"Könnte Hilfe effektiver sein? Ja, natürlich!"

28. Juni 2010, 17:59
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Die Entwicklungshilfe ist keine Geldverschwendung, sagt Weltbankvizepräsidentin Obiageli Ezekwesili

Die Entwicklungshilfe ist keine Geldverschwendung, sagt Weltbankvizepräsidentin Obiageli Ezekwesili. Warum sie im Kampf gegen Armut auf Mobiltelefone setzt, sagte sie András Szigetvari.

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STANDARD: Mitten in der Krise werden Investitionen in Afrika angepriesen. Aber nicht nur wie eh und je von Entwicklungshelfern, sondern auch von Wirtschaftstreibenden. Ist das ein guter Zeitpunkt, um sein Geld in Afrika zu stecken?

Ezekwesili: Das ist ein sehr guter Moment dafür. Südafrika hat sich die Prinzipien der Marktwirtschaft bereits zu eigen gemacht, und viele weitere Staaten haben ihr Geschäftsklima verbessert. Besonders im Telekommunikationsbereich hat sich durch die Marktöffnung viel getan.

STANDARD: Wer schlägt sich gut?

Ezekwesili: Früher konzentrierten sich die ausländischen Investitionen auf den Rohstoffbereich in drei Ländern: Nigeria, Angola und auf die Mienen in der Demokratische Republik Kongo. Heute ist die Streuung größer. Ruanda, Uganda, Botswana, Ghana profitieren. Sogar Liberia konnte nach dem Ende des Bürgerkrieges Investitionen in seine Landwirtschaft lenken. Fortschritte gibt es im ganzen Kontinent.

STANDARD: Hat die Entwicklungshilfe daran einen Anteil? Zuletzt wuchs ja die Kritik, die Hilfe sei ineffizient.

Ezekwesili: Das Bild ist uneinheitlich. Könnte die Hilfe effektiver sein? Ja, natürlich. Hat die Unterstützung etwas bewirkt? Ich würde sagen: auf jeden Fall. In ganz Afrika gibt es Sektoren, in denen man das sieht. Viele afrikanische Staaten sind heute beispielsweise auf bestem Weg, das dritte Uno-Millenniumsziel, die vollständige Primarschulbildung für alle Jungen und Mädchen, zu erfüllen.

STANDARD: Aber wie viel ist durch Hilfe von außen geschehen?

Ezekwesili: In vielen Bereichen haben sich die internationalen Geldgeber auf jene Sektoren konzentriert, in denen es Fortschritte gab. Auch im erfolgreichen Telekommunikationsbereich ist die Hilfe von außen ein Teil der Geschichte: Die Weltbank hat Afrika bei dem Privatisierungsprozess geholfen, die Zahlen sind beachtlich. Wo es in Afrika früher gerade einmal zehn Millionen Telefonanschlüsse gab, gibt es heute über 300 Millionen Handys. Farmer können mit ihren Handys einfacher Geschäfte machen, viele Afrikaner nutzen das Telefon sogar für Bankdienstleistungen (siehe nachfolgende Artikel).

STANDARD: Nur weil man ein Handy hat, bedeutet das nicht, dass man die Armut hinter sich lässt.

Ezekwesili: Sie sagen das, weil für Sie Handys eine Selbstverständlichkeit sind. Aber ein Afrikaner, der jahrelang zusehen musste, wie seine Regierung viel Geld für Telekommunikation ausgab, er selbst aber keinen Anschluss hatte, weil die Investments ineffektiv waren, der würde jetzt nur den Kopf schütteln. Telefone geben den Armen eine Chance - also unterschätzen Sie das nicht. In Afrikas Telekomsektor wurden bisher 60 Milliarden Dollar investiert. Das ist signifikant. Vor zehn Jahren lag der gesamte Investitionsstand in Afrika bei 13 Milliarden.

STANDARD: Sie erwähnen Privatisierungen: Gerade die Weltbank wurde dafür kritisiert, öffentliche Dienstleistungen privatisiert zu haben.

Ezekwesili: Aber die Privatisierungen im Telekomsektor haben funktioniert. Dass in der Vergangenheit vieles nicht geklappt hat, ist kein rein afrikanisches Problem. Die Privatisierung der Eisenbahn hat in Europa nicht funktioniert. Die Lehre daraus ist, dass Privatisierung keine Ideologie sein darf, sondern als pragmatischer Ansatz begriffen werden sollte, um bestimmte Probleme zu lösen.

STANDARD: Für Schlagzeilen sorgten zuletzt Landkäufe durch ausländische Investoren in Afrika. Wie sieht die Weltbank dieses "land grabbing" ?

Ezekwesili: Wir sind beunruhigt. Aber wir sehen auch die Chancen für die Stärkung der Infrastruktur, weswegen es darum gehen muss, die Risiken des "land grabbing" zu minimieren. Die größten Gefahren sind Korruption beim Verkauf des Landes und dass die kleinen Farmer durch große Firmen verdrängt werden. Deswegen müssen Verhaltensregeln für die Verkäufe her, und die Bürger müssen in den Verhandlungsprozess eingebunden werden.

STANDARD: Ganz kann ich es nicht aussparen: Wird die Fußballweltmeisterschaft Afrika stärken?

Ezekwesili: Die ganze Welt diskutiert gerade über Fußball und damit auch über Afrika. Ich glaube, das wird jene Sichtweise stärken, wonach Afrika Teil des globalen Wettbewerbs sein kann. Damit ist die Weltmeisterschaft Teil der Imagepolitur. Denn eines der größten Probleme des Kontinents ist gerade, dass er stereotyp oft nur für Armut und Krieg steht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.6.2010)

Zur Person

Obiageli Ezekwesili ist seit Mai 2007 hauptverantwortlich für die Afrikapolitik der Weltbank. Davor war sie Bildungsministerin in Nigeria. Ezekwesili war vergangene Woche auf Einladung der Austrian Development Agency in Wien.

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    "Wo es in Afrika früher gerade zehn Millionen Telefonanschlüsse gab, gibt es heute 300 Millionen Handys": Obiageli Ezekwesili.

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