Das umzäunte Dorf

28. Juni 2010, 17:08
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Bitov - tschechische Reißbrett-Ortschaft unter Denkmalschutz

Bitov/Vöttau - Die Thaya schlägt der Orientierung ein Schnippchen. Sie hat das Waldviertel verlassen und fließt als Dyje durch das tschechisch-österreichische Grenzland. Sie windet sich wie eine Schlange, allerdings wie eine dicke, durch den Rückstau des Wasserkraftwerkes Vranov/Frain gesättigte, in die mährische Landschaft. Um nach Vöttau/Bitov zu fahren, muss man das Thayageschlinge zweimal überqueren.

Über dem Taleinschnitt erhebt sich die Burg von Vöttau/Bitov, und unterhalb der Burg lag das Dorf, verschluckt vom Rückstau der Thaya, als das Kraftwerk 1933 in Betrieb ging. Manchmal, wenn der Wasserspiegel im Hochsommer dramatisch sinkt, sind die Reste der Kirche zu sehen, deren Turm allerdings aus Sicherheitsgründen gestürzt wurde. Zu viele Taucher waren hier auf Entdeckungsreise gegangen.

Auf einer Waldlichtung im ehemaligen Besitz des Barons Haas von Hasenfels, des letzten Burgherrn, entstand das neue Bitov. Auf einer Bergkuppe gelegen, zeigt sich Bitov als klassisches Straßendorf. Zum Zentrum hin weitet sich der Platz, der als Park gestaltet wurde und von Laubbäumen dicht bestanden ist: Gemeindeamt und Post auf der Stirnseite des Platzes, die Kirche gegenüber auf ansteigendem Terrain. Im Mittelalter wäre eine Ortschaft nicht viel anders angelegt worden.

Die Geschichte der Staustufe beginnt 1908 mit dem Vorhaben, die Eisenbahnstrecke Wien-Znaim zu elektrifizieren. Dafür sollte Energie aus der Thaya gewonnen werden. 1912 war bereits klar, dass Vöttau/Bitov geflutet werden müsse. Wegen des Ersten Weltkriegs wurden die Pläne fallen gelassen und erst wieder von der ersten Tschechoslowakischen Republik aufgegriffen. Die Talsperre des E-Werks wurde oberhalb der Stadt Frain/Vranov errichtet, der Stausee schließlich 1933 gefüllt.

Die Betriebsgesellschaft des Wasserkraftwerkes entschädigte auf folgende Weise: Entweder wurde der Verlust mit einem Geldbetrag abgelöst oder mit einem neuen Haus in einem neuen Dorf. Der Großteil der Bevölkerung wollte bleiben, und so bekamen 420 Einwohner 50 neue Häuser. Nur fünf nahmen die finanzielle Entschädigung in Anspruch und zogen aus Bitov weg. Bitov war trotz Grenznähe ein Dorf mit beinahe 100 Prozent tschechischer Bevölkerung, aber der überwiegende Teil sprach auch Deutsch.

Für die Errichtung eines neuen Bitov wurde 1930 ein Wettbewerb ausgeschrieben, an dem fünf Architekten teilnahmen. Der Sieger Josef Karel Øiha (1893 - 1970) hatte bei Jan Koterá studiert. Der Prager Architekt nannte seinen Entwurf "Umzäuntes Dorf" . Eine Straße führt ums Dorf herum, heute noch ist diese "Hintausstraße" die Grenze zwischen Verbauung und Landschaft. Zwischen dieser rundum laufenden Straße und dem Dorf liegt ein Grüngürtel, der von den Gärten an den Rückseiten der Häuser gebildet wird. Gebaut wurde mit örtlichen Baufirmen und örtlichem Material.

Der Haustyp ist an die Hausformen der mährischen Walachei angelehnt. Hölzerne Fensterläden in verschiedenen Farben und mit unterschiedlichen Symbolen (Herz, Karo, Treff, Kreis) lassen eine Unterscheidung zu. Zuerst waren die Häuser zur Straße hin traufenseitig geplant. Doch das war ein zu städtisches Ambiente. Der Architekt verwarf die Idee und errichtete die Häuser mit dem Giebel zur Straße. 1932 waren sie fertig, doch die Bevölkerung wollte noch nicht einziehen, da die Infrastruktur noch fehlte. Die meisten Bewohner zogen erst im allerletzten Moment um, als im Frühjahr 1933 die Flutung einsetzte. Am 28. September 1935, dem Feiertag des Hl. Wenzel, wurde Bitov offiziell eingeweiht.

"In Novy Bitov ist es besser, in Alt-Vöttau war es schöner", pflegte der Vater des jetzigen Bürgermeisters Svatopluk Steffel zu sagen, der im Alter von elf Jahren umgezogen war. (Mella Waldstein, DER STANDARD/Printausgabe, 29.06.2010)

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