EU und Uno könnten tun, was die G-20 nicht schafft

29. Juni 2010, 16:59
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Die G-20 ist gescheitert, jetzt sollte die EU mit strengen Regeln für den Binnenmarkt vorangehen - Von Christian Felber

Die G-20 ist gescheitert, jetzt sollte die EU mit strengen Regeln für den Binnenmarkt vorangehen. Und sie sollte in der Uno eine "Regulierungszone" schaffen. Der Beitritt zu dieser ist mit freiem Kapitalverkehr zu belohnen.

***

Die Finanzmärkte regulieren, die großen Banken entmachten und die Profiteure der Krisenpolitik zur Kasse bitten: Die nahezu vollständige Unfähigkeit oder vielmehr der gemeinsame Unwille der mächtigsten Entscheidungsträger der Welt, das zu tun, was die ganze Welt von ihnen erwartet, bewirkt ein globales Vertrauenstrauma und eine tiefe Erschütterung der repräsentativen - besser: exklusiven - Demokratie.

Die Gründung der G-20 als "wichtigstes Gremium zur Regulierung der globalen Finanzmärkte" war ein strategischer Fehler. 172 Länder wurden ausgeschlossen mit dem Argument, dass die 20 "effizienter" seien als die Uno. (Die Vereinten Nationen haben im Vorjahr ebenfalls zur globalen Konferenz eingeladen, wurden jedoch von der EU gleichermaßen "geschnitten" wie von den USA).

Welche Alternativen gibt es zum "Warten auf die G-20"? Die EU könnte zu einer Doppelstrategie übergehen: Strenge Regulierung des Binnenmarktes und gleichzeitiger Einsatz für globale Regeln in der Uno. Die EU sollte Fakten schaffen und sanften Druck auf alle anderen Wirtschaftsräume ausüben, mitzuziehen.

Welche sind die wichtigsten anstehenden Regulierungen?

Insolvenz muss möglich sein

1. Teilung aller systemrelevanten Banken: Jede Bank muss ohne systemisches Risiko in die Insolvenz gehen können. Wenn zudem die Eigentümer von Großbanken im Insolvenzfall für den vollen Schaden haften müssen - wie das in den Anfängen der Aktiengesellschaften ganz selbstverständlich war - dann wäre sogar das Eigenkapital egal (Stichwort Finanzregulativ Basel III): Denn müssten die Eigentümer im Insolvenzfall für alle Passiva aufkommen, dann hätten sie ein starkes Eigeninteresse an einer risikoarmen Geschäftsführung und an ausreichend Eigenkapital (zumal quasi ihr persönliches Vermögen zum Eigenkapital der Bank würde).

2. Eine einheitliche EU-Finanzmarktaufsicht für den Binnenmarkt. Wer einen "Markt" herstellt mit allen zugehörigen Freiheiten und Rechten für Banken und Investoren, muss diesen Markt auch einer einheitlichen Aufsicht, Regulierung und Kontrolle unterwerfen, sonst zerstört der Markt das Gemeinwesen.

Diese Aufsicht sollte Banken vom Erreichen systemrelevanter Größe abhalten und Finanzderivate nur dann zum Markt zulassen, wenn sie keine Gefahr für die Stabilität und die Allgemeinheit bergen. Fonds sollten nicht "registriert" werden, wie es die EU-Richtlinie vorsieht, sondern handfest reguliert: Es sollte ein Kreditaufnahmeverbot gelten (verstärkende Hebelwirkung bei Finanzgeschäften), die Aktivitäten sind auf in der EU zugelassene Derivate zu begrenzen, die (arbeitslosen) Erträge sind mit dem Spitzensteuersatz von Arbeitseinkommen zu besteuern.

3. EU-weite Koordination der Steuerpolitik: Die Finanztransaktionssteuer würde bei einem Steuersatz von 0,1 Prozent in der EU jährlich 270 Milliarden Euro einspielen - das Doppelte des EU-Haushaltes.

Der Lückenschluss in der Zinsrichtlinie - ihre Ausweitung auf die Nachzügler Österreich und Luxemburg, auf physische Personen und alle Kapitaleinkommen - sowie eine einprozentige Steuer auf die Vermögen von Euromillionären würden ausreichend viel Geld in die Staatskassen spülen, um die Krisenkosten zu bewältigen und die Staatshaushalte zu sanieren.

