Reportage

Auf die Plätze, fertig - Kuscheln!

von Bianca Blei  |  02. Juli 2010, 19:41
  • Artikelbild: Beim Kuscheln werden Glückshormone ausgeschüttet - auch bei fremden Menschen. - Foto: dpa/dpaweb

    Beim Kuscheln werden Glückshormone ausgeschüttet - auch bei fremden Menschen.

  • Artikelbild: "Kuscheltrainerin" Andrea Kiss geht seit zwei Jahren auf Kuschelpartys. - Foto: ZVG

    "Kuscheltrainerin" Andrea Kiss geht seit zwei Jahren auf Kuschelpartys.

Kuschelpartys, ein Trend aus New York, wird auch in Wien gefeiert - drei Stunden Zärtlichkeit von fremden Menschen

Bis es zu einer ersten Umarmung oder gar Streicheleinheiten zwischen zwei Personen kommt, braucht es normalerweise ein paar Treffen oder zumindest einen gewissen Grad an Verwandtschaft. Im 16. Wiener Gemeindebezirk reicht da schon bequeme Kleidung, achtzehn Euro und der nötige Wille. Im Seminarzentrum in der Hyrtlgasse finden nämlich sogenannte Kuschelpartys statt. Fast jede Woche treffen sich dabei oft wildfremde Menschen, um Zärtlichkeit auszutauschen. Der Eintritt ist ab 18 Jahren und gekuschelt wird nur unter der Aufsicht von "Trainerin" Andrea Kiss. Die 49-Jährige hat ein Basisseminar zur Kuscheltrainerin in Berlin absolviert und bietet seit Anfang 2010 selbst solche Partys an.

Kuscheln als Therapie

Vor Beginn des dreistündigen Kuschelseminars finden sich nach und nach die 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Vorraum des Seminarzentrums ein. Männer und Frauen halten sich dabei die Waage und die Altersspanne reicht von Mitte Zwanzig bis Mitte Sechzig. Scheue Blicke und nervöses Lächeln bestimmen das Bild. Immerhin sind heute laut Kiss "viele neue da". Jeder schreibt sich selbst ein Namenschild, trinkt noch einen Schluck Wasser und dann bittet die Trainerin schon in den Seminarraum. 

"Kuscheln kann auch Therapie für Menschen sein", erzählt Kiss. Und wirklich: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass beim Austausch von Zärtlichkeit der Körper das sogenannte Glückshormon Oxytozin ausschüttet, das das Abwehrsystem stärkt und so auch Krankheiten vorbeugt. Außerdem wird durch Kuscheln Stress abgebaut und es dient der Entspannung.

Die Gründe der Teilnehmer sind unterschiedlich

Entspannt ist die Atmosphäre noch immer nicht, auch als im Sitzkreis jeder Teilnehmer nun erzählen soll, warum er oder sie heute da ist - derjenige der das Wort hat, darf dabei schon einmal mit einem Stoffdino kuscheln. "Weil eine Freundin anscheinend dachte, dass ich das nötig habe", erzählt ein "Kuschler" und reicht den Dino weiter, "weil ich mit Berührungen beruflich zu tun habe und meinen Horizont gerne erweitern würde", sagt ein anderer und "weil ich ein Problem mit Nähe habe und gerne wissen will, ob ich Streicheleinheiten von fremden Menschen zulassen kann", erzählt der nächste.

"Die Kleidung bleibt an"

Nach der Vorstellungsrunde erläutert Andrea Kiss die "Kuschelregeln". Wichtig dabei sei vor allem, "dass die Kleidung die ganze Zeit über anbehalten wird" und man "um Erlaubnis fragen muss, bevor man mit jemanden kuschelt". Dabei sollte der Gefragte sich auch trauen, klar Nein zu sagen, wenn er sich in einer Situation nicht wohl fühlt. Warum es beim Kuscheln Vorschriften gibt? "So wissen die Leute noch bevor sie zu einer Party kommen, welcher Rahmen gilt und können sich darauf einstellen", sagt Kiss. Für sie sei das eine gewisse Art von Sicherheit, die sie den Teilnehmern gewährleistet, damit auch Vertrauen entstehen kann.

Lockerungsübungen vor dem Kuscheln

Der Sitzkreis löst sich auf und Kiss stöpselt ihren MP3-Player an. Zu südamerikanischer Musik fordert sie die Teilnehmer auf, zu tanzen und sich selbst zu lockern. Das ist nicht für alle einfach. Manche treten von einem Bein auf das andere und bewegen sich wenig vom Fleck, manche wirbeln aber schon aufgelöst durch den ganzen Raum und werfen die Arme in die Luft. Zum gegenseitigen Kennenlernen schlägt Kiss vor, kurz vor einer anderen Person stehen zu bleiben und sich in die Augen zu sehen. Bei vielen ist dabei das nervöse Grinsen von Beginn noch immer ins Gesicht gemeißelt. Nach einer Übung, bei der das bewusste Ja- und Nein-Sagen geübt wird, folgen erste Streicheleinheiten - vorerst aber nur jeder bei sich selbst. Währenddessen dimmt Kiss das Licht immer mehr auf Kuschelniveau.

