Der mühsame Weg zur Mindestsicherung

28. Juni 2010, 18:05
  • Artikelbild
    foto: apa/neubauer

    Bundeskanzler Faymann und Vizekanzler Pröll geben Einigung zur Transparenzdatenbank bekannt

Ein Dutzend Gesetzesänderungen müssen für die Mindestsicherung verabschiedet werden

Wien - Immer wieder verschoben - und nun türmt sich bis zur Sommerpause die Arbeit: Weil die ÖVP die Einführung der Mindestsicherung monatelang mit der Einrichtung der Transparenzdatenbank junktimiert hat, haben Bund und Länder alle Hände voll zu tun, damit die von der SPÖ begehrte neue Unterstützung für sozial Bedürftige tatsächlich ab 1. September in Kraft treten kann.

Kanzler ohne Freude

Am Montag deponierte Kanzler Werner Faymann (SPÖ) jedenfalls noch einmal ausdrücklich, dass er mit der Verquickung der beiden Agenden überhaupt "keine Freude" gehabt habe, und: Der Koalitionspartner müsse lernen, dass Tauschhandel zu nichts führe, mahnte er.

Tatsächlich stehen jetzt im Eiltempo eine Änderung des Arbeitslosenversicherungsgesetzes, des Notstandshilfegesetzes sowie des Sozialrechtsänderungsgesetzes an, damit die Mindestsicherung, die quasi eine Vereinheitlichung der Sozialhilfe auf 744 Euro im Mo-nat darstellt, realisiert werden kann. Genau diese Materien müssen am Mittwoch im Sozialausschuss ausführlich beraten werden - damit am 7. Juli das Parlament das Ganze verabschieden kann.

Parallel dazu haben auch die Bundesländer in den nächsten Tagen und Wochen entsprechende Änderungen in ihren Sozialhilfegesetzen vorzunehmen - sofern sie das bis jetzt noch nicht angegangen sind. Doch nicht nur einige schwarz sondern durchaus auch rot regierte Provinzen signalisieren bereits, dass sich bei ihnen der Beschluss und damit auch die Umsetzung verzögern könnte, darunter etwa Vorarlberg, Tirol und Oberösterreich sowie die Steiermark und das Burgenland (Details siehe unten).

Als Alternativtermin für das Inkrafttreten der Mindestsicherung nennen die Spätzünder übrigens den 1. Jänner 2011 - allerdings müsste das Geld dann an die Anspruchsberechtigten rückwirkend ausbezahlt werden.

Droht bei einem verpatzten Start nicht administratives Chaos, wenn die sozial Bedürftigen nachträglich die ihnen zustehende Mindestsicherung erhalten sollen, gleichzeitig aber bis dahin kassierte Leistungen gegenverrechnet werden müssen? Im Sozialministerium von Rudolf Hundstorfer (SPÖ) gibt man zwar zu: "Klar bedeutet eine verspätete Einführung einen gewissen Aufwand." Aber man versichert auch: "Die Länder verfügen ja selbst über die entsprechenden Daten, also ist das für sie durchaus bewältigbar."

100.000 Bedürftige in Wien
Erleichtert wirken die Sozialdemokraten jedenfalls darüber, dass im absolut roten Wien die Mindestsicherung bereits vom Landtag mit den Stimmen von SPÖ und ÖVP per Vorratsbeschluss fixiert wurde. Kein Wunder, denn: Rund 100.000 Menschen beziehen allein in der Bundeshauptstadt in irgendeiner Form soziale Hilfe. Damit ist Wien Spitzenreiter, also jenes Land, in dem die meisten Anspruchsberechtigten für die Mindestsicherung leben. Dazu steht am 10. Oktober die Landtagswahl an - was Wiens ÖVP-Obfrau Christine Marek am Montag freilich nicht davon abhielt, über die "roten Fördersümpfe" in der Bundeshauptstadt abzulästern. (Nina Weißensteiner, DER STANDARD, Printausgabe, 29.6.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 54
1 2
Aktive Arbeitslose
10
Demokratie?

Also wird wieder viel ohne Begutachtung einfach als Initiativantrag durch den nationalrat gepeitscht. Und nicht einmal die Grünen schreien auf, obwohl es eh nur um das gerundlegende Menschenrecht auf Sicherung der Existenz (=Recht auf Leben) geht. Und vom (Menschen)Recht auf Existenz sichernde Arbeit redet sowieso niemand. Tolle Demokratie haben wird da!

Karl Bauer4
10

ein nicht unbedingt gebrauchtes Auto muß verkauft "werden" Wird überall so berichtet!

wenn es weniger wert ist wie die Freigrenze von 3700 Euro wird man es auch nicht weggeben müssen. Zumindest wird es ein prinzipielles Besitzverbot nicht geben können

Aktive Arbeitslose
01

Pech: Das Auto ist extra geregelt und fällt daher nicht unter die allgemeine Vermögensgrenze. Die Minisicherung respektivert weder das Recht auf Vermögen und nicht einmal das Recht auf Eixstenzsicherung (= Recht auf Leben), denn diese wird von einer von Behörden willkürlich definierten und überwachten "Arbeitswilligkeit" abhängig gemacht.

