"An Übernahmen in Österreich interessiert"

27. Juni 2010, 17:39
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GE-Chef Georg Knoth erläutert, warum General Electric den Industriebereich verstärkt und die Finanzsparte zurückfährt

Georg Knoth erläutert, warum General Electric den Industriebereich verstärkt und die Finanzsparte zurückfährt. Der Standort Österreich wird ausgebaut, erfuhr Günther Strobl.

STANDARD: General Electric hat nicht nur Waschmaschinen, Turbinen und Ultraschallgeräte im Angebot, der Konzern hat mit GE Capital auch einen starken Finanzarm. Inwieweit trifft Sie die in der EU beschlossene Bankenabgabe?

Knoth: Dazu können wir noch nichts sagen, weil noch nicht klar ist, wie und worauf die Abgabe erhoben werden soll. GE Capital ist ein Spezialfinanzierungsinstitut mit Schwerpunkt Factoring und Leasing, keine Universalbank.

STANDARD: Sie selbst waren vor ihrer Rückkehr nach Europa bei GE Capital in den USA tätig. Dazwischen lag die Finanzkrise. Was hat sich verändert?

Knoth: Im Finanzbereich gibt es weniger Wettbewerber, in den Finanzinstituten wurde das Risikomanagement verstärkt. Wir selbst werden den Finanzbereich etwas zurückfahren und von gut 600 Milliarden Dollar in Assets auf 400 bis 450 Milliarden gehen. Im Gegenzug werden wir den Industriebereich etwas stärker betonen. Die Finanzsparte bleibt aber weiter ein zentraler Bereich bei GE.

STANDARD: Das Finanzgeschäft war über viele Jahre äußerst profitabel für General Electric ...

Knoth: ... und ist es noch immer. Selbst im schlimmsten Jahr von GE – 2009 – hat der Konzern allein in der Finanzsparte gut zwei Mrd. Dollar Gewinn gemacht. Das ist zwar weniger als in den Jahren davor, aber immer noch respektabel. Für die nächsten Quartale und Jahre sehen wir wieder viel Potenzial.

STANDARD: Neben den öffentlichen Bilanzen steht derzeit die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko im Vordergrund – möglicher Katalysator für eine ökologische Wende?

Knoth: Der Vorfall unterstreicht die Bedeutung eines richtigen Energiemixes und den Stellenwert erneuerbarer Energien. Manche Länder sind auf gutem Weg; andere wie die USA haben noch Nachholbedarf. Ich denke aber, dass die jüngste Katastrophe auch in Amerika einen Denkanstoß auslösen wird.

STANDARD: GE beackert viele Felder. Wohin werden die Investitionen künftig schwerpunktmäßig gelenkt?

Knoth: Wir sind derzeit schon der Anbieter mit der breitesten Palette an grünen Produkten. Diese Bereiche wollen wir weiter ausbauen, ebenso wie die Investitionen in Forschung und Entwicklung.

STANDARD: Die Palette reicht von ...

Knoth: ... Wind und Solar über klassische Gasturbinen bis Nuklear. Jedes Land soll den für sich besten Energiemix bestimmen.

STANDARD: Bei GE ist der Standortwettbewerb zwischen verschiedenen Ländern sehr hart. Welchen Ruf hat Österreich im US-Konzern?

Knoth: Einen hervorragenden. Chairman Jeffrey Immelt spricht im Zusammenhang mit der Gasmotorentechnologie, deren Weltkompetenzzentrum Jenbach ist, von einer Erfolgsgeschichte. Vergleichbares gibt es im Bereich Medizintechnik mit den Ultraschallgeräten in Zipf am Attersee.

STANDARD: Was hat General Electric in Österreich vor?

