Sind Manager gierig, ist es auch der kleine Sparer

30. Juni 2010, 11:18
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Gier und Geld treiben Arme nicht weniger als Reiche. Matthias Sutter im Interview über Zocken als Sucht, Gier-Gen, Fairness und Bankenkrisen

derStandard.at: Sie waren im vergangenen Jahr ein gefragter Mann. Was hat denn die Leute so brennend interessiert?

Matthias Sutter: In der experimentellen Wirtschaftsforschung studieren wir, wie sich Menschen verhalten, wenn es um Geld geht, und welche Motive sie treiben. Managergehälter, überzogene Gehälter aber auch der kleine Sparer, der sieben Prozent statt zwei Prozent Zinsen möchte, das hat in Krisenzeiten offenbar interessiert.

derStandard.at: Eines scheint in jüngerer Vergangenheit klar herausgekommen zu sein: Die Welt des großen Geldes ist von Gier bestimmt. Gierige Manager, zockende Spekulanten, Wetten auf Staatsbankrotte - ist die Gier nach Mehr schuld an den globalen Finanzkrisen der letzten Jahre?

Sutter: Richtig ist, dass wir sehr spektakuläre Fälle von Leuten gesehen haben, die den Hals nicht voll bekommen konnten. Auf der anderen Seite macht man es sich zu einfach, wenn man auf die Gier von einzelnen und hier vor allem auf die Top-Manager abstellt. Wenn es die sind, die gierig sind, dann ist es auch der kleine Sparer, der eben sagt: unter sieben Prozent geht gar nichts. Oder denken wir an die Anleger, die ihr gesamtes Geld einem Investor anvertrauen, weil der eine Rendite von 15 Prozent verspricht. Da fragt sich jeder normale Mensch, woher das Geld kommen soll.

derStandard.at: Steuerbetrug, Insidergeschäfte: Setzten nicht gerade Reiche für ein bisschen mehr mit Freiheit und Karriere recht viel aufs Spiel?

Sutter: Absolut gesehen sind die Summen bei Reichen natürlich ganz andere, aber relativ gesehen gibt es kaum Unterschiede im Verhalten von Armen und Reichen. In einem einfachen Experiment mit einer repräsentativen Stichprobe aus der Bevölkerung lässt sich das zeigen.

derStandard.at: Wie funktioniert so ein Experiment?

Sutter: Sie haben 100 Euro und Sie können einer anderen Person von diesen 100 Euro etwas abgeben. Auf dem Weg zur anderen Person wird der Betrag verdoppelt, wenn Sie etwas abgeben und der anderen Person vertrauen. Die zweite Person kann Ihnen etwas zurückschicken, das wird nicht mehr verdoppelt. Würden wir beide spielen, ginge das so: Sie haben 100 Euro, die schicken sie mir, womit ich 200 Euro habe und Sie nichts mehr. Ich weiß, da hat mir jemand 100 Euro geschickt. Ich stehe also vor der Frage: Will ich etwas zurückschicken, oder behalte ich alles? Ich kann mir denken: Fein, und behalte alles. Oder Sie können sich zuerst denken: Mein Gott, wer weiß, was die zweite Person damit macht. Lieber behalte ich die 100 Euro für mich. Was sehr ineffizient wäre. Denn dann hätten Sie 100 und ich hätte nichts und in Summe wäre der Kuchen viel größer geworden, wenn wir 200 hätten. Ich hätte Ihnen ja auch 150 wieder geben können, dann hätten wir beide etwas durch die Interaktion gewonnen.

derStandard.at:
Es geht also auch um Vertrauen

Sutter: So funktioniert Geschäfte machen. Man macht ja eigentlich nur deswegen Geschäfte, weil es für beide profitabel ist. Was man bei diesem Experiment herausgefunden hat, ist Folgendes: Man würde vermuten, dass die Entscheidungen zum Beispiel vom Einkommen der Leute abhängen. Wir reden nicht von Millionären, sondern von Leuten, die etwa zwischen 700 und 7.000 Euro pro Monat haben. Man hat aber herausgefunden, dass das Einkommen der Leute in so einem Verhalten gar keine Rolle spielt.

derStandard.at: Was steckt dahinter?

