Österreich in den Fängen der Mafia? "Ersetzen Sie das Fragezeichen durch ein Rufzeichen", hieß es auf dem Podium des Standard-Montagsgesprächs
Gerät Österreich in die Fänge der Mafia? Es war natürlich purer Zufall, dass die zentrale Frage des Standard-Montagsgesprächs im Haus der Musik keine 100 Meter entfernt von jenem Ort gestellt wurde, an dem im Jahr 1996 in der Wiener Innenstadt der georgische Oligarch David Sanikidse (siehe Eintrag im Mafia-Lexikon) erschossen worden war. Eine Bluttat, "die die österreichische Polizei geradezu aufgeweckt hat", wie sich der damalige Chef des Wiener Sicherheitsbüros, Maximilian Edelbacher, erinnert. Die Eskalation der Gewalt, die vor allem aus Ländern des zerfallenen Ostblocks überschwappte, bekamen die Sicherheitsbehörden zwar in den Griff. Dass mafiose Strukturen dennoch auch in Österreich Fuß fassen konnten, ist für Edelbacher unumstritten.
Und mit dieser Einschätzung steht der Topkriminalist im Ruhestand nicht allein da. "In den Geldwäscheskandal der Telecom Italia waren 14 Auslandsbanken involviert, zwölf davon aus Österreich", eröffnete die deutsche Buchautorin und Mafia-Spezialistin Petra Reski den Reigen der Vorwürfe. Reski, die in Venedig lebt, kritisiert vor allem den "guten Glauben", dass die italienische Mafia ein Problem Italiens sei: "Mafiose Strukturen in Österreich und Deutschland gibt es seit 40 Jahren." Vor allem die kalabresische `Ndrangheta habe sich im Ausland im Schatten der sizilianischen Cosa Nostra zu einer Wirtschaftsmacht entwickelt. "Und die 45 Milliarden Euro Jahresumsatz werden auch fleißig in die legale Wirtschaft investiert."
"Das Fragezeichen in der Eingangsfrage können Sie getrost durch ein Rufzeichen ersetzen", machte Reskis Kollege, der deutsche Buchautor Jürgen Roth, Standard-Moderator Gerfried Sperl keine Illusionen. Für Roth, spezialisiert auf die organisierte Kriminalität aus dem Osten, ist Wien seit den 1990er-Jahren ein Stützpunkt der Paten. "Fast alle kriminellen Bosse, die heute in Russland im Kampf um die Macht der Oligarchen mitmischen, hatten oder haben Residenzen an der schönen blauen Donau", so Roth.
Einmal mehr, und diesmal vor einem großen Publikum beim Standard-Montagsgespräch, erneuerte Roth die Behauptung, dass der in Österreich recht bekannte russische Wirtschaftsmagnat und Oligarch Oleg Deripaska in einem Nahverhältnis zur russischen kriminellen Vereinigung Ismajlowskaja stehe. Wie berichtet, weist Deripaska diesen Vorwurf entschieden zurück. Üblicherweise reagiert er mit Klagen wegen Rufschädigung. Konkret behauptet Roth nicht, dass Deripaska ein Mafiamitglied sei, sondern dass er von kriminellen Geschäften profitiert habe. Der deutsche Autor beruft sich dabei auf ein rechtskräftiges Urteil der 5. Großen Strafkammer am Landgericht Stuttgart. In Österreich liegt - wie berichtet - nichts strafrechtlich Relevantes gegen Deripaska vor.
Polizei politisch gefesselt
Auch in der Causa Alijew nahm sich Roth kein Blatt vor den Mund: Die Bemühungen des ehemaligen Botschafters Kasachstans in Wien, Rakhat Alijew, sich als Freund demokratischer Reformen in Kasachstan darzustellen, bezeichnet Roth als "Show" für die Medien. Den "gespielten" Einsatz für die Menschenrechte dürfe man Alijew nicht abnehmen. Die österreichische Polizei habe offenkundig Erkenntnisse über Alijew, sei aber "offenbar politisch gefesselt", meinte Roth. Wie berichtet, fordert die Republik Kasachstan von Österreich die Auslieferung Alijews wegen der angeblichen Entführung zweier Manager der kasachischen Nurbank.
Auch Max-Peter Ratzel, bis 2009 Direktor von Europol und jetzt im Ruhestand, sieht in der Causa Alijew "noch viel Aufklärungsbedarf". Immerhin, zitierte er Medienberichte, sei auch von Geldwäsche bis zu 100 Millionen Euro die Rede.
"Verdachtsberichterstattung"
Sonst fungierte Ratzel auf dem Podium eher als Gegenpol zu Roth und Reski. Er warf den Autoren vor, oft nur "Verdachtsberichterstattung" zu betreiben. "Mit Vermutungen können Polizei und Justiz nichts anfangen. Was wir brauchen, sind konkrete Hin- und Beweise", so Ratzel. Was Roth und Reski wiederum mit der stets existenziellen Bedrohung durch Privatklagen zurückwiesen. Und: "Sie können von uns doch nicht verlangen, dass wir Staatsanwälte spielen", empörte sich Roth.
"Mehr Aufklärung" wünschen sich alle Diskussionsteilnehmer. Reski: "Aber so lange die Leute mit Mafia nur Mario Puzos Paten assoziieren, ist das schwierig." (Michael Simoner/DER STANDARD, Printausgabe, 30. Juni 2010)
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