Zelltherapie als Auslöser für Prozessserie

29. Juni 2010, 18:52
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Umstrittene Behandlungsmethode in Innsbruck: Topmediziner sehen sich schuldlos

Innsbruck - Eine Harnröhrenerweiterung sorgt dafür, dass über den Tiroler Landeskrankenanstaltenbetreiber Tilak zu Gericht gesessen wird. Denn ein 74-jähriger Tiroler wirft dem Unternehmen vor, an der Innsbrucker Klinik falsch behandelt worden zu sein - mit einer mittlerweile umstrittenen Zelltherapie. Als Zeuge tritt am Dienstag auch der mittlerweile suspendierte Oberarzt der Urologie, Hannes St., auf - und weißt jegliche Verantwortung zurück. Im Gegenteil: Der Kläger sei ein persönlicher Freund seines Chefs, Georg B., dem Vorstand der Urologie, gewesen. Er, St., habe Bedenken geäußert, die neue Therapie anzuwenden. Er habe aber von Bartsch die Anweisung bekommen, "den Patienten dicht zu machen". Alles sei auf "Befehl" von B. erfolgt, sagt St. zum Richter.

Nahezu im Wochenrhythmus schein die fragliche Behandlungsmethode an der Urologie der Innsbrucker Klinik Gegenstand von Verhandlungen am Innsbrucker Landesgericht zu sein. Eine Methode, die ursprünglich in Medizinerkreisen zunächst hoch gelobt wurde (laut Medical Tribune soll die Heilungsquote bei 70 bis 80 Prozent gelegen haben) - was sich geändert hat.

Ende April 2008 hatte der Fall eines deutschen Patienten den Klagsreigen eröffnet. Der Mann hatte erklärt, er sei ohne sein Wissen mit "einer experimentellen Methode" gegen Harninkontinenz behandelt worden. Bei dieser Verhandlung hatte auch ein Vertreter der Ethikkommission schwere Vorwürfe gegen die Urologie Innsbruck erhoben: Der Patient sei außerhalb einer von der Ethikkommission abgesegneten Studie behandelt worden. Der Prozess endete mit einer Verurteilung der Krankenanstalt zur Zahlung von Schadenersatz und der Rückerstattung der Behandlungskosten in Höhe von 2979 Euro.

Der Vorstand der Tilak, Andreas Steiner, will am Dienstag keinen Kommentar abgeben. Eines sei aber klar: Es gebe seither weit strengere Kontrollen. Ein spezielles EDV-System sei eingeführt worden: "Nicht genehmigte Studien sind nicht mehr möglich." Er verweist aber auf die Verantwortung der einzelnen Klinik-Leiter.

Allerdings weisen die Spitzenmediziner genau diese seit Monaten strikt von sich. Sowohl Urologie-Chef Georg B. und Oberarzt Hannes St. fühlen sich unschuldig. Bartsch hatte als Zeuge in einem der anderen von Patienten angestrengten Zivilprozesse gemeint, er habe die Studie ordnungsgemäß bei der Ethikkommission eingereicht. Was danach geschehen sei, entziehe sich bei 26 Ärzten und 42.000 Behandlungen seiner Kenntnis. Würde er als Vorstand jeden Patientenaufklärungsbogen seiner Oberärzte kontrollieren, könnte das auch als Mobbing gedeutet werden.

Aufgrund der gegen St. im Raum stehenden Verdachtsmomente hat die Med-Uni Innsbruck den Urologieprofessor seit August 2008 vom Dienst suspendiert. Ein Mitgrund: St. soll möglicherweise mit einer gefälschten E-Mail über eine mangelhafte Patientenaufklärung bezüglich der Therapiemethode hinweggetäuscht haben.

Betrugsverdacht im Raum

Sein Chef B. wiederum befindet sich im Krankenstand. Gegen beide Mediziner wird auch strafrechtlich ermittelt. Im Raum steht auch der Verdacht des Betruges an Patienten und der Tilak. Für beide Ärzte gilt die Unschuldsvermutung.

Für die Justiz bleibt jedenfalls weiter Arbeit: Erst vor zwei Wochen war wieder ein Urteil ergangen. Die Tilak muss einem 74-jährigen Kanadier 37.000 Euro Schadenersatz zahlen und haftet für alle weiteren Folgeschäden. (ver/DER STANDARD, Printausgabe, 30. Juni 2010)

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