Internationale Roma-Konferenz in Wien gestartet

28. Juni 2010, 17:40
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Situation der Roma in Europa prekär - Hohes Misstrauen in Gesellschaft - THARA-Mitarbeiterin: "Roma-Community muss auch selbst aktiv werden"

Dass sich das Sozialministerium die internationale Roma-Konferenz "Romani Butji" quasi "ins Haus geholt" hat, ist schon vor Beginn der zweitägigen Veranstaltung bemerkenswert. Denn normalerweise weicht die Politik dem Thema europaweit mit traumwandlerischer Sicherheit aus. Rudolf Hundstorfer will sich der heiklen Angelegenheit stellen und erklärte am Montag: "Wir sind in Österreich in einer vielfach besseren Position als ein paar hundert Kilometer entfernt. Zurücklehnen dürfen wir uns trotzdem nicht."

Die internationale Konferenz mit rund 70 Teilnehmern will sich bis einschließlich Dienstag dreierlei Themen annehmen: Bedingungen am Arbeitsmarkt, Bedürfnissen von Roma sowie "Good Practice"-Beispielen arbeitsmarktpolitischer Projekte aus unterschiedlichen europäischen Ländern wie Bulgarien, Ungarn, Serbien und Österreich. "Uns geht es vor allem darum, die Möglichkeiten zu existenzsichernder Beschäftigung in Beziehung zu den sehr heterogenen Roma-Gemeinschaften in Europa zu setzen und eine längst fällige Auseinandersetzung mit Lösungsansätzen zu initiieren", sagte Astrid Strießnig, Projektleiterin des Sozialprojekts THARA.

Gemeinsam mit der Volkshilfe und THARA sollen in Österreich bessere bzw. fairere Bedingungen für Roma am Arbeitsmarkt geschaffen werden. "Roma zählen am Arbeitsmarkt zu den benachteiligten Gruppen", so Hundstorfer. Geschätzte 50.000 bis 100.000 Roma lebten allein in Wien - als "offene oder versteckte Minderheiten". "Die Eingliederung in den Arbeitsmarkt ist oft die Grundvoraussetzung für die Eingliederung in die Gesellschaft überhaupt, eine der notwendigen Voraussetzungen der Sicherung gegen Armut ist Arbeit und/oder ein existenzsicherndes Einkommen", so Hundstorfer in seiner Eröffnungsrede.

Ausgegrenzt und verfolgt

"Roma und Sinti wurden jahrhundertelang ausgegrenzt und verfolgt. Das prägt bis heute den Umgang vieler europäischer Staaten mit ihnen und hat direkten Einfluss auf die Zukunftschancen der Betroffenen", betonte Erich Fenninger, Geschäftsführer der Volkshilfe Österreich, der die gegenwärtige Entwicklung in einigen Nachbarländern als "nicht gerade erfreulich" bezeichnete.

Tatsächlich ist die Situation der Roma in Europa derzeit beängstigend hoffnungslos. Allein acht bis zehn der insgesamt zwölf Millionen leben in den ehemaligen Ostblockländern unter katastrophalen sozialen Bedingungen. Vom Arbeitsmarkt und von Bildung größtenteils ausgeschlossen, taumeln sie am Rande der Gesellschaft dahin, meist in kleinen Siedlungen oder in großen Ghettos. In diesen herrsch blankes Elend, Verwahrlosung und Krankheiten. Die Lebenserwartung liegt kaum über 50 Jahre, die Kindersterblichkeit ist hoch.

"Der Bildungsdurchschnitt ist vergleichbar mit afrikanischen Staaten", so Fenninger. "Bildung wurde ihnen immer verwehrt. Sie haben sie nicht abgelehnt, man hat sie ihnen vorenthalten." Was den Volkshilfe-Chef besonders besonders beunruhigt: "In manchen Ländern werden die Roma als Sündenböcke wiederentdeckt." Bestes bzw. schlechtestes Beispiel ist Ungarn. Dort hat die Aufhetzung durch rechtsradikale Gruppierungen bereits zu Übergriffen mit Todesopfern geführt.

Chancen durch Dialog

In Wien sei man bemüht, mit THARA nicht nur die Chancen am Arbeitsmarkt zu erhöhen, sondern durch Dialog das "hohe Misstrauen an der Mehrheitsgesellschaft" abzubauen. THARA-Mitarbeiterin Gilda Horvath, selbst eine Romni, brachte es auf den Punkt: "Die Roma-Community muss auch aus ihrer Opferrolle herauskommen und selbst aktiv werden. Und es ist gut, dass das Thema endlich in jenen Häusern angelangt ist, wo es hingehört: in den Ministerien."

Das ursprünglich als europäisches Projekt im Programm EQUAL durchgeführte Initiative "THARA-Haus" im 5. Bezirk half Roma-Jugendlichen bei der Integration im Bezug auf Bildung, Soziales, Kulturelles und Arbeitsmarkt. Das Projekt "THARA Amarotrajo" war eine arbeitsmarktpolitische Berufs- und Bildungsberatungseinrichtung für Roma und Sinti, das Folgeprojekt "THARA - Roma in Transition" bildete eine Brücke zwischen Angehörigen der Romagemeinschaften und Institutionen der österreichischen Mehrheitsgesellschaft. Seit Herbst 2009 läuft das aktuelle Projekt THARA - "Beratung & Dialog". (APA/red)

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