Knoth: Beide Bereiche ausbauen und weiter in Technologie investieren. Eben erst haben wir in Jenbach mit dem zweistufig aufladbaren 24 Zylinder Gasmotor mit einer Leistung von 4,4 Megawatt einen neuen Standard gesetzt. Eine Einheit reicht, um 10.000 europäische Haushalte mit Strom zu versorgen. Dieser Gasmotor liefert auch dort Top-Leistungswerte, wo andere Schwächen zeigen – in den feucht-heißen Regionen Asiens, Indonesiens, Pakistans und Lateinamerikas.

STANDARD: Sind weitere Technologiesprünge absehbar?

Knoth: Ja. Auch wenn alle gedacht haben, der technische Standard sei nicht mehr steigerbar, haben wir das Gegenteil bewiesen. So auch jetzt. Noch im Herbst werden wir eine sensationelle Innovation made in Jenbach vorstellen.

STANDARD: Was wird das sein?

Knoth: Dazu kann ich noch nichts sagen, nur soviel: die Konkurrenz wird staunen. Darüber hinaus sind wir an weiteren Übernahmen interessiert. Wir möchten die Erfolgsbeispiele Jenbacher und Healthcare anderswo in Österreich wiederholen.

STANDARD: Zeichnet sich schon etwas ab?

Knoth: Wir strecken gerade die Fühler aus. In Frage kommen die Bereiche grüne Technologien, Medizintechnik, aber auch Aviation. Wir wollen Standards setzen.

STANDARD: Inwieweit ist GE Energy von den Sparprogrammen betroffen, die in verschiedenen Ländern geschnürt werden?

Knoth: Hängt davon ab, wie die Sparprogramme letztlich aussehen. Vieles wurde verkündet, wenig ist tatsächlich schon beschlossen. Was sich bisher abzeichnet, sollte aber keine allzu großen Auswirkungen auf unser Geschäft haben. In Deutschland etwa ist nicht der Staat der eigentliche Kunde, da sind es z.B. die großen Stadtwerke, an die wir in erster Linie liefern. Die Bundesregierung macht aber das wichtige Rahmenprogramm – Einspeisetarife, Kraft-Wärme-Kopplung etc. Bis auf Solar, wo es eine anhaltende Diskussion über die Höhe der Förderung gibt, sollen die Programme nicht beschnitten werden.

STANDARD: Wie beurteilen Sie das Desertec-Projekt, das unter Mitwirkung ihres Konkurrenten Siemens vorangetrieben wird mit dem Ziel, bis 2050 Strom aus der Sonne von Nordafrika nach Europa zu bringen?

Knoth: Das ist eine tolle Vision. Allerdings gibt es noch viele technische und politische Fragen zu klären. Man wird sehen, wie rasch und ob das überhaupt geht. Darüber hinaus wird die Energieproduktion in Zukunft wesentlich dezentraler erfolgen als bisher.

STANDARD: Was macht Sie so sicher?

Knoth: In den Emerging Markets gibt es viele Gebiete, die von elektrischer Stromversorgung fast oder gänzlich abgeschnitten sind. Mit geringstem Brennstoffeinsatz möglichst viel herauszuholen wird auch in Indien, Pakistan, Südamerika und China zunehmend ein Thema. Für diese Einsätze sind unsere Gasmotoren mit einem Wirkungsgrad um die 90 Prozent bei Kraft-Wärme-Kopplung nahezu ideal. (Langfassung; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.6.2010)

Zur Person

Georg Knoth (44) ist CEO & Regional Executive für General Electric in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit Sitz in München. Er ist auch für GE Jenbacher verantwortlich, Weltkompetenzzentrum für Gasmotoren im GE-Konzern. Knoth ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

  • Georg Knoth: "Mit geringstem Brennstoffeinsatz möglichst viel herauszuholen wird auch 
in Indien, Pakistan, Südamerika und China zunehmend ein Thema."
    foto: standard/urban

    Georg Knoth: "Mit geringstem Brennstoffeinsatz möglichst viel herauszuholen wird auch in Indien, Pakistan, Südamerika und China zunehmend ein Thema."

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