Um den Mitgliedstaaten diese Kooperation schmackhaft zu machen, könnte ein einfacher Trick angewandt werden: Die Europäische Zentralbank (EZB) garantiert - vorübergehend - die Staatsanleihen aller mitmachenden EU-Mitglieder. Im Nu würde die Spekulation abebben, CDS (Credit-Default-Swap, ein Kreditderivat, das es erlaubt, mit Ausfallrisiken von Krediten, Anleihen etc. zu handeln) wären sinnlos, das Rating wäre top, die Zinsen würden sinken.

Aus einem Teil der Einnahmen könnten die Staatsschulden - selbstverständlich nur derer, die mitmachen - auf ein verträgliches Niveau reduziert werden: ein starker Anreiz zur Steuerkooperation!

Möglicherweise müsste für einen Teil dieser Maßnahmen der Kapitalverkehr nach außen differenziert werden, um die - gut regulierte EU - vor Ansteckung mit neuerlicher Instabilität zu schützen und die Flucht von steuerscheuen Großvermögen in Regulierungsoasen zu verhindern. Doch das wäre kein Schaden, sondern ein legitimer Schutz und Vorteil.

Protektionismus wirkt nicht

Sollten andere Staaten ihrerseits mit "Finanzprotektionismus" antworten, wäre das kein Malheur. Denn weder ist die EU auf Kapital von außen angewiesen - im Gegenteil: es gibt zu viel Finanzvermögen: Daraus bilden sich ja die Blasen -, noch wäre es schade, wenn Banken und Fonds hochspekulative Geschäftsbereiche auslagern würden. Wir könnten freudig nachwinken.

Davon abgesehen haben die USA selbst bereits zum Finanzprotektionismus gegriffen: Arabische Finanzinvestoren dürfen die dortigen Häfen nicht kaufen (umgekehrt haben EU- und US-Investoren weltweit Banken, Energieversorger, Telekomunternehmen, Trinkwasserversorger und andere Infrastruktur gekauft).

Sehr viel wahrscheinlicher wäre eine andere Konsequenz: Es entstünde ein mächtiger Anreiz für andere Wirtschaftsräume, mit der EU bei der Regulierung mitzuziehen - denn das wird mit freiem Kapitalverkehr belohnt. Mit der aktuellen Strategie "Warten auf den Letzten" kommt es nie zur Regulierung. Das gebetsmühlenhafte "Nur im globalen Gleichklang" -Argument dient vielmehr der Verhinderung von Regulierung. (Bei den Menschenrechten wäre es auch nicht sinnvoll gewesen, auf die Festschreibung in den nationalen Verfassungen zu verzichten, weil die Nachbarländer noch nicht so weit sind.)

Pioniergruppe in der Uno

Das Boykottieren der Uno zugunsten der G-20 war ein schwerer wirtschafts- und demokratiepolitischer Fehler. Wie oft wurde uns gesagt, dass die Globalisierung mehr Demokratie brächte! Der große Vorteil der Uno gegenüber der G-20 ist, dass dort nicht alle Länder gemeinsam starten müssen, sondern eine Pioniergruppe vorausgehen kann - Beispiel Kioto-Protokoll oder Strafgerichtshof. Ist erst einmal eine Regulierungszone rund um die EU eröffnet, dann wächst der Druck auf alle anderen nachzuziehen. (Christian Felber, DER STANDARD, Printausgabe, 30.6.2010)

Zur Person

Christian Felber ist Mitbegründer von Attac-Österreich, Universitätslektor und Buchautor. Am 16. August erscheint "Die Gemeinwohl-Ökonomie. Das Wirtschaftsmodell der Zukunft" bei Deuticke.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 42
1 2
W. Müller
 
00
30.6.2010, 19:01
Die EU KÖNNTE.


Ebenso wie der Alkoholsüchtige aufhören KÖNNTE.

farbrauschen
05
30.6.2010, 17:06

ich will den felber wählen können.
statt dem pröll-joschi.
schon bei der nächsten wahl.

