Pharmariese

Pfizer vor Klage wegen Tests an Kindern

Frank Herrmann, 30. Juni 2010 17:30

Der Oberste Gerichtshof gab grünes Licht, nachdem elf Kinder in den 90er-Jahren bei Tests gestorben waren

Nach fast 15 Jahren können nigerianische Familien in den USA den Pharmakonzern Pfizer klagen. Der Oberste Gerichtshof gab grünes Licht, nachdem elf Kinder in den 90er-Jahren bei Tests gestorben waren.

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Washington - in seit Mitte der 1990er-Jahre fast schon in Vergessenheit geratener Skandal sorgt jetzt noch einmal für Schlagzeilen: 1996 hatte eine Meningitis-Epidemie in Nigeria binnen sechs Monaten an die zwölftausend Menschen getötet, vor allem Jüngere. In einer Klinik im Bundesstaat Kano ließ Pfizer damals ein neues Medikament ausprobieren, ein Antibiotikum mit dem Handelsnamen Trovan. Es wurde 200 Kindern verabreicht, die an Hirnhautentzündung erkrankt waren. Ihre Eltern waren davor weder darüber informiert noch um ihr Einverständnis gebeten worden.

Wie ein Expertengremium später herausfand, war Trovan nie zuvor an Menschen getestet worden. Nach ersten Laboranalysen sollen Eingeweihte sogar gewusst haben, dass seine Nebenwirkungen unter Umständen lebensbedrohlich sein können. Zunächst war von elf toten Kinder die Rede gewesen, doch nach Angaben der nigerianischen Behörden kamen insgesamt an die 50 Heranwachsende bei dem Experiment ums Leben. Weitere Patienten erlitten schwere Hirnschäden, sind taub, blind oder an Armen und Beinen gelähmt.

Hajara Sani, damals drei Jahre alt, kann seither weder hören noch sprechen. "Die amerikanischen Ärzte haben uns und unsere Kinder betrogen. Und wir dachten, dass sie uns helfen" , klagte ihr Vater Hassan einem BBC-Reporter sein Leid.

Aliyu Umar, eine Zeit lang der höchste Justizbeamte des nigerianischen Bundesstaates, hatte im Namen von 192 Familien Klage gegen Pfizer erhoben. "Wir begreifen, dass wir in der Dritten Welt leben und die medizinische Hilfe des Auslands brauchen" , sagte Umar vor Jahren der Washington Post. "Aber wir haben etwas gegen Leute, die glauben, dass sie unsere Unwissenheit ausnutzen können, um Gewinn zu machen."

Zwei Milliarden Dollar

Geht es nach den Betroffenen, soll der weltgrößte Pharmahersteller über zwei Milliarden Dollar Entschädigung zahlen. Da eine solche Zivilklage vor einem amerikanischen Richter große Erfolgschancen hat, setzte Pfizer alle Hebel in Bewegung, um zu verhindern, dass der Prozess statt in Nigeria in Amerika über die Bühne geht.

Ein US-Richter hatte dem Unternehmen zunächst recht gegeben, bevor ein New Yorker Berufungsgericht zugunsten der Kläger entschied. Nun bestätigte das Supreme Court als höchste Instanz, dass das Verfahren in den Vereinigten Staaten stattfinden kann. Wann und wo, ist jedoch noch offen. Der Arzneimittelriese seinerseits weist jede Schuld von sich. Die Familien seien sehr wohl über die Tests mit dem damals noch nicht zugelassenen Medikament informiert worden, außerdem habe das Antibiotikum Gutes bewirkt.

Hätte man die todkranken Kinder das Medikament nicht schlucken lassen, wären noch mehr von ihnen an Hirnhautentzündung gestorben, lautet die Argumentation der Firma. In den USA darf Trovan heute nur noch in Notfällen verschrieben werden, nachdem die Zulassungsbehörde für Arzneimittel auf die Gefahr schwerer Leberschäden hingewiesen hatte. In Europa ist es seit 1999 ganz verboten. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.7.2010)

Kommentar posten
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Toni Blaher
 
01.07.2010 11:30
Warum regt sich jeder über das angelsächische Recht auf?

Wenn das in Österreich gemacht werden würde, müsste die Firma sogar weniger zahlen da die Leute in Afrika ja billiger leben. Mehr als 200.000 Euro hat bei so einer Klage sowieso noch nie in Österreich rausgeschaut. Bei den Amis rechnen Sie aber ordentlich und brummen über diesen Betrag eine Strafe, die an die Betroffenen ausbezahlt wird, den Pharmakonzernen auf.
In Österreich würden Sie 120.000 Euro vermutlich zahlen und wären hierdurch kein bisschen abgeschreckt obwohl Experimente an Menschen gegen ihren Willen angewandt wurden und so Menschen gestorben sind. Keine abschreckende Wirkung! Wenn man aber auf einmal 2 Mrd. zahlen muss ... In den USA gibts wohl jetzt auch weniger Kindesmissbrauch in der kath. Kirche die pleite deswegen.

back bend
01.07.2010 11:27

mich schreckt das alles gar nicht mehr, man hört so viel unendlich abartiges aus der pharmabranche, diese geschichte stellt(e) (ist ja schon ein paar jahre her) nur einen weiteren sehr traurigen meilenstein in dieser schon beinahe unendlich scheinenden geschichte dar.
meningitis ist - früh erkannt - relativ gut behandelbar und wird vor allem mit penicillin G und cephalosporinen behandelt. trovan enthält einen komplett anderen inhaltsstoff!!!! was habt sich pfizer von dem einsatz von trovan versprochen?
gerade penicillin G ist ein uraltes antibiotikum und auch in sehr hohen dosen nicht giftig und absolut gut wirksam.
l
ich kann über diese geschichte nur resigniert den kopf schütteln...

