Literatur als lebens­rettende Maßnahme

27. Juni 2010, 18:42
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Zum Glück ist der Klagenfurter Bachmann-Preis-Wettbewerb immer wieder auch für positive Überraschungen gut

Der deutsche Schriftsteller Peter Wawerzinek gewinnt den Haupt- und Publikumspreis.

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Klagenfurt - Sie haben es also wieder getan. Zum 34. Mal wurde gestern der Ingeborg-Bachmann-Preis vergeben - nachdem am Samstag der Lesewettbewerb mit den Beiträgen von Peter Wawerzinek und Verena Rossbacher unerwartet noch einmal Fahrt aufgenommen und die Österreichische Autorennationalmannschaft dem FC "Tage der deutschsprachige Literatur" im mittlerweile auch schon traditionellen Fußballspiel eine empfindliche 4:0 Niederlage zugefügt hatte.

Das große Autorenmetzeln, bei dem die Jury einst unter Anwendung standrechtlicher Verfahren und bei bestem Büchsenlicht von 3sat live übertragen das Feuer auf schlechte Texte eröffnete, gibt es nicht mehr - die Schlachten finden auf dem Fußballplatz statt. "Wir schämen uns für euch" war dort auf dem Transparent eines das verlierende Team unterstützenden Autors zu lesen.

Obwohl nun schon lange, eigentlich jährlich, die Klage anschwillt, es handle sich beim Bachmann-Preis um eine Veranstaltung mit mutlosen Autoren, zahnlosen Juroren und glanzlosen Texten, gehört das Klagenfurter Wettlesen, bei dem es um fünf Preise und insgesamt 56.500 Euro geht, doch jedes Jahr zu den größeren Ausschlägen auf der Geld-Geist-Skala des Literaturbetriebs.

In den Statuten des Bewerbs war 1977 von "Werkstattcharakter" und "Arbeitstagung" die Rede, von einem auf Diskussion angelegten Treffen. Ein Literaturmodell sollte hier entstehen, inszeniert in einem Raum so groß wie ein kleines Theater, ein Modell, das - vom Fernsehen in die Wohnzimmer der Literaturnation verbreitet - zeigt, was normalerweise hinter den Kulissen in Literaturjurys geschieht.

Und vielleicht - alle Texte sind unter bachmannpreis.eu abrufbar - muss man diesem Literaturcasting in der Tat vor allem seine Klarheit als Pluspunkt verrechnen. Nirgends wird im Guten wie im Schlechten so sichtbar, wie verschieden man Texte lesen kann und wie literarische Wertung geschieht - samt aller Unverständlichkeiten, Ungerechtigkeiten, Unabwägbarkeiten.

Nachdem am Ende des zweiten Tages und der nahezu ausgebliebenen Jury-Diskussion um Josef Kleindiensts Beitrag Ausflug, einen Text, der seine Sprache ungebrochen in den Dienst der Gewalt, die zwei Männer einer Frau antun, stellt, ein eher fahles Gefühl zurückblieb, hat man dann nach einem von der Textqualität her eher mäßigen Wettbewerb die Kurve gerade noch gekratzt.

Ein neuer Ton im Bewerb

Vor allem durch die Entscheidung, den deutschen Autor Peter Wawerzinek mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis (dotiert mit 25.000 Euro) auszuzeichnen. Mit dem 56-jährigen Wawerzinek, der nun der älteste Teilnehmer ist, der je den Bachmann-Preis gewann, kam Samstagfrüh ein anderer Ton und eine andere Stimmung in den Bewerb. Mit Wawerzinek trat einer, eigentlich der Einzige, ans Lesepult, von dem man das Gefühl hatte, er sei ein Schriftsteller, einer, der Schreiben muss - und etwas zu sagen hat.

In seinem autobiografischen Text Ich finde dich / Rabenliebe wird ein Kind, "das im vierten Jahr seines Lebens partout nicht redet", in ein Kinderheim überführt. Die Mutter hat den Jungen bei ihrer Flucht nach Westdeutschland zurückgelassen. Der von Schnee, Winter und Eiseskälte grundierte, laut ICH sagende Text schildert die Erinnerung des Erzählers an dieses Kind, das er einmal war.

"Um zu wissen, was mit mir war, gehe ich durch hermetische Barrieren in gesicherte Strukturen, mir meiner Erinnerung sicher zu werden, Beleg zu erlangen, wo nicht die Spur von Gold an den verbotenen Räumen nachweisbar ist und es an Zuneigung mangelt, Zuneigung nicht gibt und auch sonst keinen Freiraum (...) bis in die heutige Zeit hinein." Es ist eine "Erinnerungsreise gegen alle Vernunft", zurück ins Heim und eine imaginierte Limousine (viertürig, "an die zweihundert Pferdestärken unter der Haube"), die das Kind dorthin bringt, auf die der Text den Leser still und sprachlich äußerst präzise mitnimmt. Unter der ruhigen, verschneiten Oberfläche allerdings wütet es in diesem Text, der auch von dem spricht, was schon immer das Privileg der Literatur war, nämlich aus Schwäche Stärke, Kälte Wärme und dem Chaos einen Kosmos zu machen.

Der mit 10.000 Euro dotierte Kelag-Preis ging an die 24-jährige Schweizer Schriftstellerin Dorothee Elmiger, die, geschult an Ilse Aichinger, überzeugend und klug die Wirklichkeit einer verwüsteten postapokalyptischen Landschaft duchmisst. Mithilfe alter Bücher rekonstruieren zwei junge Frauen eine fragmentarische Vergangenheit, um schließlich eine utopische Hoffnung auszurufen.

Der 3sat-Preis (7500 Euro) ging dann überraschend an Judith Zander und ihren Text Dinge, die wir heute sagten, der auch in die DDR zurückblendet und das Schicksal einer 16-Jährigen schildert, die ungewollt schwanger wird.

Mit dem Ernst-Willner-Preis (7500 Euro ) wurde Aleks Scholz' nicht in die Innenwelt seiner Figuren, sondern von oben in einen deutschen Vorgarten zoomender Text Google Earth (in dem ein stummes Kind eine Rolle spielt), ausgezeichnet. Der per Internetvoting ermittelte Publikumspreis (7000 Euro) schließlich ging wieder an Wawerzinek. Das ist schön, unverständlich blieb allenfalls, warum es Verena Rossbacher mit ihrem intensiven Text über eine vermeintlich unbefleckte Empfängnis nicht einmal auf die Shortlist schaffte.

Durch die beiden Preise, die Wawerzinek hier gewann, werden nun, jedenfalls bis zum nächsten Jahr, die Stimmen, die sagen, man könne hier mit für den Bewerb designten Texten gewinnen, leiser werden, was auch das Verdienst der inhomogen wirkenden, mehr sich hinter formalen Kriterien verbarrikadierenden als an sprachlichen Kriterien orientierenden Jury ist. (Stefan Gmünder, 28.06.2010)

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    Siegerehrung im Klagenfurter ORF-Studio: die Autoren (v. li.) Dorothee Elmiger, Aleks Scholz, Bachmann-Preis-Gewinner 2010 Peter Wawerzinek und Judith Zander.

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