Schicksalstag für das Kreuz in Schulen

30. Juni 2010, 11:22
  • Artikelbild
    foto: dpa/karl-josef hildenbrand

    Italien hat Einspruch gegen das Urteil erhoben, dass befand, dass Kreuze in Klassenzimmern gegen das Prinzip der Religionsfreiheit verstoßen.

Europäischer Menschenrechtsgerichtshof verhandelt über Kruzifixverbot in Klassenzimmern

Straßburg - Vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg hat am Mittwoch die Verhandlung über ein Kruzifixverbot in Klassenräumen begonnen. Der Fall könnte das sensible Verhältnis zwischen Staat und Kirche in ganz Europa beeinflussen.

Die gebürtige Finnin Soile Lautsi hat den italienischen Staat geklagt, weil sie nicht akzeptieren will, dass ihre beiden Söhne unter einem Kreuz an der Wand unterrichtet werden. Während alle italienischen Gerichte ihre Klage zurückwiesen, gab ihr der Menschenrechtsgerichtshof im vergangenen Jahr überraschend recht. Italien hat dagegen Einspruch erhoben, worüber die Große Kammer des Straßburger Gerichtshofs nun entscheiden muss.

Kreuz könnte konfessionslose SchülerInnen "verstören"

Der EGMR urteilte im vergangenen November, Kruzifixe in Klassenzimmern staatlicher Schulen seien nicht mit den Europäischen Menschenrechtskonventionen vereinbar. Das Kreuz als Symbol einer bestimmten Religion könne Kinder ohne Glauben oder mit einer anderen Religion verstören. Sie gaben der Atheistin Lautsi recht, dass bei der Erziehung "konfessionelle Neutralität" geboten sei. Das Kruzifix über der Schulbank verletzte das Recht der Eltern, ihre Kinder gemäß ihrer eigenen Weltanschauung zu erziehen.

Italiener orten "aggressiven Säkularismus" des Gerichtshofes

In Italien löste die Entscheidung einen Sturm der Entrüstung aus. Vor dem Vatikan kam es zu Massendemonstrationen für das Kreuz, Papst Benedikt XVI. betonte neben dem religiösen auch den "historischen und kulturellen Wert" des Kruzifixes. Politiker aller Lager brandmarkten einen "aggressiven Säkularismus" der Straßburger Richter.

Für die Verhandlungen haben sich  zehn Staaten Europas hinter Italien gestellt. Auch das Zentralkomitee deutscher Katholiken ist zur Unterstützung des Kreuzes nach Straßburg gereist. Wenn der Gerichtshof in einigen Monaten sein Urteil fällt, wird dies für alle Mitgliedsstaaten des Europarates bindend sein.

Österreichischer Nationalrat besorgt über Aushöhlung des Rechts auf öffentlichen Religionsausübung

Der österreichische Außenminister Michael Spindelegger (VP) "begrüßt" die Befassung der Großen Kammer des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte mit dem Kruzifix-Fall. "Die Große Kammer hat wiederholt in ihren Urteilen bewiesen, dass sie sich dem kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas sehr bewusst ist", wird der Außenminister in einer Presseaussendung vom Mittwoch zitiert. Spindelegger verwies außerdem auf die Entschließung des Nationalrats vom 19. November 2009, in der dieser seine Besorgnis über eine mögliche Einschränkung und Aushöhlung des Rechts auf öffentliche Religionsausübung durch das Ersturteil ausgedrückt hatte.

"Ich erwarte, dass die Große Kammer das langjährige Rechtsverständnis der Vertragsstaaten der Konvention berücksichtigt, nach dem das Prinzip der Religionsfreiheit der Präsenz von religiösen Symbolen im öffentlichen Raum nicht entgegensteht. Nur so kann die uneingeschränkte Geltung des Prinzips der Religionsfreiheit weiterhin gewährleistet werden", so Spindelegger. (APA/apn)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 93
1 2 3
Florian Salmhofer
 
00
Verbote sind keine Lösung

Gebote aber auch nicht unbedingt. Warum nicht den Eltern/Schülern/Lehrern überlassen welches oder ob überhaupt ein Symbol aufgehängt wird?

