"Wir wollen Weltmeister werden"

28. Juni 2010, 18:46
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Auf Deutschland wartet der nächste Klassiker: Argentinien. Die ganze Nation liegt im Fußballfieber, die Weltpresse ist verzückt. Und bei Löws Buben reifen die Träume vom Wunder von Südafrika

Bloemfontein - "Wir müssen auch noch die anderen Spiele gewinnen, wir sind ja hier, weil wir Weltmeister werden wollen", sagte der zweifache Torschütze Thomas Müller. Endlich. Endlich hat es einer gesagt. Ja, das nächste Spiel ist wie immer das wichtigste, doch laut Müller soll das Viertelfinale gegen Argentinien am Samstag (16) in Kapstadt für die Deutschen nur eine Station sein, und zwar eine Zwischen-, keine Endstation.

"Argentinien ist eine Weltklassemannschaft, aber wir haben gezeigt, dass wir uns vor keinem verstecken müssen", sagte Arne Friedrich, und Sami Khedira stimmte zu: "Wir können auch Argentinien schlagen, wenn wir wieder so stark als Kollektiv auftreten." Der erfahrene Miroslav Klose, 2002 in Südkorea und Japan Vize-Weltmeister, ergänzte: "Argentinien ist vielleicht auf dem Papier besser, aber das war bei England genauso. Entscheidend ist aber auf dem Platz, und da sind wir eine Einheit."

Bei Schnitzel und beim einen oder anderen Glas Wein oder Bier hatte sich das deutsche Team gleich nach seiner Rückkehr in sein WM-Quartier Velomore Grande am Sonntagabend auf das Viertelfinale eingestimmt. Das Hotelpersonal hatte die Helden von Bloemfontein mit Feuertonnen als Symbol des Glücks und riesigen Bildschirmen im Freien empfangen, auf denen immer und immer wieder die Tore von Thomas Müller (67., 70.), Lukas Podolski (32.) und Miroslav Klose (20.) gezeigt wurden.

In Deutschland dauerte die Party wohl etwas länger als im WM-Quartier, nachdem allein 25,57 Millionen Zuschauer das Spiel vor dem TV-Gerät und noch ein paar Millionen beim Public Viewing verfolgt hatten. "Die Leute haben genügend Grund zu feiern, sie identifizieren sich mit dieser jungen Mannschaft, die immer noch in der Entwicklung steckt", sagte Kapitän Philipp Lahm und machte seinen Landsleuten für das Viertelfinale Mut: "Wir wissen, dass wir noch eine Menge erreichen können."

Während seine Spieler den Augenblick genossen, dämpfte Joachim Löw die Euphorie. "Wir sind sicherlich nicht in der Favoritenrolle. Wir müssen nun wieder ganz hart arbeiten, denn die nächsten Gegner werden ja noch schwieriger", sagte der Bundestrainer. Eine vorzeitige Vertragsverlängerung war für den 50-Jährigen aber trotz der Triumphes, der an das legendäre 3:1 der deutschen Elf im EM-Viertelfinale 1972 in Wembley mit Franz Beckenbauer, Günter Netzer und Gerd Müller erinnerte, aber nach wie vor kein Thema. Der Bundestrainer gab seinen Spielern von Montagnachmittag bis Dienstagabend frei.

Ach ja, Lampards Lattenpendler. "Das war ein klarer Treffer", sagte Löw, was auch sonst sollte er sagen? Deutschlands Goalie Manuel Neuer brachte es auf den Punkt: "Wembley-Tor? Ich habe mich nur auf den Ball konzentriert, ihn mir schnell geschnappt und ins Spiel gebracht. Wenn ich nach rechts und nach links geguckt hätte, hätte der Schiedsrichter es sich vielleicht noch mal überlegt. Vielleicht habe ich ein bisschen dazu beigetragen, dass er nicht gepfiffen hat."

Harald "Toni" Schumacher, der im Weltgedächtnis als jener deutsche Unhold verankert ist, der im WM-Semifinale 1982 den Franzosen Patrick Battiston krankenhausreif getreten hat, riskierte am Montag im deutschen Fernsehen eine dicke Lippe, wie die Deutschen sagen. England sei, meinte der Ex-Goalie, keineswegs das Mutterland, sondern "eher das Großmutterland des Fußballs". Und irgendwie hat der frühere deutsche Teamtormann damit nicht ganz unrecht.

Englands italienischer Teamchef Fabio Capello tritt "bestimmt nicht" zurück. Unlängst erst war eine Klausel aus dem bis 2012 laufenden Vertrag gestrichen worden, die es beiden Seiten erlaubt hätte, nach der WM ohne finanzielle Entschädigung auszusteigen. So groß war der Engländer Vertrauen in Capellos Fähigkeiten gewesen. Nun wollen die Engländer neu aufbauen, wie die Franzosen und wie die Italiener das wollen. Und wie die Deutschen das schon tun. (DER STANDARD, Printausgabe, Dienstag, 29. Juni 2010, sid, wei)

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    Dass der Ball, der nach Frank Lampards Schuss im Achtelfinale von der Latte pendelte, garantiert nicht hinter der Torlinie war, zeigt dieser Fotobeweis.

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    Ganz Berlin ist auf der Wolke, und man sieht sich wieder mal im Finale. Zumindest die Fans sehen die Elf schon dort.

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