Trend kommt aus New York

Der Trend zu Kuschelpartys hat seinen Ursprung in New York, der Stadt mit dem größten Singleanteil in den USA. 2004 organisierte der Sexualtherapeut Reid Mihalko mit seiner Frau eine "Cuddle-Party" für seine Klienten. Dabei sollten bestehende Paare wieder lernen, sich gegenseitig zu berühren und miteinander Zärtlichkeit auszutauschen. Bei den jetzigen Kuschelpartys finden sich aber zumeist Singles, auch wenn Kiss ihre Veranstaltung nicht als "Single-Börse" verstanden wissen will, obwohl sich auch schon Paare auf ihren Partys gefunden hätten. Wenn schon bestehende Paare kommen wollen, dann "sollten sie aber schon vorher ihre Grenzen und Regeln besprochen haben". Immerhin kann es verwirrend sein, wenn man seinen Partner sieht, während er von anderen gestreichelt wird.

Mit verbundenen Augen gestreichelt werden

"Jetzt kommen die Matratzen dran", sagt Kiss und die Teilnehmer beeilen sich die schon bereitgelegten Unterlagen in den Raum zu zerren. Vier Matratzen werden benötigt, auf die sich nun je ein Teilnehmer mit verbundenen Augen legt und von zwei aus der Gruppe nach seinen Vorstellungen gestreichelt werden darf. "Kopf und Rücken sind in Ordnung, Beine aber nicht", so und ähnlich werden vorher die Grenzen durch die Gestreichelten abgesteckt. Waren am Anfang noch alle nervös, lösen sich jetzt bei den meisten die Anspannungen und hie und da ist auch ein wohliges Brummen zu hören. "Genießt, dass ihr von vier Händen gleichzeitig verwöhnt werdet", sagt Kiss immer wieder, während sie die entspannende Musik steuert. Nach etwa zehn Minuten ist Schluss mit dem Zauber und andere dürfen auf die Matratzen.

Auch Organisatorin war zu Beginn nervös

Andrea Kiss war vor zwei Jahren auf ihrer ersten Kuschelparty in Wien und war damals selbst nervös: "Ich hab ja nicht gewusst, was passiert." Doch nach der zweiten Party sei Anspannung "kein Thema mehr" gewesen. 2009 schließlich absolvierte sie in Berlin bei einer Kuscheltrainerin die Basisausbildung. Die dauert ein ganzes Wochenende und ist ein "wahrer Kuschelmarathon". Bevor sie zur Trainerin avancierte leitete sie 17 Jahre lang ein Reisebüro und ließ sich dann zur Mediatorin und Lebensbegleiterin umschulen. "Ich habe 25 Jahre Gruppenerfahrung", erzählt Kiss.

Gruppenkuscheln als "Höhepunkt"

In der Pause der Kuschelparty ist es überraschend still. Die Teilnehmer bedienen sich am Buffet, lehnen auf den weichen Bänken oder blicken an die Wand. Die Stimmung wirkt trotzdem nicht verkrampft. Als Kiss wieder zurück in den Raum bittet, geht die Party auf ihren "Höhepunkt" zu: Gruppenkuscheln. Schnell finden sich alle "Partygäste" verknotet auf den Matratzen, der "Kuschelwiese", wieder und dürfen sich berühren was das Zeug hält.

Manch einer möchte sich aus der Umarmung der anderen gar nicht mehr lösen, als die Trainerin zu Abschlussrunde bittet. "Ich war überrascht wie schnell ich Vertrauen aufgebaut habe" oder "Ich kann endlich wieder Nähe zulassen" war der Grundtenor der Gruppe. Hat man sich am Anfang noch per Handschlag oder mit einem kurzen "Hallo" begrüßt, fällt die Verabschiedung schon deutlich wärmer aus: mit einer herzlichen Umarmung. (Bianca Blei/derStandard.at/28. 06. 2010)

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shepherd
03.08.2010 18:01
aha *gg*

15 Teilnehmer und "Männer und Frauen halten sich dabei die Waage"

7 manderl
7 weiberl
und
1 ... ? ;)

meintäglichesmüsligibmirheute
22.07.2010 09:55
traurig...

...weil die einsamkeit rasant zunimmt! keiner mehr zeit für die eigenen familienmitglieder hat, oder sich nehmen will...
eine leere, traurige, überflitterte welt, wo das äußere haben mehr zählt, als der mensch!
darum nehmen die psychischen krankheiten zu...
aber, der mensch hat nun mal seinen blinden fleck und den übertüncht er mit all dem, was man so "braucht"...

Ndugu
21.07.2010 16:44
Die Kommentare sind wirklich deprimierend!

Warum denn bitte nicht kuscheln???
Wem tut's weh, wem schadet es? Niemand wird gezwungen - ich sehe echt nicht, was daran so provozierend ist. Ich find's eine schöne Idee, dass Leute, die Nähebedürfnis haben und niemanden zum Kuscheln haben, so ihre Batterien aufladen können.