Dormouse
01.07.2010 11:10

menschenleben sind halt in der zwischenzeit am wenigsten wert, alles andere kommt davor, geschützt von unseren westlichen "demokratien"

mfg

susanne kleedorfer
01.07.2010 08:20

das ist unglaublich!!!ich dachte,das gibt es nur in hollywoodfilmen.
wie weit hat sich die menschheit entwickelt? hier waren und sind noch immer? dr.mengeles am werk.war das leben dieser kinder auch unwert?
wenn sich jemand freiwillig gegen entgeld für solche versuche zur verfügung stellt,bitte sehr,aber an nichtsahnenden diese medikamente auszuprobieren und die not der leute auszunützen,gehört wohl zum widerwärtigsten,was die krone der schöpfung je hervor brachte.ich hoffe,daß diese schei..er so hochgradig verurteilt werden,daß die machthaber in pharma,banken,politik ordenlich dran kommen.solche drecksäcke! und wieder dieses:hätten wir nicht,dann wären noch mehr gestorben.
hätte meine oma räder statt haxen,wäre sie ein autobus,blabla...

alehopp
01.07.2010 10:42
BENEIDENSWERT

diese naivität!
und das sag ich ohne zynismus...

susanne kleedorfer
01.07.2010 11:08

danke für ihre aufrichtige anteilnahme an meiner gemütsverfassung.welche meinung sie zu diesem thema haben,weiß ich nicht.mir ist allerdings bewußt,daß es hier um geld geht und sonst um gar nichts.ich prangere trotzdem menschenversuche an-tierversuche übrigens auch.
mir kommt der fall trotzdem so vor wie die versuche der ns-ärzte an gefangenen.es widert mich an.
so,und jetzt erfreuen sie sich bitte weiterhin an meiner naivität.wenigstens habe ich eine meinung.
auch das ist ohne zynismus....

socram
01.07.2010 11:50

du prangerst menschen- und tierversuche an? und wie soll dann ein medikament jemals marktreif werden?

susanne kleedorfer
01.07.2010 13:27

mit freiwilligen!

Zentralkomittee
 
01.07.2010 08:42
Leider ist halt

auch die pharma-industrie einfach industrie - alles wird des geldes wegen gemacht. Das einzige was man hoffen kann ist das solche fälle (und ich würde es mal wagen zu vermuten dass andere "global players" nicht besser sind als Pfizer zu mindest was solche experimente angeht) einfach publik gemacht werden und die konzerne zumindest image-schaden davon tragen werden, von den zahlungen an den opfern jetzt abgesehen. Zum ko** das ganze.. v.a. die ärzte, die offensichtlich gewusst haben was sie da verabreichen - den ein pharma-boss-heini hat vermutlich keine ärztliche ethik, ein arzt sollte aber nach solchem ethik-bruch nie mehr praktizieren dürfen.

johann potakowskyj
 
01.07.2010 03:06
es kann schon sein, dass ungetestete Medikamente an hoffnungslosen Krankenfällen eingesetzt werden

als letzte Hoffnung. Insbesondere bei Krebs hat das so manchen Patienen doch noch das Leben gerettet, wenn ein Medikament aus der neuesten Forschung zum Testeinsatz gekommen ist.

Ich möchte den Aufruhr gegen Pfitzer deshalb nicht bedingungdlos anfeuern.

ein Nigerianisdcher Diplomat macht da Wind ... naja ... Vielleicht ist's wirklich nur eine Variante der Nigeria Connection im Westen ein paar Dollar abzutocken.

Flowchi
01.07.2010 01:15
alles geschah weil das System so ist wie es ist...

...die Umstände welche Politiker erschufen und andere Machtmenschen erhielten sind Maßgebend!

Nun, haben Wir 2010 und die Umstände sind wie Sie sind...alles was geschieht, geschieht weil Alle und Alles so ist wie es ist!

Wenn man das erkennt beginnt Verantwortung...oder Machtbewußtsein, wie mann/frau sich eben entscheidet...

;) liebe Grüße und viel Licht euch Allen

daskarmakommtzurück
30.06.2010 23:57

ich verstehe nicht, dass es menschen gibt die beispielsweise solche entscheidungen mit ihrem gewissen vereinbaren können. zum kotzen.

h 90
01.07.2010 05:24

Naja sie testen und vielleicht stirbt jemand oder sie testen nicht und es sterben sicher Leute (weil sie das Medikament nicht haben).
Ich will das nicht entscheiden muessen.

yomellamo
30.06.2010 17:06
"The Constant Gardener"

http://www.imdb.com/title/tt0387131/

... das erschuetternde an dem film ist, dass er (wie man am obigen artikel sieht) nur die wirklichkeit beschreibt.

