Eine Wagenladung der Wissenschaften

29. Juni 2010, 23:09
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Zwanzig Stunden Busfahrt, Wissenschafter aus aller Welt und Pizza mit dem Prof: Das erwartet 53 heimische Nachwuchsforscher, die der Vienna Science Shuttle Anfang Juli zu einer fachübergreifenden Konferenz in Turin bringt

Ein bisschen fühlt sich Jolanta Siller-Matula an Teenagertage erinnert: "Zuletzt habe ich als 15-Jährige eine so lange Busreise gemacht", schmunzelt die Doktoratsstudentin an der Med-Uni Wien, die am AKH als Ärztin für Innere Medizin arbeitet. Siller-Matula, geboren 1981 in Polen und seit 2002 in Österreich, ist eine von 53 jungen Wissenschaftern und Wissenschafterinnen, die am 2. Juli frühmorgens vor dem Wiener Rathaus mit dem Vienna Science Shuttle die etwa zehnstündige Reise nach Turin antreten werden.

Dort findet nämlich bis zum 7. Juli das Euroscience Open Forum (ESOF) statt, eine Konferenz, die - entgegen den üblichen Fachkonferenzen - alle zwei Jahre europäische Forscher aus den verschiedensten Disziplinen zusammenbringt. Um möglichst vielen jungen Wissenschaftern die Teilnahme an der alle zwei Jahre stattfindenden Veranstaltung zu ermöglichen, kam Helga Nowotny, Präsidentin des European Research Council (siehe Interview unten), heuer auf eine besondere Idee: Busse bringen Master- und Doktoratsstudenten sowie PostDocs auf direktem Weg nach Turin. Die Kosten übernehmen Unis und Forschungseinrichtungen, welche auch "ihre" Teilnehmer nominiert haben.

Insgesamt werden acht Shuttles anreisen, selbst in Irland und Schweden werden die Koffer gepackt. Den Vienna Science Shuttle werden Jungforscher von sieben Unis und außeruniversitären Instituten nehmen, die Initiative dazu sowie die Organisation hat der Wiener Wissenschaftsfonds WWTF übernommen.

Dabei ist eine aus allen Forschungsgebieten und acht Nationen zusammengewürfelte Truppe entstanden. "Mich hat am meisten die Gelegenheit interessiert, mich aus meiner Fachrichtung hinausbewegen zu können", schildert der Politikwissenschafter Julius Lambi von der Vienna School of Governance der Uni Wien.

Der aus Kamerun stammende Doktoratsstudent, der zum Einfluss der Zivilgesellschaft auf Demokratisierung forscht, ist davon überzeugt, dass ein inspirierender Vortrag, egal ob aus den Sozial-, Geistes- oder Naturwissenschaften, eine Laufbahn, wenn nicht gar das Leben verändern kann. Rund 450 Wissenschafter, darunter mehrere Nobelpreisträger, werden in den ehemaligen Fiat-Werken in Turin mit allgemein verständlichen Vorträgen zum aktuellen Stand von Gebieten wie Quantenmechanik, Epigenetik oder Tiefseeforschung aufwarten, daneben werden Workshops zu wirtschaftlicher Verwertbarkeit und generell karrieretechnische Nachhilfe für den wissenschaftlichen Nachwuchs (unter 35 Jahren) geboten.

"Ich musste schmunzeln, dass der Workshop, den der Editor der Zeitschrift Nature hält, als erster ausgebucht war", sagt Georg Steinhauser, PostDoc vom Institut für atomare Physik der TU Wien. "Heerschaften von jungen Wissenschaftern werden lechzend versuchen herauszubekommen, wie man zu einer Publikation kommt." Der 31-jährige Strahlenphysiker lässt erst einmal alles auf sich zukommen und hebt sich die genaue Lektüre des Konferenz-Programms für die lange Busfahrt auf - nur für die Aktion "Pizza with the Prof", ein Mittagessen mit einem hochrangigen Wissenschafter, hat er sich angemeldet. Steinhauser wird seine Pizza mit Mohammed Hassan, dem Präsident der Afrikanischen Akademie der Wissenschaften, verspeisen.

Essen und austauschen

Jolanta Siller-Matula, die sich für mehr Kommunikation der Wissenschaft nach außen stark machen will und sich daher für den Mittagstisch bei Helga Nowotny angemeldet hat, freut sich vor allem auf die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch mit facheigenen wie -fremden Kollegen. "Zu sehen, wie andere arbeiten, ist oft die Grundlage für neue Ideen", ist sie überzeugt.

"Sehr wenige Gelegenheiten", um sich als junger Wissenschafter weiterzubilden und zu positionieren, sieht Georg Steinhauser in Österreich, "die Leute strudeln sich ab und hoffen, irgendwann eine befristete Stelle zu bekommen", sagt der Physiker. "Das kann schon sehr verdrießend sein." Der Trip nach Turin ist da eine willkommene Abwechslung. Und es lässt sich auch etwas verdienen dabei: Die besten drei Reiseberichte werden mit bis zu 1000 Euro prämiert. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. Juni 2010)


Blog
Tanja Traxler, Physikstudentin und Leiterin des UniStandard, fährt mit dem Science Shuttle mit und wird ab 3. Juli in einem Blog über die Esof berichten.

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"Basics sind in vielen Bereichen noch nicht eingesickert" - Schlecht betreute Jungforscher, zu wenige bezahlte Stellen, das Festhalten an der Professorenuniversität: Helga Nowotny, Wissenschaftsforscherin, sieht viel Aufholbedarf

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Vienna Science Shuttle

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