Lotse soll Piloten irregeführt haben

30. Juni 2010, 17:49
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Auf Blackbox-Stenogrammen fehlt ein Kommando - Opferfamilien zweifent an Authentizität der Aufzeichnungen

Warschau - "Wenn ihr in einer Höhe von 50 Metern die Landebahn nicht seht, hebt wieder ab." Ein solches Kommando sollte der Flugkontrollturm im russischen Smolensk den Piloten der polnischen Regierungsmaschine Tupolew-154M, die am 10. April verunglückte, ausgegeben haben. Dies geht aus dem Verhör des Piloten Artur Wosztyl hervor, der eine Stunde vor der Katastrophe auf demselben Flugplatz landete. In den Stenogrammen aus der Blackbox der Präsidentenmaschine gibt es aber keine Spur von einem solchen Befehl, berichtete am Mittwoch die Zeitung "Gazeta Wyborcza".

Wosztyl hat sich das Gespräch zwischen dem Tower und der Tupolew-154M im Radio angehört, weil es auf einem offenen Kanal geführt wurde. Das Kommando des Towers sollte kurz nach 8.40 Uhr Warschauer Zeit gefallen sein, als sich die Maschine in 80 Meter Höhe befand, und das Warnsystem bereits seit 40 Sekunden vor einer Katastrophe warnte. Die sichere Höhe, auf der Piloten auf eine Landung verzichten müssen, falls sie die Landebahn wegen Nebels nicht sehen, beträgt in Smolensk mindestens 100 Meter.

Schwierige Wetterbedingungen

Die Piloten versuchten, bei extrem schwierigen Wetterbedingungen zu landen. Wegen des Nebels wusste die Besatzung nicht, dass das Flugzeug durch eine 60 Meter tiefe Schlucht flog. Darüber hinaus verfolgte der Navigator die Flughöhe auf einem Radiohöhenmeter, der den faktischen Abstand zum Boden misst, statt auf einem Luftdruckhöhenmeter, der über die Höhe über dem Meeresspiegel informiert.

Von dem Kommando, über das Wosztyl berichtet, gibt es keine Spur in den Blackbox-Stenogrammen der Gespräche zwischen Tower und Pilot, welche die russischen Behörden Polen übergaben. Der Fluglotse bestätigte zwischen 08:39:52 Uhr und 8:40:39 Uhr mehrmals, dass sich die Präsidentenmaschine auf korrektem Kurs und auf der Landungsspur befindet. Erst um 8:40:53 Uhr, als sich die Tupolew nur noch in 50 Meter Höhe befand, rief er zum ersten Mal: "Horizont". Das bedeutet, der Pilot solle unverzüglich den Kurs ausgleichen. Die Maschine hat sich aber weiter dem Boden genähert. Um 8:41:04 Uhr prallte die Tupolew gegen einen ersten Baum.

Ab dem Moment, als der Lotse zum ersten Mal Kurs und Landungsweg bestätigte, bis zur Katastrophe fällt in dem Stenogramm nur ein als "unverständlich" bezeichneter Satz. Er wurde allerdings ausgesprochen, als sich die Maschine in 250 Metern befand. Außerdem geht aus dem ganzen Stenogramm hervor, dass alle Kommandos der Fluglotsen sehr deutlich aufgezeichnet wurden.

Polnische Spezialisten beteiligt

Die Flugschreiber wurden kurz nach dem Absturz gefunden und in Moskau erst in Anwesenheit polnischer Staatsanwälte und Spezialisten geöffnet. Die Aufzeichnungen wurden dann digital überspielt, die Originale verplombt und in einen Safe gesperrt. Polnische Spezialisten für  Audioaufzeichnung beteiligten sich durchgängig an den Arbeiten.

Rafal Rogalski, der die Familien der Opfern vertritt, ist der Auffassung, dass "die Glaubwürdigkeit des Stenogramms und der Kopie der Aufzeichnungen von Anfang an Zweifel hervorriefen". Wenn sich die Aussagen von Wosztyl als wahr erweisen, würde das seiner Meinung nach bedeuten, dass "die russische Seite in dieser Sache zumindest betrügt, um die Verantwortung eigener Dienste für die Katastrophe zu verbergen".

Bei dem Flugzeugunglück in Smolensk kamen am 10. April der polnische Präsident Lech Kaczynski, sein Ehefrau Maria und 94 weitere Insassen - darunter zahlreiche hohe Militärs und Politiker - ums Leben. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Mittlerweile hat die polnische Regierung eine neue Präsidentenmaschine das brasilianischen Herstellers Embraer angeschafft

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