Manson für die Couch

29. Juni 2010, 12:32
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Marilyn Manson, berühmt-berüchtigt als Brachialmusiker und Skandalfigur, stellt in Wien seine Malerei aus - Als Gegenstück zu seinen Aquarellen werden Kurzfilme des Regisseurs David Lynch gezeigt

Wien - So wie der Sitz der Seele bis heute nicht zweifelsfrei lokalisiert werden konnte, neigt dieses vazierende Etwas dazu, seinen Wirtskörper an nicht vorhersehbarer Stelle zu verlassen. Im Idealfall tut sie das nach einem erfüllten Leben, nicht ohne der noch verbliebenen Intelligenz im abgebrauchten Restkörper vorzumachen, sie katapultiere ihn damit auf eine andere, selbstredend höhere Ebene.

Vorstadien dieses finalen Verlassenwerdens erlebt der Seelenwirt etwa in Zeiten der Liebe. Da deutet die Seele schon an, welche Öffnungen als Druckventile taugen: die Augen etwa, oder wenn auch noch Angst im Spiel ist, die sonst der gemeinen Ausscheidung dienlichen Öffnungen. Da fließen nicht nur Tränen.

Womöglich aber entweicht sie als letzter Hauch durch den klaffenden Mund oder verflüchtigt sich als finale Entladung an den Fingerspitzen. Sie gehört dann wahlweise dem lieben Gott oder dem Teufel - was nur gerecht ist, hat doch deren Konflikt unter brachialer Anteilnahme ganzer Heerscharen von Engeln (jetzt an Christopher Walken und Gods Army denken) erst zur Erschaffung des Menschen geführt. Jedenfalls ist dieser seither angsterfüllt.

Ungünstiger Moment

Es könnte ihm ja der Himmel auf den Kopf fallen, oder, von seinesgleichen entleibt, könnte seine Seele vorzeitig freigesetzt werden. Womöglich in einem ungünstigen Moment und so dem Teufel zufallen. Jedenfalls: Angst löst Filme aus und Musik und Gedichte (Die Blumen des Bösen) und Romane und: ist womöglich die effizienteste aller Antriebskräfte.

Da kommt Marilyn Manson ins Spiel. Horror gefällt. Abgeschnittene Gliedmaßen, mittig durchtrennte Körper, mit Messereinsatz bizarr erweiterte Öffnungen, lustvoll inszenierte Aufbahrungen, pittoresk Gespreiztes oder wundersam Verdrehtes: eine Kunst für sich. Die mehr oder weniger kunstvolle Berichterstattung darüber - überhaupt das Beste.

Schicksal der Monroe

Manson hat viel dazu beigetragen, den einschlägigen Kult ins einschlägige Liedgut einzuschreiben, dem jungen Menschen Charles Baudelaire oder den anderen Manson nahezubringen. Und das Schicksal der Monroe und jenes von Elizabeth Short, die erst durch ihren Erregung provozierenden Tod zu jener Berühmtheit gelangte, der sie zeitlebens so strebsam wie erfolglos hinterhergerannt war.

Wenn er gerade keine Musik macht, Videos ausleuchtet oder an Filmskripts bastelt, hält Marilyn Manson solch aufwühlende Begebenheiten im Bild fest. Im Aquarell. Nass in Nass, ein Spezialeffekt, mit dem schon weiland Egon Schiele seine Ausgemergelten sexuell aufzuladen verstand (Nur, dass Egon Schiele nichts von John Waters wissen konnte, David Lynch noch nicht aktiv war und keine Dita von Teese zur Marketingseite hatte).

Die Kunsthalle Wien zeigt 21 zur Verstörung der Massen angelegte Aquarelle des alternden „Shock-Rockers". Die sehen so aus, als hätte Francesco Clemente außerplanmäßig einen Albtraum gehabt: erdig, aber auch böse, dem lustigen Ansatz verpflichtet, das ganz, ganz Grauenhafte von seiner schönen Seite zu zeigen.

So etwas berührt die unter 14-Jährigen immer noch. Nebst diesen Blättern zeigt die Kunsthalle im Project Space am Karlsplatz auch noch Frühwerke des Filmers David Lynch - Animationen, in denen die Buchstaben unter Schmerz geboren werden. Auch nett. (Markus Mittringer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.7.2010)


"Marilyn Manson und David Lynch - Genealogies of Pain", 30. Juni bis 25. Juli 2010, Kunsthalle Wien, project space am Karlsplatz, Treitlstraße 2, 1040 Wien, tgl 13-24 Uhr, So/Mo 13-19 Uhr

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    Musiker Marilyn Manson vor der anderen Seite seiner künstlerischen Fantasien.

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