Wie, selten genug, sozial Neues entsteht

28. Juni 2010, 18:42
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Gerade der Öko-Sozialsektor bräuchte viel mehr Unternehmungsgeist, Neuerer, Gründer, non-profit-Profis, beherzte und unkonventionelle Tatmenschen.

Im Vorjahr hatten zwei große öko-soziale Innovationen ihr zehntes Gründungsjubiläum. Jetzt, im Erfolg haben sie viele Väter, Hochlobhudler, Preisverleiher, mit ihnen vor Kameras im Scheinwerferlicht. Schnell vergessen, dass teils dieselben Kirchen- und Parteifunktionäre von überkonfessionellen und überparteilichen Privatinitiativen, schon gar von ehrenamtlichen Wirtschaftsleuten statt Berufsgutmenschen, partout nichts wissen wollten und als "undurchführbar" belächelten.

Anfangs dominierten, wie jedem Unternehmungsgeist gegenüber, die Blockierer, Entmutiger und (ja auch) Diebe, während weitsichtige Unterstützer der ersten Stunde (wie der Linzer Bürgermeister Dobusch) rar waren. Da war der "progressive" Kirchenfürst, der "seiner" Caritas das karitative Monopol bewahren wollte; der Alt-68er-Landespolitiker, der oberklug belehrte, dass solch ein "utopischer Kommunismus" seit der Pariser Kommune 1871 und erst recht "im Kapitalismus einfach nicht funktionieren kann"; der Tiroler Sozial-"Rebell", der die Umsetzung der Idee erst verhinderte und dann mit anderen Partnern einfach stahl. Aber es gab auch frühe und spätere Unterstützer von Dobusch und Leitl bis Buchinger und Hundsdorfer.

Soma ist tatsächlich "eine Idee, die überzeugt" - wenn auch erst allmählich. Die beste Avantgarde-Spürnase hatte der ORF, der gleich im Jahr 2000 "Den großen Preis der Menschlichkeit" vergab, erst viele Jahre später folgten das Heimat-Land OÖ, dann Kirche, Wirtschaft, "innovative Sozialprojekt"-Sponsoren wie "SozialMarie". Die Zeitschrift "News", die nur Etabliertes als innovativ zelebriert, erhechelte das Neueste mit zehnjähriger Verspätung auf die Neuerung und verlieh 2009 den "Good News Award", ein halbes Jahrzehnt nach der "Krone" und lokalen Sparkassen. Doch besser eine späte "Neuigkeit" als nie.

Jetzt die Nobilitierung durch das Österreich das zählt, Minister, Medien, Sozialpartner, Wirtschaftsbosse und Landesfürsten höchstpersönlich. Da bleiben die anfangs so mühsam erreichbaren Spender schon aus wohlverstandenem Eigeninteresse nicht mehr aus: alle Großen in Lebensmittelhandel und Konsumgütererzeugung sind dabei, ein who-is-who Branchenverzeichnis, 500 regelmäßige, 1.000 fallweise Spenderfirmen, 200 Sponsor-Unternehmen. Und Kooperationspartner aus der Sozialszene von Hilfswerk bis Volkshilfe, Promente bis Samariterbund.

Es war, bezeichnenderweise, eine Initiative der nichtprovinziellen "Provinz" nach internationalen Vorbildern, die österreichweit Schule machte. Wien hingegen beschied sich lange Zeit mit der Wiener Tafel, einem kostenlosen Verteiler an Sozialeinrichtungen, nicht Endkunden. Heute gibt es drei Sozialmärkte in Wien, davon den größten Österreichs mit 7.000 Einkaufspässen in der Neustiftgasse, in Kooperation mit dem Hilfswerk.

Die Neuerer waren keine welt- und wirtschaftsfremden Träumer, "Sozialromantiker", sondern gestandene Kaufleute, Logistiker, Sozialarbeiter. Beherzte, intelligente Amateure, keine Dilettanten. Hochprofessionelle Sozialunternehmer, keine blutleeren Profis. Mitmenschen mit Leidenschaft, Hirn und Herzblut. (Bernd Marin/DER STANDARD, Printausgabe, 29.6.2010)

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