Takis
30.06.2010 16:29

Immer diese Freikäufe. 75 Millionen für 11 tote Kinder, grausamer gehts nicht.

eze eze
 
30.06.2010 22:40

Laut Artikel waren es sogar 50. Ein Wahnsinn, was diese Firmen sich erlauben dürfen.

Mann ohne Namen
30.06.2010 16:25
Pfizer nicht alleine

mit solchen Methoden ist Pfizer nicht alleine:

http://www.monde-diplomatique.de/pm/2007/0... Lec3ZR.n,2

ProEvo84
30.06.2010 15:25

Die großen Pharmakonzerne sind mit Abstand der widerlichste Teil unserer Wirtschaftswelt: im Gegensatz zu Banken vernichtet ihre Profitgier nicht nur Vermögen und Arbeitsplätze sondern Menschenleben.
Wie perfide muss man sein um Menschen in hoffnungslosen Situationen als billige Versuchskaninchen zu mißbrauchen.

Ich hoffe sie werden alle in der Hölle schmoren.
*Daumen drück*

H Huber
01.07.2010 12:02

So pauschal kann man das ganz sicher nicht sagen, denn Pharmakonzerne haben bestimmt übermäßig stark Menschen vor dem Sterben bewahrt, und nicht umgekehrt.

ProEvo84
01.07.2010 15:21

Gehen wir mal weg aus der Pharmabranche.
Wenn ein Waffenhersteller jährlich Millionen von Dollar
für wohltätige Zwecke spendet - ist seine Existenz
dann wertvoll für die Menschheit nur weil er mit einem Teil des Geldes, dass er für den Verkauf von Mordwerkzeugen verdient ein bisschen was Gutes tut.
Kapieren Sie's endlich: wenn die Menschen durch die Medikamente gesund werden ist es für Pfizer natürlich super - sollten sie jedoch davon sterben ist es ihnen schei*egal!

H Huber
02.07.2010 12:45

Nachdem ihr Beispiel absolut nichts mit der Pharmabranche zu tun hat, werde ich es einfach einmal ignorieren. Da können Sie auch gleich einen Massenmörder oder einen Teddybären als Vergleich heranziehen, das wäre genauso sinnvoll.

Außerdem ist es Pfizer sicher nicht egal, wenn jemand wegen ihrer Medikamente stirbt. Schon alleine wegen des daraus folgenden schlechten Images (aber nicht nur).

Giacomo Leopardi
01.07.2010 11:38
naja, so zu verallgemeinern ist schon etwas sehr seicht

denn ohne den Pharmariesen wären Milliarden von Zuckerkranken schon abgetreten, ganz geschweige von den Leuten mit Bluthochdruck u.a. Leiden.
Pfizer pfeift sich wenig, wie man schon bei Viagra gesehen hat, wo die Leute mit einem Herzkasperl als Nebenwirkung sich verabschiedet haben.
In diesem Fall glaube ich aber kaum, das die Konzernspitze davon wußte; das wurde schon von ihren lokalen Handlangern arrangiert, und da spielt auch die Kultur im Lande eine große Rolle; wo die Hemmschwelle niedrig, kann unvorstellbares passieren. In anderen Ländern wurden Häftlinge für so etwas benutzt

ProEvo84
01.07.2010 14:57

Na die verdienen ja auch ihr Geld mit Mitteln gegen
Krankheiten. Wenn keines ihrer Medikamente irgend einen Nutzen hätte wäre das nicht sehr wirtschaftlich für sie.
Es geht nur grundsätzlich darum, dass sie diese Medikamente nicht herstellen um Menschen zu helfen sondern um Profit zu machen - und zu diesem Zweck ist ihnen jedes Mittel recht.
Wenn die Pharmariesen in der Entwicklungsphase die Wahl haben zwischen einem Wirkstoff mit und einem ohne Nebenwirkungen, die beide gleich viel kosten, werden sie natürlich den ohne nehmen da sie ja nicht absichtlich Negativschlagzeilen machen.
Jedoch haben alle Medikamente Nebenwirkungen - sie zu reduzieren kostet Geld, dass sie meist nicht bereit sind auszugeben.

warumauchnicht
01.07.2010 11:22
Lebt es sich

eigentlich angenehm in ihrer schwarz / weiss Welt?

ProEvo84
01.07.2010 15:05

Ich denke aus Profitgier Kinder an ungetesteten
"Heilmitteln" krepieren zu lassen kann man durchaus
als "schwarz" (als eines von vielen negativen Extremen in unserer Welt) bezeichnen.

Und sollten sie z.b. in einer unteren Position bei Bayr,
Pfizer, etc. arbeiten - wird reden hier nur von den
wirklichen Enscheidungsträgern, also keine Sorge:
wenn's ansonsten brav waren kommen's schon in den
Himmel.

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