Weiter so, Kuschler braucht die Welt!

grashüpferIn
16.07.2010 11:44

Die jugendfreie Version von Swingerclub.
Aufbauseminar für das Kuscheltrainig: Grapschen für Anfänger.
Meisterkurs: Paarungsrituale - von der Theorie zur Praxis; Gruppentraining gegen geringen Aufpreis.
Probieren Sie's doch einfach aus.

geordie 
13.07.2010 09:58
Euch hol ich locker ein

und mach jetzt den Kuscheltrainer!

Natürlich bei Humbold!

carmen badfar
11.07.2010 17:22
ein Applaus,

an die Menschen die da mitmachen. Ich ehrlich gesagt könnte es mir nicht vorstellen. Denn ich hatte keine Lust, dass mich Wildfremde Menschen/Männer anfassen bzw. mit mir kuscheln. Wenn ich Kuscheln will und einsam bin, kauf ich mir ein Kuscheltier und der kostet nicht soviel.

peter schmidt
02.07.2010 18:34
in der usa gibts

plüschtierparties . d.h. man kommt im ganzkörperkostüm, als bär, hase usw. und dann hüpfen alle rum und umarmen sich (teilweise ist das ganze sehr asexuell gemeint teilweise aber auch schon beinahe swingerartig). es wird passende musik gespielt . xtc und thc sind wohl auch dabei. stelle ich mir nicht unwitzig vor.

Oisa i find des (ned) supa
02.07.2010 15:10
Deprimierend

dass es so viele Leute gibt die offensichtlich so einsam sind, dass sie Geld ausgeben müssen, um kuscheln zu können/dürfen.

Eure Heiligkeit
02.07.2010 12:46

Öffie fahren is sicher billiger .....

Alles was die Welt nie wissen wollte
02.07.2010 09:28
Die Ausbildung zur Kuscheltrainerin ...

war sicherlich der Hammer. Wie sagte schon mein Mathematikprofessor : "1% Inspiration 99% Transpiration" (er bezog das damals jedoch auf Mathematikausbildung).

Was mich wirklich verwundert, und das ist mein Ernst, daß dieser schmoarrn, gerade aus den USA kommt. Haben, vor allem die Männer dort, alle eine so gute Rechtsschutzversicherung oder muß vor dem Kuscheln mal ein hundertseitiges Vertragswerk gewälzt werden?

Würde ich daran teilnehmen, dann nur mit meiner Anwältin.

spacedakini
02.07.2010 16:46

???
wozu brauchen sie zum Kuscheln eine Anwältin??

Ben Ohm
13.07.2010 13:47

Anwaltsfetisch?

Chocoholic
01.07.2010 20:37
Irgendwie ist mir das einfach zu steil.

Dabei kuschel ich gerne... aber so...

liebenfels 
01.07.2010 14:05

Das gibt's in Wien ja schon länger, im Traumland z.B. :-)

Odette
01.07.2010 12:36
so eine aufregung!

tut doch niemand weh, sollen's doch kuscheln. ich kann mir's schwer vorstellen, aber da gibt's doch wirklich schlimmeres.

Dagmar Rehak  |   
01.07.2010 13:25

Offensichtlich tut's doch einigen weh.
Mich hat auch die große Zahl der Beiträge überrascht. Da gibt es offensichtlich eine Marktlücke.

Marlon62
01.07.2010 15:38
Mich belastet eher der Gedanke,

dass dies vielleicht schon bald ein Pflicht-AMS-Kurs auf Kosten der Öffentlichkeit wird.

coolio
22.07.2010 13:27
ob jetzt ams-kurse

wie die "wie bewerbe ich mich richtig"-kurse von oder besser gesagt für pädakabsolventen auf kosten der öffentlichkeit gehen oder kuschelkurse ist auch schon egal.

til eulenspiegel
02.07.2010 13:35

du bist doch sicherlich so einer, der bei allem immer gleich an die kosten denkt. der arme steuerzahler, uiuiui.

bist sicher so ein tetrapak-weinspitz, hm?!

Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft AG 
01.07.2010 11:33

na besser die sozial verarmten beziehungskrüppel gehen in den kuschelkurs als sie kaufen sich einen hund. vom kuscheln werden wenigstens die straßen nicht zugeschissen.

duke box
30.06.2010 20:12

ich steh eigentlich mehr auf kuscheln mit reinstecken.

Klaus Kurz1
30.06.2010 14:01
Trend kommt aus New York

Wie oft wollen uns unsere amerikanischen Freunde denn noch beweisen, dass sie die weltweit die Top-Erfinder der größten Unnötigkeiten sind?

geek!
30.06.2010 13:58
gegen aufpreis

gibts auch einzeltraining :D

Lenny Leonard
30.06.2010 13:06
sinnvolle Therapie

Biete neuerdings auch eine sinnvolle Therapie an. Brustvergrößerung durch Handauflegen. Nur € 14,90 pro Sitzung.

til eulenspiegel
03.07.2010 14:21

ich biete: muschi-befeuchtung durch spatz reinstecken.

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