Cold Turkey

29. Juni 2010, 18:33
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In den nächsten zwei Tagen können vermehrt Entzugs­erscheinungen auftreten

Dieser Mittwoch und dieser Donnerstag sind komische Tage. Tage, wie sie seit Menschengedenken, also seit 10. Juni 2010, nicht mehr vorgekommen sind. Sicherlich, man kann von der Vergangenheit zehren und sich der Zukunft, die am Freitag mit dem Viertelfinale beginnt, mit Vorfreude nähern. Aber die Gegenwart an diesen beiden Tagen bleibt insofern hohl, als keine WM-Spiele drinnen sind.

Nicht wenige Menschen werden völlig aus dem 16-Uhr-20.30-Uhr-Rhythmus geworfen. Suchtexperte Michael Klein, Professor für Klinische und Sozialpsychologie an der Katholischen Hochschule Köln, schließt Entzugserscheinungen nicht aus. Schließlich seien bei vielen Fans während der WM die sonstigen Aktivitäten sehr eingeschränkt, was wiederum ein Grundmerkmal einer Abhängigkeitserkrankung sei.

1969 komponierte John Lennon das Lied Cold Turkey, welches entstand, nachdem Yoko Ono und Lennon mittels kalten, also plötzlichen Entzugs vom Heroin losgekommen waren. Es war eine Tortur, "but we got out of it". Abgesehen davon, dass die WM-Sucht vergleichsweise ein Süchterl ist, überfällt sie die diesbezüglich Gefährdeten bloß alle vier Jahre. Nach dem Schlusspfiff des Endspiels am 11. Juli wird sie sich erfahrungsgemäß rasch auflösen, und die nun Übersättigten haben reichlich Zeit, zu verdauen.

Wer sich am Ende alle 64 WM-Spiele gegeben haben wird, 16 davon aufgrund der zeitgleichen Austragung halt via Konferenzschaltung, wird freilich einen Digestif brauchen nach einem Tag des Durchschnaufens. Salzburg gegen Tórshavn drängt sich auf. Dienstag, 13. Juli (18), Champions-League-Quali, zweite Runde, Hinspiel! (Benno Zelsacher, DER STANDARD, Printausgabe, Mittwoch, 30. Juni 2010)

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