Deadly Dust
01
30.6.2010, 18:34
nix gegen die Pröll`s

die haben auch Ihre Qualitäten.

http://www.youtube.com/watch?v=GxOnpOAZXyQ

17+4
00
30.6.2010, 16:25
könnte funktionieren, das Problem ist nur die Angst,

die da viele verbreiten, weil sie sich einerseits nicht umstellen können (das ist dann eine Frage der Qualität der Finanzakteure - die ist halt doch nicht so besonders) das andere, dass man aus der EU Geld abzieht, was auch ein Blödsinn ist, denn solange die EU-Staatsbürger ohnehin die halbe Weltwirtschaft finanzieren, kann man an ihnen nicht vorbei (trotz Chinesen und USAler)

1116er
00
30.6.2010, 16:00
...mit der EU bei der Regulierung mitzuziehen - denn das wird mit freiem Kapitalverkehr belohnt...

ja, sehr richtig!

staaten bzw deren finanzinstitute, die sich in einer weise verhalten, die schaden für die EU bewirken kann, sollten schon heute durch die finger schauen, wenn zb ein eu-Staat, die EZB oder eine der nationalbanken anleihen ausgibt u.ä.

Carlito336
06
30.6.2010, 15:57
Kluge Analyse & hellsichtige Visionen


Felber ist einer der wirtschaftspolitisch klügsten Köpfe des Landes.
Warum hieven wir in Top- und Entscheidungspositionen immer wieder Leute der 2. Wahl, Menschen, die sich als Verwalter des Status Quo verstehen?

thinkingplaces
01

Ganz einfach: weil es nicht um Klugheit, sondern um handfeste Interessen geht.

Wem kann ich in den Arsch treten?
20
30.6.2010, 13:51
bitte nicht den Pizzaboten

um seinen Kommentar fragen

Cmaj7
00

aber wahrscheinlich jemaden der sich einen eher derb-primitiven Postingnamen gibt u sogar da einen Fallfehler drin hat, vermut ich mal. hm?

miss chicken
06
30.6.2010, 16:00
drum gibt es ja Chorephäen wie Felber. Experten eben.

Damit Sie sich nicht mit zweitklassigen Expertisen herumschlagen müssen.

nocomment1
03
30.6.2010, 12:29
"…das zu tun, was die ganze Welt von ihnen erwartet"

grundsätzlich muss die ganze Welt nicht recht haben, aber im Grunde wäre das wirklich wieder eine Gelegenheit für die EU, sich den BürgerInnen gegenüber zu profilieren, endlich mal zu zeigen dass sie gutes leisten kann. Allein mir fehlt der Glaube.

Design Unit
04
30.6.2010, 12:22
Endlich mal eine Antwort auf die Krise

Mit diesen angesprochenen Punkten wäre es möglich dem Diktat der Finanzindustrie einzuschränken und eine vernünftige Finanz-Strategie für die EU zu beginnen.

Ich vertraue auf die Umsetzung da sie eine große Unabhängigkeit und Sicherheit darstellt.

Ein große Lob an den Autor für die sachliche Analyse. Zu lange haben Panik-Berichterstattung und Protektionismus-Populismus die Medien bestimmt.

have fun

@ spekulant_in, realwirtschaftlich .. war ein versehen und war nicht als Antwort gedacht.

Wasmichstört
00
30.6.2010, 12:19
Ja, Uno...

...dieses super Kartenspiel! ... jetzt mal ernst: ca. 3x die Woche findet sich dieses Wort im Standard und soll die Abküruzung "UNO" verkörpern... in der nächsten Redaktionskonferenz vielleicht einmal nicht Laptop-Spielen, sondern aufpassen...

spekulant_in, realwirtschaftlich
01
30.6.2010, 11:48
Teilung aller systemrelevanten Banken

Kann man mir sagen, wie das geht? Heißt das, Banken dürfen nur eine bestimmte Größe haben? Oder was heißt das? Und wenn es das heißt, wieso ist dann von Großbanken die rede, die haften? - Das hieße ja, Großbanken gäbe es immer noch.
Wäre also dankbar für Aufklärung.

Hintergrund der Frage: In der Regel weiß man von der Systemrelevanz erst, wenn sie auf der Tapete steht. Weil man vorab ja nicht wissen kann, ob ein Geschäft aufgeht oder nicht. Wenn es scheitert, dann scheitert es, und alle, auch die, die zuvor an ein Geschäft glaubten, sagen dann: "Das war doch immer schon klar, dass das "faul" ist".

andreas wreiser
 
01
30.6.2010, 15:06
wahrscheinlich meint er die Trennung von Bank und Casino

Die Lehre aus der Weltwirtschaftskrise von 1929 war der Glass-Steagall-Act in den USA.

Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken.

Erst, ein der freiwilligen Samenspende nicht abgeneigter Präsident (Clinton),
hat dieses Gesetz wieder abgeschaft,
danach konnten diese Monstercasinobanken,
Too-big-to-fall,
sich wieder frei entfalten.

ru:lps
00
21.7.2010, 15:19

aber mit der weitsicht sich nach der krise in geschäftsbanken umzutaufen, um an das steuergeld ranzukommen mit dem wieder heftigst spekuliert wurde.

17+4
00
30.6.2010, 16:28
da sieht man wieder, dass der von den meist Linken

hochgelobte Präsident mit dem Lutschstangel doch kein so linker und moderater war.
Moderat war er nur in seiner Art, aber nicht in der Sache, da war er auch nicht viel anders als Busch und Obama

andreas wreiser
 
02
30.6.2010, 17:04
Treppenwitz der Geschichte ist

dass in vielen Ländern die Linken,
die Neoliberalen Reformen eingeleitet haben.

Rot-Grün
hat Deutschland zu dem Neoliberalsten Land in Europa gemacht.

Voller Stolz hat dann Schröder vor den Managen und Bankern in Davos,
denn Vollzug zur Schaffung des größten Niedriglohnsektors Europas verkündet.

Die "Linken" waren auch so erfolgreich,
weil sie die Gewerkschaften
in Schach gehalten haben.

Die Konservativen hätten kein so leichtes Spiel gehabt.

Design Unit
00
30.6.2010, 12:20
Endlich mal eine Antwort auf die Krise

Mit diesen angesprochenen Punkten wäre es möglich dem Diktat der Finanzindustrie einzuschränken und eine vernünftige Finanz-Strategie für die EU zu beginnen.

Ich vertraue auf die Umsetzung da sie eine große Unabhängigkeit und Sicherheit darstellt.

Ein große Lob an den Autor für die sachliche Analyse. Zu lange haben Panik-Berichterstattung und Protektionismus-Populismus die Medien bestimmt.

have fun

Protagoras v. Abdera
00
30.6.2010, 12:02
Daher sollte man solche Geschäfte auch gar nicht erst eingehen

Teilung der Banken muss nicht notwendigerweise eine Teilung entlang quantitativer Kriterien sein, sondern entlang qualitativer: Beispielsweise eine organisatorische Spaltung einzelner Geschäftsfelder einer Bank zu Einzelbanken: Investmentbanken, Geschäftsbanken usw. Die Frage ist bloß, ob eine solche regulierung genügt, um die Widersprüche des Kapitalismus zu lösen. Wenn die Geldform staatlich garantiert wird (durch dei Währung) warum nicht auch das Kreditgeschäft staatlich regulieren? Und was ist mit den Asymmetrien des liberalisierten Welthandels, der auf einem Standortwettbewerb der Löhne fusst?

lionel1
010
30.6.2010, 11:26
Zehnmal G R Ü N

für diesen Artikel!

Erwin Wolfram
00
30.6.2010, 11:19

ist das nicht zu frueh, wenn man die arbeit von vor 3 jahren jetzt aufschreibt in einem zeitungsartikel? ich meine die akteure und hochbezahlten beamten die mehrere studien auf steuerkosten absolvieren koennten neben dem eigenhandel in stress geraten, deshalb waere es nicht gut so viel arbeitslast zu verteilen.

Chris Quast
10
30.6.2010, 11:02

wahrscheinlich eher was vom gescheiteren, was ich von dem höre.

obwohl ein bissal sehr einfach stellt er sich das trotzdem vor denk ich.

andreas wreiser
 
01
30.6.2010, 10:28
Sie sprechen mir aus dem Herzen !

aber wenn schon EU Politiker für den Finanz- und Bankensektor,
in Ihrer Verzweiflung einen Aufruf verfassen,
indem sie sich beklagen,

dass sie der Finanzlobby hilflos ausgeliefert sind,

wie soll man da noch Hoffnung haben das sich da was ändert?


http://www.finance-watch.org/

ru:lps
00
21.7.2010, 15:23

vielleicht wurde der aufruf zynischerweise ebenso von den bankstern verfasst mit dem hintergedanken der sich nicht ändernden situation, wer weiß?

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