Rundschau: Zeus und die Zeitmaschine

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coverfoto: solaris

James Lovegrove: "The Age of Zeus"

Broschiert, 688 Seiten, Solaris 2010.

Wie heißt es doch so schön: Wenn die Götter uns strafen wollen, erhören sie unsere Gebete. Imagine: Eine Welt in Frieden. Kriege und Diktaturen sind ebenso passé wie Terrorismus, religiöse Fundamentalismen und der größte Teil der Kriminalität. Und all die Unsummen, die früher "Verteidigungs-" und Sicherheitsmaßnahmen verschlungen haben, fließen nun in das Schulwesen, soziale Einrichtungen und erneuerbare Energien. Der Haken an der Sache: Diejenigen, die das alles verwirklicht haben - nämlich die kürzlich wiedergekehrten Götter des alten Griechenland -, sind gekommen, um zu bleiben. Da hocken Zeus, Athene und Co also wieder auf dem Olymp und regieren mit harter Hand und übernatürlichen Kräften den Globus. Die Ruinen des ausgelöschten Hongkong bilden ein eindringliches Mahnmal, was bei Widerstand gegen die göttliche Vernunft zu erwarten ist - und hier und da mal ein kleinerer Massenmord an unbotmäßigen Menschlein frischt die Erinnerung gerne wieder auf. Die Welt sitzt wie eine Schulklasse in Anwesenheit eines strengen Lehrers aufrecht und mit den Händen auf dem Tisch da. Dass die Menschheit des 21. Jahrhunderts in Summe der Opfer bei diesem System besser fährt als beim vorangegangenen, ist eine der vielen ironischen Noten von James Lovegroves "The Age of Zeus", erinnert nicht von ungefähr an die berühmte Monty-Python-Frage "What have the Romans ever done for us?" und beschert den ProtagonistInnen des hochgradig unterhaltsamen Romans ein ordentliches Dilemma.

Denn nicht jeder ist gewillt, die New World Order hinzunehmen. Schon gar nicht ein Multimilliardär wie Regis Landesman, der sein Geld im Waffenhandel gescheffelt hat und nun seine Felle davonschwimmen sieht - zynischer könnte das Motiv für den Aufbau einer Widerstandstruppe kaum sein. "Titanen" nennt er sein zwölfköpfiges Kommando; nach den mythologischen Erzfeinden der olympischen Götter. Die HighTech-Anzüge, die jeden Kämpfer den Olympiern und deren Hilfsmonstern wie der Hydra oder den Gorgonen ebenbürtig machen sollen, heißen ebenfalls TITAN - kurz für: Total Immersion Tactical Armour ... with Nanotech; die ewig auf Akronymsuche befindliche NASA hätte das nicht besser zusammenwurschteln können. - Zu Beginn des Romans treffen also die von Landesman ausgewählten Kommandomitglieder - darunter die britische Polizistin Sam Akehurst und der Ex-Marine Rick Ramsay aus Chicago - auf einem abgelegenen Nordsee-Inselchen ein. Dass sich zwölf einander Unbekannte auf die ominöse Einladung eines geheimnisvollen Fremden hin in einem von der Außenwelt abgeschotteten Ambiente wiederfinden, erinnert nicht nur sie an Agatha Christie. Literarische und filmische Anspielungen folgen reichlich, sei es auf Dan Brown oder Arnold Schwarzeneggers Schundfilm-Debüt "Hercules in New York"; eine der Hauptfiguren heißt mit Nachnamen Harryhausen - wie der Stop-Motion-Zauberer, der für die Originalversion von "Clash of the Titans" die Tricksequenzen besorgte.

"The Age of Zeus" ist eindeutig Camp. Das Blut wird fontänenweise spritzen, wenn die "Zweite Titanomachie" - also der neuerlich nach mythologischem Vorbild geplante Kampf zwischen Titanen und Olympiern - beginnt und diesmal hoffentlich andersherum endet. Und nicht nur das, in die Metzelszenen mischen sich auch bemerkenswert ungemütliche Freud'sche Untertöne: Lovegrove geht echt in die Vollen. Im Grunde erspart er seinen ProtagonistInnen nichts: Ihre persönlichen Tragödien sind ebenso Thema wie die brisante Wechselwirkung zwischen Rachegelüsten und strategischem Vorgehen oder das klassische Terroristen-Dilemma: Kann ich mit meinen Aktionen fortfahren, wenn der Feind gegen die Zivilbevölkerung zurückschlägt? Zwischendurch wallt sogar mal Mitleid mit den Monstern auf, die der Reihe nach abzuschlachten sind. Und Zweifel an den wahren Motiven von Mastermind Landesman nagen ebenfalls an den Titanen. Denn während die ganze Welt darüber rätselt, was die Olympier nun sind - wirklich die magischen Kreaturen der Mythologie, doch eher Außerirdische in Verkleidung oder gar Avatare Gaias, mit denen sich die Ökosphäre gegen den Schädling Mensch wehren will? -, scheint Landesman mehr zu wissen. (Und der Roman-Twist wird die Wahrheit ans Licht bringen.)

