Der Kardinal in seinem Labyrinth

29. Juni 2010, 19:26
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Es hört nicht auf, es wird sogar immer ärger: Kardinal Christoph Schönborn hat alle Hände voll zu tun

Es hört nicht auf, es wird sogar immer ärger. Kardinal Christoph Schönborn hat an mehreren für die katholische Kirche und ihre Zukunft existenziellen Fronten alle Hände voll zu tun. Während es ihm zu gelingen scheint, mit einer Linie der qualifizierten Offenheit in der Missbrauchsthematik halbwegs das totale Chaos zu vermeiden, rebellieren der eigene niedere Klerus und diverse Laienorganisationen gegen die Verfasstheit und die Machtverhältnisse der Kirche; kirchennahe Journalisten erregen sich über Schönborns Elogen an die Krone Hans Dichands.

Und, schlimmste aller Entwicklungen, Papst Benedikt XVI., zu dem Schönborn seit Jahrzehnten ein echtes Naheverhältnis hat, sah sich gezwungen, den Kardinal zu rügen, weil Schönborn - objektiv völlig zu Recht -, seinerseits den früheren Kardinalstaatssekretär Sodano kritisiert hatte.

Über alledem steht eine Grundsatzentscheidung Schönborns. Der Kardinal aus gräflicher Familie ist kein "Liberaler". Aber er ist auch kein verstockter Reaktionär, und er hat für sich entschieden, dass die Haltung der verstockten Reaktionäre vor allem in Rom in Sachen pädophiler Missbrauch eine moralische und praktische Katastrophe ist.

Andererseits war er froh, wenn er in dieser Situation Hilfe von der ziemlich reaktionären Krone Hans Dichands erhielt. Das etwa sagte Schönborn vor wenigen Tagen bei seinem Medienempfang zu kirchennahen Journalisten. Wenige Minuten vorher hatte die "Kardinal-König-Stiftung" ihren Preis an die Chefs der Caritas und der (evangelischen) Diakonie verliehen, die von der Krone wegen ihrer Haltung zu Flüchtlingen oft genug übel behandelt worden sind. Franz Kardinal König hat übrigens seinerzeit bei Dichand interveniert, damit die Krone eine infame "Juden"-Serie einstellt.

Dass sein Nachnachfolger Schönborn in der Krone schreibt und für Dichand ein Requiem im Stephansdom zelebriert, wäre argumentierbar - hätte der Kardinal öfter und deutlicher in der Vergangenheit die menschenverachtenden Exzesse der Krone kritisiert. Aber, so sagte er in seiner Predigt bei der Seelenmesse, Dichand habe "ein Gespür davon gehabt, dass Religion und Glaube kostbare Ressourcen für die Erzeugung von Sinn darstellen". Dichand als Messdiener der Sinngebung.

Inzwischen befindet sich Schönborn aber im Zentrum eines vatikanischen Machtkampfes. In einem Hintergrundgespräch für österreichische Journalisten am 28. April nannte er Kardinal Sodanos Aufforderung bei der Ostermesse, Papst Benedikt möge das "Geschwätz" über Missbrauch ignorieren, eine "Beleidigung der Opfer". Die Kurie sei dringend reformbedürftig, und es sei Sodano gewesen, der seinerzeit gegen den Willen des damaligen Kardinals Ratzinger eine Untersuchung zu Erzbischof Groër abgedreht habe. Diese Zitate wurden im Standard ohne Widerspruch aus dem erzbischöflichen Palais veröffentlicht. Schönborn wollte damit dem nunmehrigen Papst beistehen, aber er rückte damit den damaligen Papst Johannes Paul II. in eine schiefes Licht. Der steht zur Seligsprechung an.

Deswegen und weil er Kardinäle nicht über seinen Kopf hinweg streiten lassen kann, erteilte Papst Benedikt Schönborn einen öffentlichen Rüffel, zwang aber auch Sodano zu einer völlig unglaubwürdigen Erklärung, das mit dem "Geschwätz" sei ganz anders gemeint. Schönborn wird damit zum Monstranzträger der "Offenheits"-Fraktion im Vatikan, wobei niemand sagen kann, wie groß die ist. Wenn ihn jetzt der Mut verlässt, hat er auf alle Fälle verloren. Dann ist er unglaubwürdig, und die Reaktionäre müssen ihn nicht mehr ernst nehmen. Er könnte also genauso gut den bisherigen Kurs der Offenheit verstärken. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 30. Juni 2010)

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