Sutter: Es gibt im Grunde genommen ein Vertrauen, das man hat oder nicht. Das hängt nicht davon ab, ob man reich oder weniger reich ist. Das ist praktisch Ihre Rolle in dem Vertrauensspiel, wenn Sie zuerst etwas abgeben müssen und nicht genau wissen, was zurück kommt. Und jetzt kommt meine Rolle. Ich kann am Ende etwas zurückgeben oder auch nicht: Jetzt spielen plötzlich Fairness-Normen eine Rolle. Soziale Gerechtigkeit im Sinne von: Diese Person hat mir so viel gegeben, da wäre es schon korrekt, wenn ich etwas zurückgeben würde. Diese Normen hängen ganz offensichtlich nicht mit diesen Einkommensgrößen zusammen, die wir genannt haben. Das ist ein sehr wichtiges Ergebnis, weil es aufräumt mit der Idee, das Verhalten der Leute hänge stark davon ab, wie reich sie sind.

derStandard.at: Eine Rehabilitierung der Reichen also...

Sutter: Es gibt ein anderes Spiel. Wir geben Ihnen 100 Euro. Sie können einen Vorschlag machen, wie wir die zwischen Ihnen und mir aufteilen wollen. Ich bekomme Ihr Angebot und habe dann zwei Möglichkeiten. Ich kann annehmen oder ich kann ablehnen und wir gehen beide mit null nach Hause. Wir machen das häufig mit unseren Studierenden und zahlen im Schnitt 20 Euro pro Spiel. Sechzig Prozent der Leute schlagen 50:50 vor, dann gibt es ein paar, die nur vierzig Prozent abgeben wollen und ganz, ganz wenige geben weniger ab. Aber die haben ein großes Risiko, dass der zweite ablehnt und damit der Kuchen zerstört wird.

derStandard.at: Da geht es natürlich um nicht viel Geld.

Sutter: Man hat solche Experimente auch mit Beträgen von zwei-, dreihundert Dollar gemacht. Wenn Sie das in Bangladesh oder Indien spielen, sind das mehrfache Monatsgehälter. Herausgekommen ist, dass die Verteilungsnormen genau gleich sind. Der Großteil der Leute gibt auch hier 50:50 ab. Sie müssen bedenken: Wenn Sie weniger als 25 Prozent des Kuchens anbieten, ist die Chance sehr groß - bei 70 bis 80 Prozent - , dass die zweite Person ablehnt und der Kuchen zerstört wird. Das lehnen die Leute ab, weil sie es unfair finden.

derStandard.at: Haben Jugendliche diese Fairness-Normen schon verinnerlicht?

Sutter: Das geht relativ schnell. Mit sieben, acht Jahren würden Kinder fair und gleich verteilen wollen, hat man vor zwei Jahren in einer Studie herausgefunden. In vielen Fällen sogar, wenn es sie etwas kostet. Wir schauen uns das jetzt mit 8- bis 18-Jährigen an. Diese Fairnesseinstellungen bleiben sehr, sehr stabil. Die Jugendlichen achten aber ein bisschen mehr auf die Größe des Kuchens.

derStandard.at: Und was treibt die, die nicht auf Gleichheit schauen?

Sutter: Es gibt immer die zwanzig Prozent, die - was auch immer an Optionen vorhanden ist - das nehmen, wo für sie das meiste herausschaut.

derStandard.at: Damit sind wir wieder bei den Zockern, bei den Spitzenmanager und den Finanzjunkies. Gibt es eine Art Gier-Gen?

