"Eine Äußerung aus Kärnten kostet mich drei Tage"

30. Juni 2010, 12:47
4 Postings

Schüler hinterfragen Beruf und Alltag des slowenischen Botschafters Aleksander Geržina

Wien - "Slowenien ist nur geografisch gesehen klein. Doch in jeder anderen Hinsicht ist es durchaus bedeutend: Dort gibt es die älteste Weinrebe der Welt, den einzigen noch bestehenden Urwald in Europa und nicht zuletzt auch die meisten Bären pro Quadratkilometer" , leitet Botschafter Aleksander Geržina die Veranstaltung Botschaften aus Europa, ausgerichtet vom Standard und dem Europäischen Wirtschaftsforum, ein. In den folgenden Minuten umreißt er Sloweniens Platz in der EU und als österreichisches Nachbarland, worauf die Diskussion mit den 120 Schülern in der Hauptbücherei starten kann.

Da diese zu Beginn schwer aus der Reserve zu locken sind, stellt Moderatorin und Standard-Außenpolitikredakteurin Julia Raabe selbst die erste Frage nach dem Berufsalltag eines Botschafters. Mit leidendem Gesichtsausdruck bekennt Geržina: "Wien ist ja eine schöne Stadt, aber als Botschafter eines Nachbarlandes ist die Arbeit nahezu endlos. Während meine britischen oder schwedischen Kollegen am Nachmittag Tennis spielen oder schwimmen gehen, kostet mich eine einzige Äußerung aus Kärnten drei volle Tage, um sie durchzugehen, zu kommentieren und an mein Außenministerium weiterzuleiten."

Zweifel am EU-Beitritt

Die Schwierigkeiten in der Beziehung zwischen Slowenien und Österreich mit dem Schwerpunkt auf Kärnten kommen auch in der weiteren Diskussion immer wieder zur Sprache, genauso wie slowenische Finanzprobleme: "Eigentlich hat die EU ja sehr viel Geld. Und jetzt, da das Land unter finanziellen Schwierigkeiten leidet, interessiert uns natürlich, wie wir da rankommen" .

Da sich dies jedoch nicht so einfach gestalte, kämen in Slowenien nun vermehrt Zweifel an der Sinnhaftigkeit des EU-Beitritts auf, erklärt Geržina auf die Frage, ob auch in seinem Heimatland die Debatte um die EU-Mitgliedschaft präsent sei. "Diese Diskussion gibt es ständig. In der Phase vor dem Beitritt wird die Vorstellung von den Vorteilen einer Mitgliedschaft gerne idealisiert. In der zweiten Phase nach dem Beitritt wird der Bevölkerung allmählich bewusst, welche Verpflichtungen, auch finanzieller Art, sie eingegangen ist. Im Großen und Ganzen hat sich die Entscheidung jedoch sehr gut auf das Land ausgewirkt."

Neben den politischen und wirtschaftlichen Aspekten, welche hauptsächlich von den Lehrern zur Sprache gebracht wurden, interessierten sich die Jugendlichen besonders für sein privates Leben als Botschafter und dafür, wie es ihm möglich sei, seine Frau und seinen fünfjährigen Sohn regelmäßig zu sehen, da sich diese in Ljubljana befinden. "Mit meiner Frau, ebenfalls Diplomatin, und mir ist das schon relativ eingespielt. Wir besuchen uns wann wir können, an den Wochenenden und Feiertagen. Dasselbe gilt für meinen Sohn, auch wenn es nicht leicht ist. Glücklicherweise ist ja der österreichische Kalender voll mit Feiertagen" , lacht Geržina. Gegen Ende der Debatte spricht ein Schüler an, was sich der Rest vorher nur flüsternd zu fragen gewagt hat: "Wie viel verdient man denn so als Botschafter?" Diplomatisch weicht Geržina anfangs etwas aus: "Für slowenische Verhältnisse verdiene ich viel." Schließlich fügt er jedoch hinzu: "Mit den Spitzenreitern aus Italien und Griechenland, die zwischen 10.000 und 15.000 Euro im Monat verdienen, kann ich nicht mithalten. Wir Slowenen verdienen maximal 8000 Euro. Aber das ist ganz gut."

Die Frage wird aufgeworfen, wer sich eine Laufbahn als Botschafter vorstellen kann. Drei Viertel der Schüler heben die Hand. Mit gestillter Neugierde verlassen sie schließlich die Bücherei und besprechen lebhaft die Eindrücke der vorangegangenen eineinhalb Stunden.

Selbst in die Diplomatie

"Jetzt gegen Ende ist es richtig spannend und lustig geworden", meint Jelena (18) aus der Vienna Business School. "Und der Botschafter selbst hatte eine sehr charismatische und sympathische Ausstrahlung. Dem pflichtet auch die 16-jährige Natalie der HAK Ungargasse bei, die im Rahmen des Geografieunterrichts mit ihrer Klasse dort gewesen ist: "Ich fand ihn sehr nett und interessant. Ich könnte mir auch vorstellen, mal Botschafterin zu werden - bei dem Gehalt!"(Vanessa Gstrein, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.6.2010)

  • Die Frage wird aufgeworfen, wer sich eine Laufbahn als Botschafter vorstellen kann. Drei Viertel der Schüler heben die Hand.
    foto: standard/hendrich

    Die Frage wird aufgeworfen, wer sich eine Laufbahn als Botschafter vorstellen kann. Drei Viertel der Schüler heben die Hand.

Share if you care.