G-20 gaben Japan Schonfrist

29. Juni 2010, 18:01
1 Posting

Tokio muss sein Defizit erst bis 2015 halbieren

Die 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G-20) haben am Wochenende in Toronto auf ihrem Gipfeltreffen entschieden, dass alle hoch verschuldeten Industrienationen den Gürtel rasch enger schnallen müssen - nur Japan nicht. Japan muss sein Haushaltsdefizit nicht wie von den G-20 gefordert bis 2013 halbieren, sondern kann sich bis 2015 Zeit lassen. Das japanische Haushaltsdefizit liegt derzeit bei rund neun Prozent der Wirtschaftsleistung, die Verschuldung bereits bei fast 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegt.

Und mehr noch: Die Staats- und Regierungschefs haben Japans Premier Naoto Kan sogar noch für sein Versprechen auf die Schulter geklopft, durch eine Mischung aus Wachstum, Sparen und eine Verdopplung der fünfprozentigen Umsatzsteuer bis 2020 einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen und erst ab 2021 mit dem Schuldenabbau zu beginnen. Dabei ist bisher noch immer völlig unklar, wie Japan im einzelnen dieses moderate Ziel erreichen will.

Kan hat zwar versprochen, bald konkrete Pläne vorzulegen. Aber die Kreditbewertungsagenturen geben sich mit seinem reinen Wort keineswegs mehr zufrieden, sondern warnen, dass Japans Bonität eine Abwertung droht, falls der Haushaltssanierungsplan wieder im Vagen verharren sollte.

Denn die Ratingagenturen wissen: Japaner sind die Weltmeister im vertagen. Wie sonst hätte das Land sehenden Auges einen solchen Schuldenberg aufbauen können? Die Regierung erhöhte aus Angst vor dem Wählerzorn auch dann die Umsatzsteuer nicht, als die Kreditbewerter dem Land das Triple-A-Rating aberkannten.

Ein einmaliges Faktorenbündel erlaubt Japan abzuwarten: Erstens ist der Staat nur zu rund fünf Prozent im Ausland verschuldet, zweitens sind Volkswirtschaft und Ersparnisse riesig. Schon aus diesen Gründen unterliegt das Land weit weniger dem Druck der Finanzmärkte als die kleinen europäischen Krisenstaaten.

Einstürzende Kartenhäuser

Darüber hinaus kauft die Notenbank einen Großteil der Staatsanleihen auf, um den Zins zehnjähriger Staatsanleihen niedrig zu halten. Daher kann das Land bisher seinen Schuldendienst problemlos finanzieren.

Die gnädige Haltung der G-20 zeigt, dass die Welt darauf hofft, dass diese Basis des japanischen Kartenhauses fortbestehen wird. Gestritten wird allerdings über die Frage, wann das Schuldengebäude ins Wanken geraten wird.

Pessimisten glauben, es könnte in zwei bis drei Jahren soweit sein, wenn die Schulden die Ersparnisse der Japaner übersteigen werden. Dann müsste sich Japan im Ausland verschulden. Und wenn die Schuldzinsen nur ein wenig steigen, wird die Regierung große Probleme bekommen, den Haushalt in Balance zu halten. (Martin Kölling aus Tokio, DER STANDARD, Printausgabe, 30.6.2010)

Share if you care.