Ich bin sowieso für einen Religionsunterricht, der alle Religionen umfasst. Im Zuge dessen könnten die Schüler auch entscheiden, ob ein Kreuz oder sonstwas an der Wand picken soll.

Kulkulcán
01
Die Lösung:

Entweder:
*) eine Tafel mit den Symbolen der 15 anerkannten Kirchen und Religionsgemeinschaften in jeder Klasse, oder
*) überhaupt keine Symbole in öffentlichen Schulen

GoodieGoodie
00

Haben die Kinder dann auch an allen Feiertagen der 15 anerkannten Religionsgemeinschaften schulfrei?

hagane
00

wenn sie bei allen 15 anerkannten religionsgemeinschaften mitglied sind, natürlich!

GoodieGoodie
00

Warum? Jetzt haben doch auch alle an den katholischen Feiertagen frei, auch wenn sie nicht katholisch sind.

Ist doch eigentlich eine faire Lösung:
Dafür, dass sich Nicht-Katholiken das Kreuz an der Wand anschauen müssen, bekommen sie an Tagen frei, die ihnen von der Religion her gar nicht zustehen würden.

HinterfrageAllesUndBildeDich
01
Hätten sie Jesus ertränkt...

...dann hätte jetzt jeder ein Aquarium zuhause.;-)

g'stieß
00

ich nicht - ich find fische öd und jesus langweilig.

Aleksandar
64
Gibt's keine anderen Probleme?

Ich finde es krank, wenn sich jemand durch ein schlichtes Holzkreuz an der Wand gestört fühlt. Wie viele Menschen schmücken sich mit einen kleinen, goldenen Kreuz um den Hals. Sollen die - so sie sich in öffentlichen Verkehrsmitteln befinden - dieses unverzüglich abnehmen, weil sie eine gegenübersitzende Person stören könnten?

Beliar
05
Krank?

ich finde es krank, dass in einem sekulären staat religion, egal welche, einen derartigen stellenwert hat bzw haben soll, dass in öffentlichen gebäuden und das sind schulen nun mal eben deren symbole repräsentiert sind. weiters krank finde ich die statements, wie "christliche wurzeln der abendländischen kultur", "ohne das christentum gäbs keine ethik/moral" die in dem zusammenhang vorgebracht werden

Aleksandar
22
Stellenwert ...

Jede Religion hat wohl für diejenigen große Bedeutung, die ihr anhängen. Ein Katholik wird sich freuen, wenn ein Kreuz in einem öffentlichen Gebäude hängt, da er Wertschätzung für seine Religion feststellen kann. Ein vernünftiger Nicht-Katholik wird sich dadurch wohl nicht gestört fühlen können. Mit wie vielen Symbolen verschiedenster Institutionen werden wir täglich konfrontiert? Und wer regt sich da auf? Respektieren wir einander! Ein an der Wand hängendes Kreuz kann man betrachten, man kann sich davor bekreuzigen, man kann es übersehen, ignorieren, belächeln,... Aber man sollte nicht vergessen, dass es für bestimmte Menschen große Bedeutung hat.

potamu
02
Nunja, Stellenwert ...

Vielleicht wird einmal auch der Atheismus einer Atheistischen Religionsgesellschaft als Religion anerkannt. Ein Mitglied der Atheistischen Religionsgesellschaft könnte sich dann möglicherweise freuen, wenn ein Symbol des Atheismus in einem öffentlichen Gebäude hängt, da es Wertschätzung für seine Religion feststellen kann, oder? Ein vernünftiger Nicht-Atheist wird sich dadurch wohl nicht gestört fühlen können, oder? Mit wie vielen Symbolen verschiedenster Institutionen werden wir täglich konfrontiert? Und wer regt sich da auf? Respektieren wir einander! Ein an der Wand hängendes Symbol des Atheismus kann man betrachten, man kann es übersehen, ignorieren, belächeln,... Aber wir sollten nicht vergessen, dass es manchen viel bedeutet. Oder? :)

Beliar
00

ok, hab ich was kräftig in die falsche gurgel gekriegt, aber bei der art der debatte (spindelegger, nö lokalpolitiker [schwarz]) geht mir der hut etwas hoch. wenn schon kreuze in öffentlichen gebäuden dann aber bitte auch die symbole aller anderen (anerkannten) religionen, und wenns die zeugen jehovas sind :)
mich stört einfach der machtanspruch und anspruch auf die alleinige seligmachung der christlichen kirchen

torch
 
00

In der Zeit des Volksschulbesuches habe ich ganz besonderen Wert auf den "Halbmond" gelegt, das allerdings nur bis zur Zehnuhrpause.

