Auch die Wissenschaft selbst muss messbar sein

28. Juni 2010, 16:27
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"European Summer School for Scientometrics" widmet sich besseren Alternativen zum Impact-Faktor

Wien - Wissenschafter, Universitäten und Forschungseinrichtungen sind im Kampf um finanzielle Mittel oder beim Festlegen neuer Schwerpunkte auf die korrekte Einschätzung und Evaluierung ihrer Arbeit angewiesen. Oft aber mangelt es beim Bewerten von Zitierungen und Publikationen am Know-how in quantitativen Methoden. Abhilfe schaffen will hier die neu gegründete Kooperationsinitiative "esss - European Summer School for Scientometrics", an der die Universität Wien maßgeblich beteiligt ist.

"Wissenschaft ist immer mehr abhängig von bibliometrischen Kennzahlen, trotzdem gibt es keine eigene Ausbildung dafür. Häufig wird der Einfachheit halber alles auf einen Indikator reduziert - meist auf den Impact-Faktor", bemängelte Juan Gorraiz von der Universität Wien die gängige Praxis. Der Impact-Faktor sei nur eine von vielen Möglichkeiten, das Prestige einer Zeitschrift und somit die Sichtbarkeit der darin publizierten Artikel auszuloten. Er sei allerdings "gänzlich ungeeignet", den Impact, also die Resonanz, einzelner Arbeiten und folglich die Qualität der Publikationsleistung von Wissenschaftern zu messen.

Stichwort Szientometrie

Aus diesem Grund hat die Uni Wien in Kooperation mit der Humboldt Universität zu Berlin, dem Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung in Bonn und der Katholieke Universiteit Leuven die "esss" initiiert. "Wir wollen darauf hinweisen, dass dieses Gebiet sehr komplex ist. Die quantitative Auswahl darf auf keinen Fall allein herangezogen werden, am besten ist die Kombination mit qualitativen Verfahren wie Peer Review (Begutachtung der Forschungsleistung durch unabhängige Experten; Anm.)", meint Christian Gumpenberger, Leiter der an der Uni Wien angesiedelten "esss"-Geschäftsstelle.

Unter Szientometrie versteht man jene Disziplin, die sich mit der Vermessung der Wissenschaft beschäftigt. Die Bibliometrie ist - vereinfacht gesagt - eine Unterdisziplin, die sich mit quantitativen Messverfahren und Indikatoren befasst. Anhand quantitativer Methoden werden nicht nur der Publikationsoutput von Wissenschaftern, Institutionen und Ländern, sondern auch die Entwicklung der Wissenschaftsgebiete analysiert.

Die Resonanz wissenschaftlicher Arbeiten wird am häufigsten an der Zahl ihrer Zitierungen (in anderen Arbeiten) gemessen. Vor allem Qualitätsmanager und Entscheidungsträger im Forschungsbereich könnten hier kaum eine adäquate Ausbildung vorweisen. "Entweder sind sie Autodidakten oder haben lediglich den einen oder anderen Kurs besucht", so Gorraiz. "Unsere Ambition ist es, dass die Szientometrie bald als eigene Wissenschaft mit einer entsprechenden Ausbildung anerkannt wird."

Multidimensionalität

Im vielen Ländern werden szientometrische Verfahren zunehmend angewendet. In Spanien etwa sei es laut Gorraiz oft so, dass Wissenschafter innerhalb einer definierten Zeitspanne eine bestimmte Anzahl von Punkten beim Impact-Faktor erreichen müssen, um karrieremäßig vorzurücken. "Das ist schlecht, da nur eine Dimension erhoben wird. Wir wollen multidimensionale Aspekte berücksichtigt wissen. Es soll die Produktivität, Sichtbarkeit und der Impact von Forschern bzw. ihrer Arbeit abgebildet werden", wünscht sich Gorraiz.

Aufgrund der großen Nachfrage nach Weiterbildung in diesem Bereich hat die "esss" eine Ausbildungsoffensive ins Leben gerufen. Premiere war Mitte Juni eine "Summer School" in Berlin mit 90 Teilnehmer aus 13 Ländern. Die Kurs-Module waren bereits im April ausgebucht gewesen, für die Folge-Veranstaltung nächstes Jahr in Wien gibt es bereits eine Warteliste. (APA)


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esss

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