"Er fliegt in dieser Höhe ganz anders"

27. Juni 2010, 18:37
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Die Kritik am WM-Ball hat eine neue Dimension erreicht. Erstmals nimmt die Fifa Stellung. Nach der WM ist ein Workshop geplant. Nur Hersteller Adidas lobt die Frucht noch immer

Johannesburg - "Wir sind doch nicht taub. Die Fifa ist nicht unempfänglich für Kritik am Ball. Es gibt Regeln für Größe und Gewicht. Der Ball muss perfekt sein", sagte Fifa-Generalsekretär Jerome Valcke. Und dann kündigte der Franzose an, dass es nach der WM bei einem noch nicht terminisierten Workshop eine intensive Aussprache mit den Trainern und Kapitänen der 32 Mannschaften geben werde. Dem Vernehmen nach, das nur nebenbei, ist die Freude der 32 Trainer und Kapitäne darauf gewaltig, so können es die Franzosen Raymond Domenech und Patrice Evra gar nicht erwarten, einander wiederzusehen.

Der Jabulani genannte Ball jedenfalls ist im Gegensatz zu den Franzosen in Südafrika geblieben, freilich muss er sich ganz ähnlich beschimpfen lassen wie beispielsweise Domenech. Offenbar verändert die Kugel vor allem in der Höhe ihre Flugeigenschaften derart, dass zahlreiche Feldspieler und Keeper den Eindruck haben, sie hätten zuvor noch nie Fußball gespielt. "Wir haben Ärger mit dem Ball. Wir müssen deshalb noch mehr trainieren", sagte beispielsweise Spaniens EM-Held Fernando Torres. Bis zum WM-Achtelfinale gegen Portugal am Dienstag in Kapstadt trainiert der Europameister jeden Tag intensiv mit dem Ball. Geübt werden vor allem Flankenwechsel, da diese bei dem WM-Turnier oftmals über die Köpfe der Mitspieler hinweg ins Aus geflogen waren.

"20 bis 25 Prozent schneller"

"Der Ball fliegt in der Höhenluft einfach ganz anders. Sehr oft fliegt die Kugel über die Köpfe der Adressaten ins Aus", sagt auch der deutsche Rekordnationalspieler Lothar Matthäus. In Kombination mit der Höhe - fünf der neun WM-Städte liegen mehr als 1000 Meter über dem Meeresspiegel- sei der Ball unheimlich schwer zu kontrollieren. "Da ist er 20 bis 25 Prozent schneller", sagt ZDF-Experte Oliver Kahn. Der Grund: In der dünnen Luft trifft der Ball auf geringeren Widerstand. So sieht es auch der Niederländer Mark van Bommel. "Wir spielen schon seit November bei den Bayern mit diesem WM-Ball. Aber er fliegt in dieser Höhe ganz anders als in der Bundesliga."

Vehement verteidigt dagegen der Vorstandsboss von Hersteller Adidas, Herbert Hainer, den WM-Ball. Hainer sagte, der Jabulani sei "runder, aerodynamischer und schneller" als alle anderen Bälle. Den schärfsten Kritikern entgegnete Hainer, dass der Ball umfassend getestet worden sei und die Teams seit Jahresbeginn damit üben konnten.

Italiens viermaliger Welttorhüter Gianluigi Buffon hatte den Ball als "Schande" bezeichnet. Mexikos Schlussmänner stellten eigens ihr Training um. Die mexikanischen Keeper übten des öfteren schon mit Football-"Eiern", um sich besser an die ungewöhnliche Flugbahn des WM-Balls zu gewöhnen.

Oberfläche zu glatt?

Der WM-Ball im Weltraumtest: Raumfahrtingenieure am California Institute of Technology Caltech haben den stark kritisierten Jabulani in einem Windkanal auf seine aerodynamischen Eigenschaften getestet. Bei einer bewusst gewählten langsamen Windgeschwindigkeit von zehn Metern pro Sekunde verglichen die Wissenschaftler die Flugeigenschaften der Kunststoffkugel mit denen eines Vorgängermodells. Das Resultat: Durch seine glatte Oberfläche ist die Flugkurve des WM-Balls schwerer zu berechnen. "Das ist schwer nachzuvollziehen, aber je unebener die Oberfläche ist, desto besser ist seine Flugkurve vorherzusehen", erklärte Beverley McKeon, Dozentin am Caltech. Um abschließend zu sagen, welcher der beiden getesteten Bälle besser sei, seien aber weitere Tests nötig, betonte die Wissenschaftlerin.

Adidas rechnet weltweit mit einem Verkauf von 13 Millionen Jabulani-Kugeln, die unverbindliche Preisempfehlung des Herstellers liegt bei knapp 120 Euro, einige Geschäfte geben den Jabulani freilich schon günstiger her. Insgesamt erwartet Adidas für das laufende Jahr im Bereich Fußball einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro. Die WM habe sich positiv auf den Absatz ausgewirkt, heißt es. Adidas rüstet bei der WM zwölf der 32 Mannschaften aus, dazu gehören beispielsweise Deutschland, Frankreich, Spanien und Argentinien. (DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 28. Juni 2010, sid, fri)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein Bild vom Trainingsplatz der Mexikaner, deren Goalies sich mit Footbällen auf den Jabulani einstellen wollen.

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