In der Lederkluft auf Reisen gehen

    28. Juni 2010, 17:33
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    Männer, schnallt die Sandalen um: Die Pariser Herren-Modeschauen für Frühjahr und Sommer 2011 zeigten sich vom Maghreb und vom Fernen Osten fasziniert. Selten waren auf den Laufstegen so wenige Anzüge zu sehen.

    Es gibt Designer, die sich nicht damit zufriedengeben, bloß eine Kollektion auf dem Laufsteg zu präsentieren. Sie erzählen mit ihrer Mode eine Geschichte. In dieser Saison gab es von ihnen besonders viele zu sehen. Die meisten handelten von weiten Reisen und fernen Ländern. Die Mode des kommenden Frühjahrs und Sommers flüchtet sich aus dem Büroalltag. Schon lange waren nicht mehr so wenige Anzüge auf dem Laufsteg zu sehen.
    Statt Brogues und Derbys hatten diesmal die Sandalen ihren großen Auftritt. Ob in der Gladiatorenvariante oder als Peep-Toes: Beinahe alle Designer verwendeten einen Teil ihrer Energie darauf, besonders ausgefallene Sandalen zu kreieren. Bei Lanvin gibt es sie mit Klettverschluss, jene von Louis Vuitton überziehen den Fuß wie mit einem grobmaschigen Netz, bei Dior Homme sind dagegen drei Lederbänder ineinander verflochten. Hier wird die Sandale übrigens mit Innenschuh getragen. Ob man in diesem Fall von Sandalenschuh spricht, wird noch geklärt werden müssen.
    Wie dem auch sei: Die Sandale trägt den Mann in ferne Gefilde. Der Trend zu einer neuen Lässigkeit hatte bereits die Modeschauen in Florenz und Mailand dominiert. Stärker noch als in Paris dominierten starke Farben und informelle Sportswear die Laufstege - ob das nun die prächtigen Blaus, Gelbs und Grüns waren, die Raf Simons in seiner Jil- Sander-Kollektion vorstellte, oder die Regenbogenfarbpalette von Miuccia Prada. In Paris kam jetzt noch ein Touch Ethno ins Spiel.
    Bei Vuitton etwa arbeitete Designer Paul Helbers mit Camouflage-Prints und chinesischen Drachenmuster, bei Dior Homme experimentierte Kris Van Assche weiterhin an einer voluminösen, von arabischen Djeballas inspirierten Silhouette. Beiden Designern gelang eine der besten Kollektionen seit langem.

    Viel Volumen in Paris

    Wirklich große Würfe gab es in dieser Saison aber kaum. Zu sehen war jede Menge gut durchdachte Mode in Hightech-Materialien. Neben der figurbetont engen Silhouette gewinnt eine voluminösere Form immer mehr an Terrain. Jean Paul Gaultier etwa präsentierte eine herrlich verschwitzte, nordafrikanische Haremsfantasie, eine augenzwinkernde Hommage an Yves Saint Laurent. Dessen Label wird unterdessen von Stefano Pilati verantwortet, der sich mittels Tunikas und Hosen mit tiefem Schritt ebenfalls an Marokko versuchte, dabei aber die Leichtigkeit und den Witz vermissen lässt, mit dem sich Gaultier an der arabischen Welt abarbeitet.
    Ist der Maghreb die eine Lieblingsdestinationen der Designer, dann ist der Ferne Osten die andere. Bei einem Label wie Kenzo ist das nicht weiter überraschend. Der Designer war der erste Japaner, der in den 70ern in Paris Furore machte. Heute verantwortet Antonio Marras die Designgeschicke, ein Sarde, der sich mit Kenzos 40-jähriger Jubiläumskollektion Japan annähert. Wasser-farbenspiele oder Stepp-Intarsien auf den Drei-Knopf-Anzügen ergaben eine schöne Fusion-Kollektion. Eine solche stellte auch Mihara Yasuhiro vor. Seine Kollektion gehörte zu den großen Überraschungen dieser Modewoche.
    Der japanische Designer ist hierzulande höchstens wegen seiner Sneakers-Linie für Puma bekannt. Er erzählte von allen Designern die schönste Geschichte - mittels eines Hightech-Schattenspiels: Als Projektion auf eine rückwärtige Leinwand wird Henry David Thoreaus Roman Walden visualisiert, die Geschichte eines Aussteigers in der Wildnis. Von College-Outfits bis hin zu einem mit schönen Details spielenden Lagenlook war alles dabei. Eine Kollektion wie aus einem Guss.
    Mods bei Dries Van Noten
    Das lässt sich auch über Dries Van Noten sagen. Der für seine romantische Ader bekannte belgische Designer verwunderte diesmal mit einer an Mods und Punks orientierten Kollektion - samt Springerstiefel und doppelreihigen Jacketts. Was aussah wie ein schwerer Arbeiterstoff, entpuppte sich allerdings als federleichtes Material. Wie so oft in der derzeitigen Mode sollte man sich nicht vom ersten Anblick täuschen lassen. Mindestens genauso viel Energie wie in das Design investieren die Modemacher mittlerweile in die Entwicklung neuer Stoffe. Die hochwertigsten gibt es traditionell bei der Edelmanufaktur Hermès.
    In der übernächsten Saison trifft man hier auf minzgrüne Blousons aus Veloursleder oder auf federleichte Jacketts aus sandfarbenen Hemdstoffen - und dazu natürlich auf eine ganze Menge neuer Reisetaschen.
    Wer im nächsten Sommer auf Reisen gehen möchte, für den ist also reichlich vorgesorgt.(Stephan Hilpold aus Paris, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.06.2010)

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