In Afrika bewirkt Mobilfunk kleine Wunder

28. Juni 2010, 18:20
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Handys ein Schub für Wirtschaftswachstum - Pionier bei mobilen Zahlsystemen

Kigoma/Wien - Dutzende Fischerdörfer liegen entlang der hunderte Kilometer langen Küste Tansanias am Tanganjika-See. Nur die wenigsten sind mit dem Auto erreichbar. Einmal in der Woche dampft die Liemba, ein 67-Meter-langes Relikt der deutschen Kolonialzeit, in südlicher Richtung an den Dörfern vorbei, einmal in nördlicher Richtung. Wer auf stundenlang entfernten benachbarten Märkten Waren feilbieten wollte, musste eine riskante Wette eingehen, ob dort auch gerade Nachfrage besteht.

Nicht mehr seit es Handys gibt. Jetzt können Fischer oder Handwerker telefonisch erfragen, was gerade gebraucht wird, statt auf ihrer Ware sitzen zu bleiben. Am See bewerben Bootsbesitzer ihre Dienste als Taxi oder Frachtboot mit großen Telefonnummernschildern: Ein Handy kann den Bootsunternehmern viele Leerfahrten ersparen. Diese Möglichkeit erhöht Effizienz und Absatz, letztlich den Lebensstandard.

Für die Länder Afrikas, wo es bisher kaum Telefonleitungen gab, ist Mobilfunk zur unentbehrlichen Infrastruktur geworden. Zehn Prozent mehr Mobilfunkverbreitung übersetzt sich in ein zusätzliches Wachstum der Wirtschaftsleistung von Entwicklungsländern um 0,8 Prozent, hat die Weltbank erhoben. Tansania ist ein Beispiel für diesen Boom: In den vergangenen acht Jahren wuchs die Zahl der Handykunden von 300.000 auf 15 Millionen, was einer Verbreitung von 37 Prozent entspricht. In Afrika ist es inzwischen das viertgrößte Handyland nach Nigeria, Südafrika und Kenia. 246 Millionen Anschlüsse gab es Ende 2009 in Afrika, im Schnitt für 30 Prozent der Bevölkerung. Mit hundert Prozent Wachstum liegt der Kontinent inzwischen vor China, nach Indien mit 125 Prozent.

In einem Bereich wurde Afrika zum Innovationsführer: bei mobilen Zahlungen. Diese entwickelten sich informell aus der Übermittlung von Zahlcodes für Telefonminuten, die wie Geld bargeldlos per SMS weitergeschickt wurden. Daraus haben Mobilfunker wie Zain in Tansania oder M-PESA/Safaricom in Kenia zusammen mit Banken Zahlsysteme entwickelt. Denn für die allermeisten Menschen Afrikas sind Banken unzugänglich - mit dem Handy kommt die Bankfiliale jedoch bis in die entlegensten Dörfer und zu den Familien.

Dieses Know-how findet inzwischen seinen Weg zurück in die Industriestaaten. Die Erste Stiftung, Haupteigentümerin der Erste Group, entwickelt mit der südafrikanischen Wizzit mobile Zahlungen für Rumänien: Auch dort sind noch zehn Millionen Menschen ohne Bankkonto. (Helmut Spudich, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.6.2010)

  • Mobilfunk-"Shop"  in Tansania: Prepaid- Rubbelkarten,
 Handymiete, Ladestation für Akkus.
    foto: standard/helmut spudich

    Mobilfunk-"Shop" in Tansania: Prepaid- Rubbelkarten, Handymiete, Ladestation für Akkus.

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