Verkehrtes Wembley-Tor, verdienter Sieg

27. Juni 2010, 17:49
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Deutschland besiegte England klar, doch ein Wembley-Tor der verkehr­ten Art hatte im Achtelfinale die Weichen gestellt, was reichlich Stoff liefern wird für künftige Duelle der beiden Rivalen

Bloemfontein - Der Klassiker bot viele Stückerln, nur ein Elferschießen bot er diesmal nicht. Die Deutschen spielten gut, aber es war eine Art Wembley-Tor, welches die Partie entscheidend lenkte. Doch im Gegensatz zur WM 1966, als im Finale zu Wembley Geoff Hurst einen Lattenpendler zum 3:2 produzierte, der, wie die unscharfen Bilder von damals nahelegen, wohl nicht hinter der Linie landete, und den der Referee als Tor wertete, passierte in Bloemfontein Gegenteiliges. Ein Schuss von Frank Lampard pendelte von der Latte ganz eindeutig hinter die deutsche Torlinie, wie die scharfen Bilder nicht nur nahelegen, sondern beweisen, doch der Referee versagte dem Treffer die Anerkennung. Es wäre Englands Ausgleich zum 2:2 gewesen. Das WM-Finale 1966 in London gewann England gegen Deutschland mit 4:2. Das WM-Achtelfinale 2010 gewann Deutschland gegen England mit 4:1.

Bereits vor dem Spiel gab's für Deutschlands Teamchef Joachim Löw Erfreuliches. Er konnte die angeschlagenen Bastian Schweinsteiger und Jerome Boateng einsetzen. Und für den von einer Bauchmuskelzerrung gequälten Cacau bot Löw den im letzten Gruppenspiel gegen Ghana gesperrten Miroslav Klose von Beginn an auf, was sich bald auszahlen sollte. Auch wenn der 32-Jährige den Altersschnitt der DFB-Elf, die mit dem jüngsten Kader (24,82 Jahre) seit 1934 in ein großes Turnier gestartet war, ein Stück hob.

Schon in der dritten Minute beging das uruguayische Schiedsrichterteam mit Jorge Larrionda als Chef einen schweren Fehler. Wayne Rooney, im Rücken der deutschen Abwehr stehend, erhielt den Jabulani, doch er erhielt ihn von Philipp Lahm, dessen Rettungsversuch misslang, was das vom Referee verhängte Abseits eigentlich aufgehoben hat. Aber abseits ist, wenn der Schiri pfeift, und der Schiri pfiff.

Damit war es für längere Zeit vorbei mit der englischen Fröhlichkeit. Die Deutschen drückten an. In der 5. Minute tauchte Spielmacher Mesut Özil alleine vor Englands Keeper David James auf, doch der Bremer konnte diese Gelegenheit nicht nutzen, schoss mit dem schwächeren rechten Fuß so schwach, dass James abwehren konnte. Es blieb erst einmal der einzige Höhepunkt, da beide Teams das Risiko mieden. Der dreifache Weltmeister Deutschland wirkte zwar etwas entschlossener und aktiver als der einfache Weltmeister England, lief sich aber immer wieder fest.

Erst ein genial einfacher Zug der Deutschen, wie er schnörkelloser nicht sein kann, und ein bemerkenswerter Stellungsfehler der Engländer führten zur deutschen Führung. 20. Minute: Nach einem weiten Abstoß von Goalie Manuel Neuer setzt sich Klose gegen John Terry durch und befördert den Ball im Fallen an James vorbei ins Netz - 1:0. Es handelt sich um Kloses 50. Tor im 99. Länderspiel, um seinen 12. WM-Treffer, womit er in dieser Wertung mit dem großen Brasilianer Pelé gleichzog. Erfolgreichster WM-Torschütze ist Brasiliens Ronaldo (15) vor Deutschlands Gerd Müller (14) und Frankreichs Just Fontaine (13).

In der 31. Minute hatte Klose nach Zuspiel von Thomas Müller sogar das 2:0 auf dem Fuß, scheiterte aber freistehend an James. Kurz danach schlug Lukas Podolski zu. 32. Minute: Klose zu Müller, der spielt von rechts zum links laufenden Podolski, der zwar zunächst etwas Zeit und also Raum verlor, doch aus spitzem Winkel James doch noch bezwang.

Die Engländer durften sich im Free State Stadion zwar der Unterstützung von Mick Jagger erfreuen, doch sie spielten lange zu respektvoll. Starstürmer Wayne Rooney hing meist in der Luft, von Steven Gerrard und Frank Lampard kam aus dem Mittelfeld deutlich wenig Unterstützung. Der Aufbau funktionierte nur schleppend, also halfen die Deutschen aus. 37. Minute: Boateng vergisst bei einer Flanke zu springen, Neuer ist unentschlossen, Matt Upson köpfelt das 1:2.

Und dann kam die 38. Minute, kam Wembley, schoss Frank Lampard aus 17 Metern, pendelte der Ball von der Latte hinter die deutsche Torlinie, freuten sich die Engländer, gab der Referee das Tor nicht, schäumten die Engländer, gibt es wieder Stoff für 44 Jahre.

England bemühte sich noch, doch die Three Lions wurden nach der Pause erbarmungslos ausgekontert. 67. Minute: Müller trifft nach Zuspiel von Schweinsteiger zum 3:1. 70.: Müller trifft nach Zuspiel von Özil zum 4:1, fixiert Englands höchste Niederlage in der WM-Geschichte. (bez, sid; DER STANDARD Printausgabe 27. Juni 2010)

Achtelfinale:

Deutschland - England 4:1 (2:1). Bloemfontein, Free-State-Stadion, 40.510 Zuschauer, SR Jorge Larrionda/Uruguay.

Torfolge: 1:0 (20.) Klose 2:0 (32.) Podolski 2:1 (37.) Upson 3:1 (67.) Müller 4:1 (70.) Müller

Deutschland: Neuer - Lahm, Mertesacker, Friedrich, Boateng - Khedira, Schweinsteiger - Müller (72. Trochowski), Özil (83. Kießling), Podolski - Klose (72. Gomez)

England: James - Johnson (87. Wright-Phillips), Upson, Terry, Ashley Cole - Milner (64. Joe Cole), Lampard, Barry, Gerrard - Rooney, Defoe (71. Heskey)

Gelbe Karten: Friedrich bzw. Johnson

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    Und am Ende gewinnen die Deutschen.

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    Der Ball ist drin, der Schiedsrichter sah es nicht.

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