Videobeweis

29. Juni 2010, 12:05
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Ein Tor, das nicht gegeben wurde und ein Tor, das fälschlicherweise (und wider besseren Wissens) gegeben wurde...

Ein Tor, das nicht gegeben wurde und ein Tor, das fälschlicherweise (und wider besseren Wissens) gegeben wurde, haben in den letzten Tagen die periodisch auftretende Debatte um den so genannten Videobeweis neu entfacht. Die immergleichen Pros und Contras werden ausgetauscht, die FIFA stellt sich routiniert taub und nennt die eigene Position "menschlich".

Vernünftige Argumente gegen die Torkamera oder den Chip im Ball, Technologien die lediglich feststellen, ob der Ball die Torlinie passiert hat, sind weiterhin Mangelware. Bei weiteren Video-Interventionen wird es schon komplizierter. Das beginnt bei der Frage, ob nicht doch dem Spielfluss Schaden zugefügt wird und endet bei dem Umstand, dass es keine wirklich überzeugenden Vorschläge gibt, wie (und von wem) definiert wird, wann eine Szene einem über dem vor-technischen Tatsachenraum thronenden Videorichter vorzulegen ist. Strittig ist im Fußball nämlich häufig, ob eine Szene strittig ist; Strittigkeit zweiter Ordnung und deren Regulierung ist das eine Problem.

Die Idee, verschiedene Parteien (den Schiedsrichter, die beiden Teams) mit einem Veto-Budget auszustatten, scheint mir wenig hilfreich, weil es sicher nicht lange dauern wird, bis ein Lampard-Tor in der 93. Minute  fällt und alle haben ihre Vetos schon aufgebraucht – dann ist das ganze System ad absurdum geführt.

Irritierend an der ganzen Diskussion ist auch, dass ausgerechnet das Bild, auf das sich der Beweis stützen soll, als problematischer Faktor ausgeblendet bleibt. Als sei dessen Beweiskraft selbstevident, als würde sich jede strittige Szene im und durch das Bild in apodiktische Eindeutigkeit auflösen, als handle es sich bei diesem Bild nicht um eine ästhetische Repräsentation, um das Ergebnis von Perspektive, Kadrierung und Montage.

In praktisch keinem anderem Feld des Bildes herrscht heute noch ein vergleichbares Vertrauen in dessen unmittelbare Lesbarkeit. Das erstaunt, weil insbesondere der digitale Medienwandel des letzten Jahrzehnts das technische Bild eigentlich immer eingebunden sehen wollte in einen Diskurs des Codes, der Simulation und Täuschung. Nur in der Welt des Fußballs feiert der Bild-Naturalismus offenbar fröhliche Urstände.

Dabei steht das Live-Bild, auf das sich auch der Videorichter stützen müsste, durchaus in einem komplexen Verhältnis zur Situation, die es darstellt. Ein banales Beispiel sind Foulspiels, die in Superzeitlupe aufbereitet häufig ganz anders aussehen, nämlich irreal. Die temporale Vergrößerung zeigt zwar überdeutlich, wie die offene Sohle auf die Wade trifft, lässt aber den realen Bewegungsablauf, die Kontextbewegungen verschwinden.

Hinzukommt die schlichte Tatsache, dass es bei jedem Fußballspiel etliche strittige Szenen gibt, die auch nach der zehnten Wiederholung nicht eindeutiger werden. Mit anderen Worten: Die FIFA müsste ihre Schiedsrichter als Medienwissenschaftler und Bildhermeneutiker schulen und auch klären, welches Bild das privilegierte Videobeweisbild sein soll: das konventionelle Fernsehbild? Ein ästhetisch bereinigtes, weniger „inszeniertes“ Spezialbild? Ein computerbearbeitetes, Raumverhältnisse umrechnendes und grafisch-abstrakt aufbereitendes Bild?

Fragen, deren Dringlichkeit zunehmen wird, weil das Spiel immer schneller, für das menschliche Auge immer schwieriger zu beurteilen wird – und das nicht nur, wenn ein Hochgeschwindigkeitsfußballer wie Ronaldo vor der Tür steht:

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