Fifa bewegt sich sanft, aber doch

29. Juni 2010, 11:31
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Nach massiver Kritik an Fehlpfiffen will die Fifa ihre Position zur Tor­kamera, nicht aber zum Video­beweis überdenken

Johannesburg - "Es ist wie an allen Tagen. Wir kommentieren die Entscheidungen der Schiedsrichter nicht", hatte Fifa-Mediendirektor Nicolas Maingot noch am Montag gesagt. Der Dienstag war also ein ganz und gar anderer Tag, wenn nicht sogar ein historischer, denn Fifa-Präsident Joseph S. Blatter wählte revolutionäre Worte: "Ich bedaure es, wenn ich die offensichtlichen Fehler der Schiedsrichter sehe. Nach den bisherigen Erfahrungen bei dieser WM wäre es irrsinnig, sich über das Thema Torlinien-Technologie keine Gedanken zu machen."

Der 74-jährige Schweizer, seit 1998 achter Präsident des Weltfußballverbandes, reagierte damit erstmals auf die Vielzahl von Stimmen, die seit Jahren den Einsatz des Videobeweises bei strittigen Entscheidungen fordern, die aber bisher von der Fifa konsequent überhört wurden. Die eklatanten Schiedsrichterfehler in den Achtelfinal-Partien zwischen Deutschland und England (4:1) sowie Argentinien und Mexiko (3:1) gaben erneut Anlass zu Diskussionen. Während England beim Stand von 1:2 ein reguläres Tor von Frank Lampard nicht anerkannt worden war, gerieten die Mexikaner durch ein klares Abseitstor von Carlos Tévez mit 0:1 in Rückstand.

"Ich habe mich bei beiden Verbänden entschuldigt", sagte Blatter zerknirscht. Die Engländer hätten sich für diesen Akt des ranghöchsten Fifa-Funktionärs sogar bedankt. "Und die Mexikaner haben ihren Kopf gesenkt und es ebenfalls hingenommen." Konsequenzen für das laufende WM-Turnier werden aber nicht schlagend, laut Blatter könnten der Chip im Ball oder Torkameras frühestens 2014 in Brasilien Premieren feiern.

Wobei überhaupt noch unklar ist, ob sich das für die Einführung neuer technischer Hilfsmittel verantwortliche International Football Association Board (Ifab) auch dafür entscheidet. Als bahnbrechend gilt schon, dass das konservative Gremium seine nächste Arbeitssitzung auf den 21. und 22. Juli in Cardiff vorverlegt hat. Die 125. reguläre Zusammenkunft hätte erst Anfang März 2011 stattfinden sollen.

Nicht auf den Ifab-Tagesordnungen, auch das machte Blatter klar, soll die Verwendung weiterer technologischer Neuerungen stehen. "Den Videobeweis wie im Eishockey wird es nicht geben, dafür gibt es im Fußball zu wenige Unterbrechungen." Haarsträubenden Fehlentscheidungen wie bei Carlos Tévez' Abseitstor will Blatter künftig mit der Verbesserung der Schiedsrichter-Ausbildung beikommen.

Unter dem Strich aller bisherigen WM-Fehlpfiffe - oder eben Nicht-Pfiffe - hätte also die nun in Aussicht gestellte Einführung der Torkamera oder eines Chip-Balls nur das reguläre Tor des Engländers Frank Lampard betroffen. "Mit unserem Chip-Ball hätte der Referee in 0,2 Sekunden die Information gehabt, dass der Ball eindeutig hinter der Linie war", sagte Walter Englert, der die Technik-Kugel miterfunden hat. Der kluge Ball soll laut Hersteller einen niedrigen vierstelligen Euro-Betrag kosten.

Blatter droht Frankreich

Auch abseits der Refereedebatte fand Fifa-Präsident Blatter nach eintägiger Nachdenkpause ungewohnt klare Worte, und die richtete er an die französische Regierung. Nach dem blamablen Scheitern der Équipe Tricolore in der Vorrunde hatte der 75-jährige Verbandschef Jean-Pierre Escalettes am Montag nach politischen Interventionen seinen Rücktritt erklärt. Blatter: "Der französische Fußball kann auf die Fifa zählen, sollte es zu politischen Einmischungen kommen - selbst wenn es auf der Präsidentenebene geschieht. Sollten alle Konsultationen scheitern, bleibt uns als einziges Mittel die Suspendierung des Verbandes." (DER STANDARD, Printausgabe, Mittwoch, 30. Juni 2010, krud, sid)

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    So funktioniert der Chip-Ball: An der Begrenzung des Strafraums und hinter dem Tor sind dünne Kabel im Rasen verlegt. Diese erzeugen, wenn Strom durchgeleitet wird, sehr schwache Magnetfelder. Der stoßsichere Chip im Ball sendet Tausende von Mikrowellen pro Sekunde an einen Zentralrechner im Stadion, sobald der Ball in die Nähe der Torlinie kommt. So wird die Position des Balls millimetergenau bestimmt. Rollt der Ball über die Torlinie, gibt die Zentrale ein Signal an einen Minicomputer am Handgelenk des Schiedsrichters. Die Nachricht "Goal" erscheint auf dem Display. Der gesamte Vorgang läuft in Bruchteilen einer Sekunde ab, das Ergebnis ist nur für den Schiedsrichter sichtbar.

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