Wende im Rennen um Übernahme von "Le Monde"

28. Juni 2010, 15:20
posten

Interessenten um Sarkozy-Vertrauten ziehen sich zurück

Im Rennen um den Aufkauf der verschuldeten französischen Traditionszeitung "Le Monde" sind die Weichen gestellt: Eine von zwei Bietergruppen zog ihr Angebot am Montag zurück. Es solle keine Entscheidung gegen die Journalisten des Blattes erzwungen werden, begründete die Bietergruppe um den französischen Verleger Claude Perdriel und den noch teilweise staatlichen Telefonkonzern France Telecom den Rückzug.

France Telecom und seine Tochterfirma Orange wollten ihr Angebot bis zur geplanten Sitzung des Aufsichtsrates am Montag aufrechterhalten, wie eine Konzernsprecherin mitteilte - "aus Respekt" vor dem Gremium. Im Anschluss an die Sitzung werde das Unternehmen sein Angebot dann aber zurückziehen, und zwar unabhängig davon, wie der Aufsichtsrat der Zeitungsgruppe abstimme. France Telecom habe sich im Vorfeld verpflichtet, keine Entscheidung gegen den Willen der Journalisten durchzudrücken, sagte die Sprecherin. Die Redakteursgesellschafter von "Le Monde" hatten sich am Freitag mit überwältigender Mehrheit für die andere Bietergruppe ausgesprochen.

Durch die Ankündigung von France Telecom lief alles darauf hinaus, dass das Trio mit dem langjährigen Yves-Saint-Laurent-Lebensgefährten Pierre Berge bei der Zeitung einsteigen wird. Berge hatte zusammen mit dem französischen Bankier Matthieu Pigasse und dem Gründer des Internetanbieters Free, Xavier Niel, ein Angebot für "Le Monde" eingereicht. Für den Fall, dass das Trio um Berge im Aufsichtsrat nicht die nötigen 11 von 20 Stimmen bekommen sollte, wäre eine erneute Abstimmung bis Donnerstag möglich.

Die anstehende Übernahme war zum Politikum geworden, als Staatschef Nicolas Sarkozy unlängst ein Gespräch mit dem Herausgeber von "Le Monde" führte, Eric Fottorino. Nach Angaben der Redaktion sprach sich Sarkozy bei der Unterredung gegen das eher linksgerichtete Trio um Berge aus; der Präsident musste sich daraufhin den Vorwurf gefallen lassen, die Pressefreiheit zu gefährden.

Zu der von Sarkozy bevorzugten Bietergruppe um den Verleger Perdriel ("Nouvel Observateur") gehörte neben France Telecom auch die spanische Pressegruppe Prisa ("El Pais"). An der Spitze von France Telecom steht Sarkozys Vertrauter Stephane Richard.

Die "Le Monde"-Gruppe hatte im vergangenen Jahr 25,2 Mio. Euro Verlust gemacht. Ohne Millionen-Zuschüsse ist die Pleite nicht abzuwenden, die Rede ist von 80 bis 100 Mio. Euro. (APA)

Share if you care.