"Basics sind in vielen Bereichen noch nicht eingesickert"

29. Juni 2010, 23:03
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Schlecht betreute Jungforscher, zu wenige bezahlte Stellen, das Festhalten an der Professorenuniversität: Helga Nowotny, Wissenschaftsforscherin, sieht viel Aufholbedarf - Karin Krichmayr fragte nach

Standard: Was werden die Vienna Science-Shuttle-Teilnehmer aus Turin mitnehmen?

Nowotny: Das Euroscience Open Forum (Esof) ist eine faszinierende Gesamtkonferenz, die ein breites Spektrum an Themen abdeckt. Insofern hat jeder die Gelegenheit, über den eigenen Tellerrand, die eigene Disziplin hinauszuschauen und zu sehen, was sich in anderen Gebieten abspielt. Es gibt auch ein Karriereprogramm, das für junge Menschen interessant ist. Es orientiert sich an den amerikanischen AAAS-Veranstaltungen (American Association for the Advancement of Sciences), die immer eine Career Fair haben. Der amerikanische Raum ist natürlich ein interner Arbeitsmarkt, den wir in Europa anstreben, aber in dieser Form noch nicht haben.

Standard: Ist der Forschernachwuchs hierzulande gut betreut?

Nowotny: Es gibt viel Platz für Verbesserungen. Wir haben vor allem in den Sozial- und Geisteswissenschaften sehr schlechte Betreuungsverhältnisse, Professoren, die viel zu viel Dissertationen betreuen. Es gibt erst seit kurzem die Verpflichtung, für die Doktoratsarbeit einen Forschungsplan vorzulegen, in dem man darlegen muss, warum das Thema interessant ist, was dazu schon gearbeitet wurde, welche Methoden angewandt werden, was man erwartet etc.- also Basics, die hier in vielen Bereichen noch nicht eingesickert sind. Anderswo gibt es das schon seit langem. In Großbritannien etwa gibt es eine Kommission, die entscheidet, ob man zu einem Doktoratsstudium zugelassen wird - etwas, das es bald auch hierzulande geben wird.

Standard: Dazu kommen oft prekäre Arbeitsverhältnisse ...

Nowotny: Eine Dissertation ist eigentlich mit einer Berufstätigkeit nicht vereinbar. Ideal wäre, wenn es hier - mit entsprechender Auswahl - genügend bezahlte Dissertantenstellen geben würde. In den Naturwissenschaften ist das etwas besser, weil Dissertationen Teil eines größeren Forschungsprojektes sind und in der Regel bezahlt werden, aber in den Sozial- und Geisteswissenschaften ist das die Ausnahme. Nur dort, wo es Graduiertenkollegs gibt, gibt es bezahlte Stellen. Aber das ist ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Standard: Aus Ihren Erfahrungen als Präsidentin des European Research Council (ERC): Gibt es große nationale Unterschiede, was die Nachwuchsförderung betrifft?

Nowotny: Das hängt stark davon ab, ob die Universitätsleitung oder die für Forschung Verantwortlichen ganz gezielt junge Leute ansprechen, sie ermutigen, sie heranführen, ihnen natürlich auch die administrativen Arbeiten abnehmen. Generell ist die Botschaft, die wir vom ERC den Universitäten vermitteln: Ihr müsst euch mehr um euren Nachwuchs kümmern. Das heißt nicht nur, besonders auf jene zu schauen, die man für die Bewerbung um einen ERC-Grant motivieren kann, sondern generell die nachwachsenden Generationen zu fördern. Das fängt an beim Eintritt in die Universität. Was mir auffällt, ist, dass es länderweise Unterschiede gibt in Bezug auf die Antragstellungskultur. Da geht es nicht darum, wie gut das Englisch oder die Präsentation ist, sondern das ist eine Frage des Denkens, des Strukturierens. Die Basics müssen an der Uni gelernt werden und nicht erst dann, wenn man zum Doktorat kommt. Da hapert es an vielen Universitäten, auch in Österreich.

Standard: Hat dieses fehlende Engagement für junge Wissenschafter auch mit einer tiefer verwurzelten Wissenschaftskultur zu tun?

Nowotny: In vielerlei Hinsicht kann man sagen, dass die amerikanischen Universitäten - auch weil sie zum Großteil private sind und hohe Studiengebühren haben - viel mehr an Studierenden orientiert sind. Die Uni existiert, weil man Studierende aufnehmen will, sie gut betreuen will. Wir haben in Europa, mit Ausnahme von Großbritannien, an vielen Orten noch immer die alte Professorenuniversität, zumindest in der mentalen Einstellung, also es dreht sich vor allem um die Professorenschaft und nicht um die Studierenden.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. Juni 2010)


Zur Person
Helga Nowotny ist Rechtswissenschafterin, Soziologin und Wissenschaftsforscherin. Seit März 2010 ist sie Präsidentin des European Research Council (ERC). Gemeinsam mit dem Wiener Wissenschaftsfonds organisiert sie den Vienna Science Shuttle.

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