurückfällt, ließ Rafael Nadal nichts anbrennen. Der spanische Champion von 2008 setzte sich in der Neuauflage des Finales von Roland Garros mit 3:6,6:3,7:6(4),6:1 gegen den Schweden Robin Söderling durch. In der Vorschlussrunde wartet nun Lokalmatador Andy Murray (GBR), der mit einem Erfolg über Jo-Wilfried Tsonga das Halbfinale komplettierte. Der an vier gesetzte Schotte setzte sich im letzten Viertelfinale am Mittwoch mit 6:7 (5:7), 7:6 (7:5), 6:2, 6:2 gegen den Franzosen durch und steht damit zum zweitenmal in Folge unter den letzten vier beim bedeutendsten Tennisturnier der Welt.

Djokovic stoppt Taiwanesen

Bereits zuvor hatte sich völlig unspektakulär, weil sehr überlegen Novak Djokovic ins Halbfinale gespielt. Der als Nummer 3 gesetzte Serbe beendete den Erfolgslauf des Taiwanesen Yen-Hsun Lu mit einem glatten 6:3,6:2,6:2. Lu hatte den dreifachen Wimbledon-Finalisten Andy Roddick im Achtelfinale in fünf Sätzen niedergerungen. Damit haben Wimbledon und die Fußball-WM etwas gemeinsam: Während beim Fußball-Großereignis Weltmeister und Finalist Italien und Frankreich frühzeitig ausgeschieden sind, haben mit Federer und Roddick nun auch beide Finalisten schon vor dem Semifinale die Segel streichen müssen.

Djokovic war mit seiner Performance hochzufrieden. "So wie ich gespielt habe, habe ich den Sieg verdient", meinte er grinsend. Aus allen Positionen auf dem Platz habe er sehr solide gespielt. Die Nummer 82 der Welt war nach der Sensation gegen Roddick chancenlos. Der Taiwanese hatte als erster Asiate seit dem Japaner Shuzo Matsuokoa vor 15 Jahren - auch in Wimbledon - ein Major-Viertelfinale erreicht.

Djokovic steht damit zum zweiten Mal in einem Wimbledon-Semifinale, vor drei Jahren hatte er gegen Rafael Nadal aber wegen einer Fußverletzung aufgeben müssen. "Ich hoffe sehr, dass ich auf diesem Level weiterspielen kann." Wenn ihm dies gelingt, wird es auch Federer-Bezwinger Berdych schwer haben. 

Melzer im Doppel-Halbfinale

Nach der glatten Einzel-Niederlage am Montag gegen Federer gab es für Melzer am Mittwoch ein Erfolgserlebnis auf Rasen. An der Seite des Deutschen Philipp Petzschner erreichte der Niederösterreicher bei den All England Championships das Halbfinale. Das Tennis-Duo aus Bayreuth und Wien setzte sich mit 6:4,7:6(3),6:2 gegen Rohan Bopanna/Aisam-Ul-Haq Qureshi durch. Das indisch-pakistanische Duo verlor zwar, errang aber durch den gemeinsamen Auftritt wieder einen Sieg im Kampf gegen politische Vorurteile.

Die nächsten Gegner für Melzer und Partner Petzschner, der zum ersten Mal in einem Grand-Slam-Halbfinale steht, sind Wesley Moodie/Dick Norman (RSA/BEL). Die beiden setzten sich gegen die als Nummer 2 gesetzten US-Favoriten Bob und Mike Bryan in vier Sätzen durch.

Williams-Sisters geschlagen

Ausgeschieden sind im Doppel-Wettbewerb der Damen die Titelverteidigerinnen Serena und Venus Williams. Nachdem Venus im Einzel im Viertelfinale gegen die Bulgarin Zwetana Pironkowa verloren hatte und Schwester Serena allein ins Halbfinale (gegen die Tschechien Petra Kvitova) einziehen ließ, kam nun das gemeinsame Aus ebenfalls in der Runde der besten Acht. Die topgesetzte US-Kombination unterlag den ungesetzten Jelena Wesnina und Vera Swonarewa aus Russland mit 6:3,3:6,4:6. Serena Williams, die im Einzel ihren Titel verteidigen will, war an der rechten Schulter bandagiert. (APA/Reuters)

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    Titelverteidiger Federer sichtlich geknickt,...

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    ...Tomas Berdych hatte ihn soeben verabschiedet.

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    Als Turnierfavorit gilt nun Rafael Nadal.

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