Sutter: Was wir schon wissen ist, dass diese Dinge im Hirn eine Rolle spielen. Es gibt manche Menschen, die reagieren schon besonders darauf, wenn sie belohnt werden. Zum Beispiel mit Geld oder durch eine Belobigung durch einen Vorgesetzten. Es gibt Menschen, die ständig mehr davon brauchen. Einfach deswegen, weil das Gehirn das nur kurz wahrnimmt, und dann kommt schon das Bedürfnis nach der nächsten Wohlfühl- oder Streicheleinheit.

derStandard.at: Das klingt doch sehr nach Suchtverhalten?

Sutter: In der Tat. Es gibt Leute, die das permanent brauchen und es gibt dafür eine physiologische Basis. Aber ich bin kein Neurologe. Gier im Sinne von Streben nach mehr kann ja auch ganz viel Motivation bringen, die häufig in sehr fruchtbare Bahnen in einem Wirtschaftssystem verläuft. Der Trieb ich will noch besser sein, als mein Konkurrent, kann zum Beispiel dazu führen, dass man neue Produkte entwickelt. Das ist an sich nicht schlecht. Der größte Teil unseres Wohlstandes basiert ja darauf, dass wir nicht vor zehntausend Jahren gesagt haben: Eigentlich gefällt es uns in der Höhle und mit dem Feuer am Abend ganz gut.

derStandard.at: Die Aussicht auf einen finanziellen Gewinn unterhöhlt aber offenbar doch die Moral vieler Menschen?

Sutter: Natürlich gibt es einzelne Leute, die einen relativ undefinierten Raum ausgenützt und viele Menschen geschädigt haben. Madoff ist so das Parade-Beispiel. Wenn wir nach Frankreich schauen zu dem Mitarbeiter der französischen Großbank Société Générale: Die Anreize sind so, dass man immer erfolgreicher ist, wenn die Bank mehr Profite einfährt, dass man also wahnsinnig davon profitiert. Und das verleitet schon zu sehr viel riskanteren Geschäften, das ist glasklar. Die Risiken insbesondere im Bankengeschäft müssen einfach viel besser kontrolliert werden.

derStandard.at: Also haben wir es eher mit einem institutionellen Problem zu tun?

Sutter: Ja, auch wenn natürlich einzelne dahinterstehen. Die ganzen Bankenkrisen sind sicher zu einem Gutteil dadurch verursacht worden, dass interne Kontrollmechanismen gefehlt haben. Das ist etwas, was man aus der Krise lernen muss. (Regina Bruckner)

ZUR PERSON: Matthias Sutter ist seit 2006 Professor am Institut für Finanzwissenschaft der Universität Innsbruck. Erst im Zweitstudium entschied sich Sutter für Ökonomie - nach einem Studium der katholischen Theologie. Sutter gilt als einer der führenden deutschsprachigen Experimental-Ökonomen. Sein Spezialgebiet ist die Analyse des Verhaltens von Gruppen. Auch die Frage, wie sich das soziale und ökonomische Verhalten von Menschen im Laufe ihrer Biografie verändert, welche Motive sie antreibt, interessiert den 1968 geborenen Vorarlberger.

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    Gierige Manager, zockende Spekulanten, Wetten auf Staatsbankrotte - die Gier nach Mehr scheint schuld an den globalen Finanzkrisen. "Richtig ist, dass wir sehr spektakuläre Fälle von Leuten gesehen haben, die den Hals nicht voll bekommen konnten", schränkt Ökonom Matthias Sutter ein.

  • Relativ gesehen gibt es kaum Unterschiede im Verhalten von Armen und Reichen, sagt Matthias Sutter. Derzeit beschäftigt sich der Ökonom mit der Frage nach dem Wettbewerbsverhalten von Frauen und Männern.
    foto: uni innsbruck

    Relativ gesehen gibt es kaum Unterschiede im Verhalten von Armen und Reichen, sagt Matthias Sutter. Derzeit beschäftigt sich der Ökonom mit der Frage nach dem Wettbewerbsverhalten von Frauen und Männern.

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