Das grundlegendste Menschenrecht wird in Österreich mit der Minisicherung also de jure aufgehoben!

Detaillierte Kritik unter

http://www.aktive-arbeitslose.at

dejanowitsch
00
30.6.2010, 11:21
Die Mindestsicherung ist und bleibt ein Häkel

genauso wie die Ausweisung der Zogaj die gar nichts dafür kann.
Schön schwarz ist aber auch schön.
Wie immer nichts fürs Volk, für den Bauern, für die Zuwanderer, für die Kirche, für den Mittelstand, aber immer für Großkonzerne und Banken.
744,- mal 12 - minus Auto, minus Sozialleistungen dass wird diesen armen Teufeln schon helfen und wenn nicht ist es auch wurscht!
Aber wählen dürfen sie schon die ÖVP!

Ich bin unschuldig, aber nicht ganz.
01
29.6.2010, 19:09
Die Frau Marek ist selber Sumpfdotterblume.

Aber das weiß Sie sicher.

adalbert zillner
11
29.6.2010, 15:20
Bei brutto ca € 1.100 pro Monat gilt man in Ö. laut Armutsstatistik übrigens ganz offiziell als arm (im Singlehaushalt!).

Und zwar weil der Staat so viel an Lohnnebenkosten kassiert und netto so wenig bleibt.
Wer brutto ca. € 1.100 pro Monat verdient, kostet den Dienstgeber übrigens fast € 21.000 pro Jahr! Urlaube, Krankheit, Feiertrage usw. noch gar nicht mitgerechnet.
Diese fast € 21.000 muss der Dienstnehmer dem Dienstgeber also einbringen, damit der Dienstnehmer sich überhaupt erst zu rechnen beginnt (noch ohne Gewinn!).

gibt's da auch ein argument zu?
03
29.6.2010, 18:19
hedi,

doris altmann,
peter amber,

und so weiter. copy-paste wie immer.

lohnnebenkosten gehören zum lohn. wer sie abschaffen/senken will, will löhne senken - auf dass arbeiter u angestellte die soziale sicherung alleine zahlen.

Utgard
50
29.6.2010, 11:30
Mindestsicherung gut und schön aber...

Angenommen man bekommt bei der Mindestsicherung €740,-- für 0 Stunden Arbeit die Woche, oder €960,-- netto für 40 Stunden (zb im Callcenter) - ist das für manche wirklich ein Anreiz für €220,-- mehr im Monat arbeiten zu gehen? Ohne dass so mancher Kollektivvertrag erhöht wird fürchte ich wird die Arbeitslosigkeit eher steigen. Sollte man zur Mindestsicherung nun auch geringfügig € 366,33 dazuverdienen dürfen dann wäre man bei € 1106,33 - ich weiss nicht ob das bei der Mindestsicherung erlaubt ist - wünschenswert ist es aber auf keinen Fall!!

Aktive Arbeitslose
00

Die Mindestsicherung ist sozusagen die Abschlagszahlung dafür, dass das Menschenrecht auf Existenz sichernde Arbeit der steigenden Zahl der unfreiwillig Erwerbsarbeitslosen vorenthalten wird.

Würden genug Arbeitsplätze zu einer fairen Bezahlung angeboten, gäbe es bis auf die echten Sozialfälle praktisch keine BezieherInnen der Minisicherung.

Die meisten BezieherInnen der Sozialhilfe/Minisicherung sind "Aufstocker", also Menschen, die zwar eine Erwerbsarbeit haben, von dieser nicht Leben können!!!

Während die Reichen auf Kosten von uns immer reicher werden, gibt es immer mehr Menschen die trotz Arbeit nicht von dieser Leben können. Und das, obwohl Österreich insgesamt immer reicher wird.

Da stimmt doch am System etwas gewaltig nicht!

gibt's da auch ein argument zu?
03
29.6.2010, 18:20
wird die Arbeitslosigkeit eher steigen

wohingegen es ja besser wäre, wenn wir lauter arbeitsplätze haben, wo man nen lohn kriegt von dem man nicht (über)leben kann, oder wie?

also dann ...
15
29.6.2010, 12:37
welch ein naives t o t s c h l a g a r g u m e n t...sie hier posten, denn

die 744,- p.m. liegen UNTER der armutsgrenze
als bezieher auch vermögenswerte...auflösen/offenbaren müssen.

auf der anderen seite verschieben die reichen ... ihre PRIVAT-anteile an vermögenswerten und unter-nehmensanteilen in stiftungen..., die
- kaum von der finanz zu knacken sind
- und profitieren auch noch von grossen steuer begünstigungen.

Gianni Tremato
22
29.6.2010, 15:40

Natürlich bin ich arbeitswillig, nur überqualifiziert und welche Arbeit ist mir daher schon zumutbar? Und mein Schweizer Nummernkonto ist so anonym, das weiß nicht mal selbst wem es gehört. Das weiß nur mein Treuhänder.

gibt's da auch ein argument zu?
00
29.6.2010, 18:20
dann mach es dir bequem.

klappt sicher hervorragend!

