Prozess nach Mordversuch in Wiener Flüchtlingsheim

29. Juni 2010, 19:43
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Der Angeklagte leidet unter einer paranoiden Schizophrenie - Einweisung in Anstalt

Wien - Drei Männer in Anzügen hätten im Bipa versucht, ihm Sachen in die Taschen zu stecken, berichtet Victor O. Aus Angst, dass er wieder ins Gefängnis müsse, sei er nach Italien gefahren. Dort hätten ihn drei Männer niedergeschlagen. Als er um Hilfe fragte, "kam ich zu einem Mann, der ein Buch mit lauter Katzenfotos aufschlug. Er sagte: Wenn ich Teil der Familie werde, könne er mir Arbeit verschaffen. Ich lehnte ab. Seither bin ich verflucht. Ich weiß nicht, wer mich verfolgt."

Der Angeklagte leidet unter einer paranoiden Schizophrenie, stellt der Gerichtssachverständige Wolfgang Baischer fest. Victor O. dürfte an jenem 18. August 2009 nicht zurechnungsfähig gewesen sein. Der Tag, an dem er versuchte, nach Italien zu reisen, um aus seiner Sicht die Sache mit seinen Verfolgern mit der italienischen Polizei zu bereinigen.

Doch Victor O. geriet im Zug in eine fremdenpolizeiliche Kontrolle. Als festgestellt wurde, dass der Asylantrag des gebürtigen Nigerianers abgelehnt worden war, wurde er am nächsten Tag wieder nach Wien geschickt, wo er sich regelmäßig bei der Polizei melden sollte. Das tat Victor O. auch. Und ging dann nach Hause - in das Flüchtlingsheim am Alsergrund.

Doch dort konnte er die Türe zu seinem Zimmer nicht aufsperren - ein abgebrochener Schlüssel steckte im Schloss. Als der Hausmeister die Tür schließlich öffnete, entdeckte er Victor O.s Zimmerkollegen mit gespaltenem Schädel in einer Blutlache.

Die Staatsanwaltschaft wirft Victor O. vor, dass er am Tag davor versucht habe, Cosmas E. mit einer Machete oder einem Küchenbeil zu ermorden. Die Tatwaffe wurde aber nie gefunden. Auch nicht die Kleider, die Victor O. zum Tatzeitpunkt vermutlich getragen hatte - und auf denen sich Blutspritzer befunden haben müssten. Der Angeklagte hatte am Tag der Tat die Kleider gewechselt und das Heim mit einem Plastiksack in der Hand verlassen, wie Videoaufzeichnungen zeigten.

Victor O. sagt, er sei das nicht gewesen. Er habe mit seinem Zimmerkollegen an jenem Tag kurz um Geld gestritten, habe sich dann umgezogen und sei nach Italien aufgebrochen.

Dann kommt Cosmas E. in den Zeugenstand. Es sei "ein Wunder", dass er diese Kopfverletzungen nicht nur überlebt, sondern auch keine bleibenden Schäden davon getragen habe, sagt der medizinische Sachverständige. Der Nigerianer ist ein sanftmütiger Riese; "Innocent" nennen sie ihn im Heim - den Unschuldigen, den Harmlosen. An viel kann er sich nicht erinnern, was an jenem Tag geschah. Aber er ist sich sicher: Victor O. "hat mich mit einem Messer attackiert". Er habe noch gesehen, wie jener mit einer Machete aufgerieben habe.

Entscheidend ist, ob noch jemand anderer das Zimmer über den Balkon betreten haben könnte, der zu drei weiteren Heimzimmern führt. "Wenn Sie im Bett sitzen, sehen Sie die Türe oder den Balkon?" fragt Richterin Katja Bruzek. "Ich sehe Victor", sagt Cosmas E. "Wenn Sie sich in der Früh aufsetzen - was sehen Sie?" fragt die Richterin nach. "Nichts", sagt der Zeuge mit der großen Narbe am Hinterkopf. "Die Wand?" - "Die Wand ist rundherum."

Die Prognose des psychiatrischen Gutachters ist düster: Ohne langfristiger Behandlung des Angeklagten seien weitere Straftaten mit schweren Folgen zu befürchten. Das Geschworenengericht spricht Victor O. einstimmig des Mordversuchs schuldig; er wird in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher untergebracht. Das Urteil ist rechtskräftig. (Roman David-Freihsl/DER STANDARD, Printausgabe, 30. Juni 2010)

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