Die Ältesten werden die Ersten sein

27. Juni 2010, 18:50
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Für Peter Wawerzinek das Sicherste, was es gibt: Schreiben

Die Erinnerung sei die "kleine Taschenlampe im Kopf" sagte Peter Wawerzinek, seit gestern ältester Preisträger in der Geschichte des Bachmannpreises, im den Wettbewerbslesungen jeweils vorangestellten kleinen Filmporträt. Um die Erinnerung einer Überführung in ein Kinderheim ging es auch in Wawerzniks Siegertext über ein Kind, das er selbst war.

Am 28. September 1954 als Peter Runkel in Rostock geboren, wurde Peter Wawerzinek von seinen Eltern, die Richtung Westen flohen, in der DDR zurückgelassen und verbrachte zehn Jahre in Kinderheimen, bevor ihn ein Lehrerehepaar adoptierte. Die Jugend- und Schulzeit verbrachte Wawerzinek an verschiedenen Orten an der Ostsee. Es folgten eine Lehre als Textilzeichner und der Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee. Ein Kunststudium, das er allerdings bald abbrach, führte den wuchtigen Mann mit den sanften Augen unter der hohen Stirn nach Ost-berlin, die Stadt, in deren Literatenszene um den Prenzlauer Berg er schnell für Aufsehen sorgen sollte.

Sich mit verschiedenen Berufen wie Tischler, Briefträger und Kellner in der Mitropa-Gastronomie über Wasser haltend, machte er sich in den 1980er-Jahren als Stegreifpoet und Performance-Künstler "ScHappy" einen Namen. Nach der "Wende" tat er sich durch satirische Texte über die DDR hervor und wurde 1991 zum Bachmannpreis eingeladen, wo er ein Stipendium gewann. Wahrscheinlich ist er nicht nur der älteste Hauptpreisträger, sondern auch der Einzige, der hier drei Preise gewann.

Anschließend verbrachte der Mann, der vor ein paar Jahren als "Seeschreiber" am Wolfgangsee mit dem Gedanken spielte, Oberösterreicher zu werden, vorwiegend schreibabstinent in Schleswig-Holstein, wo er ein Landleben führte und eine Landliebe pflegte. Da ihm ein "Bauernlümmel", wie er in einem Interview sagt, die Geliebte nahm, entschloss er sich, wieder nach Berlin zu gehen und das zu tun, was ihm "in all den Jahren am sichersten erschien: schreiben".

So führte es den widerständigen Autor zum zweiten Mal in das Babylon des Literaturbetriebs nach Klagenfurt. Den Triumph, den er hier feierte, vergönnen ihm viele, oder wie es in Wawerzineks Roman Mein Babylon heißt: "Die Wahren waren nicht auf Erfolg aus. Sie feierten das Geringste, was sie am Leben hielt. (...) Es gab ihrer nur wenige. Sie versanken im Meer der Angeber, bildeten darin kleine weiße Schaumkuppen." (Stefan Gmünder, DER STANDARD/Printausgabe, 28.06.2010)

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    Peter Wawerzinek nach dem Gewinn des Bachmann-Preis am Sonntag.

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