Ahabs wirklicher Albtraum

30. Juni 2010, 19:12
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Paläontologen fanden in Peru einen fossilen Walschädel mit gewaltigem Gebiss

Sein Name könnte passender kaum sein: Leviathan melvillei, benannt nach den mythischen Meeresungeheuern und dem Schriftsteller Herman Melville. Dessen Romanfigur Kapitän Ahab hätte dieser Wal wohl noch viel mehr Probleme bereitet als Moby Dick. Doch L. melvillei war keine Fiktion, sondern real. Vor gut zwölf Millionen Jahren.

Diese Giganten, die während dem Miozän vor den Pazifikküsten Südamerikas lebten, wurden wahrscheinlich bis zu 17,5 Meter lang und waren zumindest indirekte Vorfahren der heutigen Pottwale. Ein internationales Forscherteam hat den ersten, zu drei Vierteln erhaltenen Schädel eines Exemplars untersucht und die Erstbeschreibung in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Nature veröffentlicht. Die Experten gruben das rund drei Meter lange Fossil im Pisco-Becken in Südperu, einer berühmten Fundstätte für prähistorisches Meeresgetier, aus.

Das Besondere an L. melvillei sind indes nicht seine Maße, sondern ist sein Gebiss. Im Gegensatz zu den modernen Pottwalen trug Leviathan in beiden Kiefern Zähne - relativ wenige, aber dafür um so größere: Der längste misst mehr als 36 Zentimeter. Eine so ausgestattete Kreatur ernährte sich kaum von kleinen Beutetieren.

Der Fund schließt eine schon seit langer Zeit bestehende Wissenslücke: Immer wieder sind auf der ganzen Welt sehr große Zähne gefunden worden, die sich nicht den bekannten Arten zuordnen ließen. Einen solchen bargen Hobbyforscher vor einigen Jahren in Chile und stellten Fotos davon ins Internet. Der belgische Paläontologe Olivier Lambert und seine Kollegen waren fasziniert. "Das war der Beginn der Suche nach Leviathan melvillei", sagt er.

Das Maul dieser urzeitlichen Pottwale trug das größte Raubtiergebiss aller bislang bekannten höheren Wirbeltiere. Der Schädel zeigt an den Schläfen erstaunlich tiefe Fossae. Dort waren höchstwahrscheinlich gewaltige Beißmuskeln untergebracht. Die Wissenschafter sind deshalb davon überzeugt, dass sich L. melvillei nicht von Riesentintenfischen ernährte, wie das seine heutigen Verwandten tun. Die brauchen dafür keine massive Bezahnung und deutlich weniger Muskeln. Sie schlucken ihre vielarmige Beute praktisch ganz, ohne zu kauen.

Stattdessen machte Leviathan wohl Jagd auf andere Wale. Die gab es in seinem Lebensraum reichlich, im Pisco-Becken wurden bereits viele sehr gut erhaltene Fossilien von mehreren Bartenwal-Spezies und weiteren Meeressäugern gefunden. Die urzeitliche Artenvielfalt hatte ökologische Gründe. Auch damals zeichneten sich die peruanischen Küstengewässer offenbar durch eine besonders hohe Produktivität aus. Den nährstoffreichen Humboldt-Strom gab es anscheinend schon, meint Lambert, und daher jede Menge Plankton und Fisch.

Größere Wirbeltiere, darunter die Bartenwale, profitierten von diesem reich gedeckten Tisch. Sie wiederum dürften die Beute von L. melvillei gewesen sein, am Ende der Nahrungskette. Allerdings waren die mächtigen Urpottwale nicht allein auf weiter Flur. Im Pisco-Becken finden sich ebenfalls Überreste riesiger Raubhaie der Art Carcharocles megalodon. Denen hat Walfleisch gewiss auch geschmeckt. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 1. 7. 2010)

  • Leviathan melvillei beim Angriff auf einen mittelgroßen Bartenwal.
    foto: nature/c. letenneur (mnhn)

    Leviathan melvillei beim Angriff auf einen mittelgroßen Bartenwal.

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