Kein Entkommen

28. Juni 2010, 17:34
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Bis zum Jahr 2012 soll die Tate Modern um fast zwei Drittel mehr Platz - vor allem für Kunst des 21. Jahrhunderts - haben: derzeit zeigt sie unter dem Titel "Exposed" die Kunst der Schnellschüsse

Zwei Millionen Besucher im Jahr trauten sich die Gründer der Tate Modern vor der Eröffnung im Mai 2000 zu. Tatsächlich haben mehr als doppelt so viele das umgebaute Elektrizitätswerk zum bestbesuchten Kunstmuseum der Welt gemacht. An die 46 Millionen Eintritte wurden im ersten Jahrzehnt registriert. Was natürlich auch der Lage an der Kulturmeile am Südufer der Themse und dem freien Eintritt in seine Dauerausstellungen zu verdanken ist.

Nun expandiert das Kunstkraftwerk. Einige nebenan gelegene Öltanks sowie ein großteils nicht mehr genutztes Schaltwerk werden umgebaut, rund 250 Millionen Euro sind für den Erweiterungsbau veranschlagt. Mit Fertigstellung 2012 soll die Ausstellungsfläche um fast zwei Drittel wachsen. Neben der Kunst des 20. entsteht Platz für die des 21.Jahrhunderts. Nach Entwürfen der Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron geht es 64 Meter in die Höhe. Die oberen Stockwerke sollen nach Einbruch der Dunkelheit weithin sichtbar glühen.

Von Selbstbewusstsein kündet auch eine bis 3. Oktober dauernde Fotoausstellung. Exposed kommt praktisch ohne gemeinhin als schön empfundene Arbeiten aus. Es wimmelt von verschwommenen, schlecht ausgeleuchteten Aufnahmen. Das ist freilich sowohl der Preis als auch das Merkmal von Authentizität und erinnert daran, dass die Fototechnik hochwertige Schnellschüsse noch gar nicht so lange zulässt.

Wirkung der Kamera

Die Belichtungszeit ist beim Einfangen der Wirklichkeit nicht das einzige Hindernis. Das andere ist die Wirkung der Kamera auf ihr Objekt. Manch authentisch wirkende Aufnahme, wie Robert Doisneaus Kuss, war gestellt. Die Liebenden im Kino von Arthur Hellig alias Weegee wussten dagegen nichts von der Kamera.

Um vor die Linse zu kriegen, was nicht für anderer Augen bestimmt ist, verstecken sich Fotografen, verbergen ihre Kameras, lauern den Motiven auf. Schon im späten 19.Jahrhundert wetteiferten Magazine um Schnappschüsse bekannter Persönlichkeiten. Aber als Geburtsstunde des modernen Paparazzo gilt der römische Sommer 1958, als Tazio Sechiaroli auf seinem Motorino Anita Ekberg und deren wütend eingreifenden Ehemann jagte.

Einen unrühmlichen Namen als Stalker machte sich Ron Gallela, der jahrelang Jackie Kennedy verfolgte. Er hielt auch noch drauf, wenn sein Opfer floh. So entstand im New Yorker Central Park Warum rennt Jackie? Kohei Yoshiyuki hängte sich an Voyeure, die ihrerseits Liebespaaren in japanischen Parks auflauerten. Sophie Calle setzte einen Privatdetektiv auf sich selbst an.

Es ist nur ein kleiner Schritt bis dahin, wo wir alle durch Überwachungskameras ins Visier geraten: Die neue liberal-konservative Regierung hat zwar versprochen, ihren Wildwuchs einzuschränken, doch derzeit verfolgen sie einen in London immer noch auf Schritt und Tritt. Allgegenwärtig sind sie auch in der Tate Modern. Mit geringem Aufwand hätten die Ausstellungsmacher das Publikum selbst als Objekt vorführen können. Soweit reichte das Selbstbewusstsein dann allerdings nicht. (Stefan Löffler aus London, DER STANDARD/Printausgabe, 29.06.2010)

  • Im New Yorker Central Park entstand diese Fotografie von Kohei 
Yoshiyuki: "Warum rennt Jackie?"  ist eine Reaktion auf die Verfolgung 
Jackie Kennedys durch die Paparazzi.
    foto: tate modern

    Im New Yorker Central Park entstand diese Fotografie von Kohei Yoshiyuki: "Warum rennt Jackie?" ist eine Reaktion auf die Verfolgung Jackie Kennedys durch die Paparazzi.

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