David Mungo
03
29.6.2010, 12:11
Schön wär's

Aber leider musst du vorher einmal alles Mögliche verkaufen und dieses Geld aufbrauchen.

Und dann wirst du bei Inanspruchnahme der Mindestsicherung sofort in irgendeinen miesen Job gesteckt.

Also wirklich betreffen wird diese Mindestsicherung wohl nur die echten Sozialfälle. Menschen, die an der Grenze zu einer sozialen Behinderung (Alkoholiker, psychische Fälle,...) stehen und schon allein deshalb keinen Job bekommen.

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
03
29.6.2010, 12:32
Erwähnt soll auch werden

, dass für ca. 500.000 arbeitsuchende nur ca. 30.000 freie arbeitsplätze vorhanden sind!!

Elfmeter
40
29.6.2010, 15:08
Erwähnt sollte aber auch werden, dass noch nie so viele Leute Arbeit hatten wie heute!

gibt's da auch ein argument zu?
00
29.6.2010, 18:21
und sinkende löhne

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
03
29.6.2010, 17:21
Schön wär's.

So viel arbeitslosigkeit bzw. quasi-arbeitslosigkeit, armutsgefährdung u. armut gab's wohl noch nie in der zweiten republik.

U. so viele prekäre, oft auch menschenunwürdige jobs u. so niedere löhne bei stark steigenden gewinnmitnahmen der industrie u. grossunternehmen gab's auch nicht.
Change.

Faymanns freche Lügen
72
29.6.2010, 11:43

Natürlich nicht, aber egal: Nimm die Mindestsicherung, dann hast du nebenbei genug Zeit zum Pfuschen.

000
16
29.6.2010, 13:20
Bitte nicht füttern, das ist nur unser Haustroll.

Er ernährt sich von Aufmerksamkeit und ist unter anderem unter diesen Namen anzutreffen:

Paola Pistocchi, Jochen Jürgens, Doris Altman, Peter AMBER, Hr. Wolf, Fanny Fey, Sandra Blümel, Friedrich Bruckner, Robert Knaus, Andi Obertrummer, Roland Markart, Andreas Ilger, Haslacher Christian, d. hebenstreit, Stefan Innwitzer, Colonel Grande, Susanne Winkinger, halli gallipoli, hubertus gregor, Alted States, Tamara Fogowitz, Clara Rodi, lfgiehrt baumhaus, Dorli Stiesinger, loisi hirsch, Boris Durex, Faymanns freche Lügen, Hubert Holzbaur


Vielen Dank!

Karl Bauer4
00
29.6.2010, 09:56

Bei Krankenhausaufenthalt gibt es keine Mindestsicherung

Aktive Arbeitslose
00

Von der Artikel 15a Vereinbarung her ja. Zumindest in Wien gibt es dankenswerterweise eine Ausnahmeregelung, dass die Wohnung weiter bezahlt wird, wenn dadurch höhere Kosten durch Wohnungsauflösung (also bei billigen Mietwohnungen) vermieden werden können. In anderen Bundesländern gibt es diese Ausnahmeregelung nicht (von wegen Vereinheitlichung!)

Allerdings ist die Regelung natürlich schwammig ohne fixe Vorabkriterien.

Die Minisicherung wird jedenfalls in der Praxis viele haarige Detailfragen aufwerfen, die wohl erst durch Verwaltungsgerichtshofurteile (Duaer 2 - 3 Jahre) geklärt werden.

Übersicht zur Minisicherung unter http://www.aktive-arbeitslose.at

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
01
29.6.2010, 12:35
Allerdings

fallen auch während eines aufenthaltes im spital natürlich weiterhin viele fixkosten an - zb. miete, strom usw.!

David Mungo
03
29.6.2010, 09:29
Kann mir jemand den besonderen Unterschied zur Sozialhilfe erklären?

Außer, dass es jetzt in allen Bundesländern einheitilich viel ist, ist doch alles ca. gleich geblieben. So etwas ist normalerweise in der Zeitung nicht einmal einen Chronik-Vierzeiler wert.

loisi hirsch
77
29.6.2010, 09:28
Diese Mindestsicherung zementiert auf Generationen eine breite Schichte an Almosenempfängern ein.

Dass die da je wieder rauskommen, ist leider fast unmöglich.
Leistungsanreize und Eigenverantwortung werden systematisch genommen. Das ist vor allem für die soziale Unterschicht eine Katastrophe, die zu willenlosem linkem Stimmvolk erzogen wird. Panem und circenses (Prekariatsfernsehen), wiedergewählt werden die Sozialpopulisten.
Die bildungsferne Unterschicht wird hofiert und gleichzeitig ausgenützt von der politischen Kaste und ihren Organisationen.
Und das alles mit enormem volkswirtschaftlichem Schaden und mit langfristigen Wohlstandsverlusten:
Der Sozialstaat wird so zunehmend unfinanzierbar.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 54
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.