Das alles kommt aber poppig-leicht daher, garniert mit schräghumorigen Szenen aller Art: Die Götter geben Pressekonferenzen und sind zu Gast in Talk-Shows. Die Angehörigen einer Titanin fahren gerade von einem Meeresfrüchte-Essen nach Hause und werden ihrerseits von der Hydra verschlungen, die in den Sümpfen Floridas auf Pensionistenjagd geht. Hephaistos verbiegt zwecks Mahnung den phallischen Eiffelturm und beschert damit der französischen Männerwelt anhaltende Erektionsprobleme. Und die Titanen verbergen ihre Kommunikation vor dem hundertäugigen Argus, der sich in der digitalen Sphäre eingenistet hat, indem sie ihre Signale in die Übertragungen eines eigens eingerichteten "Mythoporno"-Kanals einbetten, auf dem Perlen wie "Jason and the Arse-onauts" laufen.

Der thematisch recht vielseitige Brite James Lovegrove hatte unter dem Pseudonym "Jay Amory" zuletzt Romane geschrieben, die an ein jüngeres Publikum gerichtet waren ("Die Welt in den Wolken" und "Piraten der Lüfte" sind auch auf Deutsch erschienen); für seine sogenannte "Pantheon Trilogy" ist er zu seinem richtigen Namen zurückgekehrt. "The Age of Zeus" ist - nach "The Age of Ra" und vor dem noch nicht erschienenen "The Age of Odin"- der zweite Teil dieses Trios, aber keine Angst vor einem Quereinstieg: Die Teile sind inhaltlich nicht verbunden, es handelt sich nicht wirklich um eine Trilogie, sondern um drei recht stark voneinander abweichende Variationen desselben Grundthemas: Antike Götter und moderne Zivilisation treffen (mit reichlich km/h) aufeinander. Manche werden dabei automatisch an Dan Simmons' "Ilium" und "Olympos" denken. Auch Richard Bowes hat sich in seinen "Time Rangers"-Erzählungen des Themas in ernsthafter Weise angenommen. Die Götter sind hier zwar einerseits (in den Worten Lovegroves:) that bizarre dysfunctional family, aber eben auch mehr: Dionysos beispielsweise mit seinem orgiastischen Gefolge von Satyrn und Mänaden wird bei Bowes zur Verkörperung des Chaos, die das Raum-Zeit-Gefüge selbst gefährdet.

... von all dem ist Lovegrove weit entfernt. Im Kern folgt sein Roman der klassischen Logik von Superhelden-Comics (und sonst kaum einer); denn das ist es, wo "The Age of Zeus" seine eigentlichen Vorbilder hat. Ähnlich Autoren wie Daryl Gregory oder Perry Moore überträgt Lovegrove einen bekannten Plot in die bildlose Literatur: Superhelden, die Superschurken Superkeilereien liefern ... und dabei ordentlich Kollateralschäden verursachen. Den übernatürlichen Superkräften der Olympier (Blitzeschleudern, Teleportieren, Wasser durch Willenskraft formen usw.) stehen dabei die Batman-mäßig technologisch hergestellten der Titanen gegenüber. Und die haben nicht nur jeder für sich ein persönliches Motiv, das sie zu "Superhelden" werden lässt, sie nehmen auch eine entsprechende Außenidentität an: So werden aus Sam, Rick & Co fortan "Thetys", "Hyperion" und all die anderen. Bei derart grundlegenden Comic-Bezügen wird es auch niemanden wundern, dass der Roman sehr bildreich ausgefallen ist. Ob Zweikämpfe oder kreative Zerstörungsleistungen: "The Age of Zeus" schreit in jedem Kapitel mindestens einmal V!e!r!f!i!l!m!t! m!i!c!h! - Es ist anzunehmen, dass die Passage mit dem göttlichen Angriff auf Mekka dann ausgelassen würde.

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