Danach hatte ich den Halbmond verinnerlicht und es hatte absolut keine schädliche Wirkung.

bskor
02
Italien hat Einspruch gegen das Urteil erhoben, dass befand, dass Kreuze in Klassenzimmern gegen das Prinzip der Religionsfreiheit verstoßen.

Daran, dass die Mehrheit der Poster den Unterschied zwischen "das" und "dass" nicht kennt, habe ich mittlerweile zur Kenntnis nehmen müssen (gewöhnen kann man sich nicht wirklich daran).
Aber dass auch Journalisten, deren tägliches Handwerkszeug der richtige Gebrauch der Sprache sein sollte, die Regeln in zunehmendem Maße nicht mehr beherrschen, ist schon traurig.

A Voice
00
Betonung auf sollte

Gegenbeispiele gibt's zu Genüge.

Cielito Lindo
00

@sw16
Ihr Beitrag wurde gelöscht. Die von Ihnen beschriebene Entwicklung findet natürlich statt.

Otto-Normal-Tschutsch
11
In jedem Christlichem Haus sollte ein Kreuz in der Küche hängen!"


"Es gibt nichts was mehr appetit macht als ein halbnackter Jude auf einem Kreuz genagelt."
Stewie Griffin

Heinrich POELL
02
Spindeleggers verquere Logik ...

Ich kann nur hoffen, dass Hr Spindelegger das aus Opportunismus von sich gibt, und nicht aus Überzeugung - dann sieht es nämlich mit seiner Denkfähigkeit schlecht aus ....

papa_ratzi
01
Wenn der Gerichtshof in einigen Monaten sein Urteil fällt, wird dies für alle Mitgliedsstaaten des Europarates bindend sein.

und der wird religiöse symbole hoffentlich aus öffentlichen einrichtungen bannen, zeit für die klare säkualrisierung des österreichischen staates wärs schon längst, vor allem wenn Personen wie die mikl-leitner politische ämter ausüben, siehe Interview mit ihr:
http://derstandard.at/126713211... euzen-fest

_theOne_
03
Privatsache

Das Kreuz soll die ShülerInnen immer an folgendes errinnern:
"Liest du die Bibel jeden Tag?"
...denn warum sollte Religion auch Privatsache sein? Könnt ihr euch nicht mehr an die Schule erinnern, war es nicht schön immer einen Toten am Kreuz zu sehen?!?!?! hm? dadurch habe ich vieles gelernt...zum Beispiel...ahmmm...ahmmm...naja, vl fällt mir später etwas ein...

http://www.youtube.com/watch?v=J5YA3mauYqI

standardabweichung
02

es ist ja noch nicht einmal klar ob bei intersubjektiver abwägung nachweisbar wäre dass die religionen weniger schaden als nutzen bewirken. aber wie schon einmal gesagt wenn schon ein symbol der gesellschaftlichen verfasstheit im klassenzimmer appliziert werden soll dann möge man doch euroscheine an die wand nageln

Heinz Anderle
 
02
"Aggressiver Säkularismus" - ...

... klingt gut!

Dr. Heinz Anderle, Freigeist

ulli52
 
00
30.6.2010, 22:48
"Aushölung"

??

Beliar
00

ich nehme mal an aushöhlung der aushöhlung, obwohl ich mir schwer vorstellen kann, dass man etwas das schon derartig hohl ist noch weiter.... spindelegger ist ein vpler was sollt man da von ihm anderes erwarten, na so is er wenigstens mit irgendwelchen sagern in den medien

farbrauschen
00
30.6.2010, 22:28
"Die Große Kammer hat wiederholt in ihren Urteilen bewiesen, dass sie sich dem kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas sehr bewusst ist"


das ist der beweis.
von hohem politiker erbracht (oder doch eher eine journalistenstilblüte?):

der dativ ist dem genitiv sein tod.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 93
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.